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nachDRUCK # 6

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Uraufführungen

Zwei weitere Uraufführungstexte der

Gewinner des Stückwettbewerbs der

2021er AUTOR:INNENTHEATERTAGE

im Deutschen Theater Berlin

beschäftigen sich mit

gespaltener Identität und

Zweifeln am Inhalt von

bewegten Bildern



Nachdem mit When There's Nothing Left To Burn You Have To Set Yourself On Fire von Chris Michalski bereits Anfang Juni der erste Gewinner des Stückewettbewerbs der diesjährigen AUTOR:INNENTHEATERTAGE als Open Air im Innenhof des Deutschen Theaters Premiere feierte, folgten nun Anfang September die beiden anderen Gewinnerstücke, die in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Graz und dem Schauspiel Leipzig im Deutschen Theater und den Kammerspielen uraufgeführt wurden. In Michalskis Konsum- und Gesellschaftssatire über die Selbstverbrennung eines deutschen Afghanistan-Veteranen in einer Shopping-Mall in der sächsischen Provinz könnte der Jury-Sprecher Lukas Bärfuss (selbst preisgekrönter Theaterautor) wohl jenen visionären Charakter gesehen haben, von dem er in seiner Erklärung „Der Text, den ich auszeichnen möchte“ spricht. Da hat einer klare Vorstellungen, was ein guter Theatertext braucht und was nicht. Nicht immer halten sich Autor:innen und noch weniger Regisseur:innen an solche Vorgaben. Und warum sollten sie auch.

*

Was das Stück White Passing von der Berliner Autorin Sarah Kilter betrifft, könnte man sogar von einer Art überambitionierten Textzurichtung seitens der Uraufführungsregisseurin Thirza Bruncken sprechen. Dabei ist der Text intelligent, ironisch und eine durchaus ernstgemeinte Beschreibung deutscher Lebenswirklichkeit in zwei verschiedenen Berliner Stadtbezirken. Jedenfalls wie sie sich in den Reflexionen der Autorin darstellt. „Deutschland in Spiegelstrichen“ heißt es da. Eine nicht enden wollende Aufzählung, die mit „In Deutschland...“ beginnt und natürlich altbekannte Klischees der Latte-Macchiato-Generation aneinanderreiht, wie etwa Bioläden, Dinkelbrötchen, SUVs und andere Triggerpunkte deutscher Großstädter in Cafés am Charlottenburger Savignyplatz, während das Leben von Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund in der Weddinger Badstraße anders verläuft.

Die Autorin, selbst im Wedding aufgewachsen und nun in Charlottenburg wohnhaft, greift diese Widersprüche mit viel Witz auf und reflektiert das sogenannte „White Passing“ (also als biodeutsch durchgehend) ihrer Hauptfigur, die sich an ihre Kindheit in der Badstraße mit homophober Rapmusik von Bushido erinnert. Auch das natürlich ein typisches Klischeebild, dem die Autorin u.a. den sich links wähnenden Deutschen, der die AfD „schlimm, schlimm“ findet und doch beim Hitlergruß in der U-Bahn wegschaut, entgegenstellt. Schlimm, Schlimm nur, dass der Regisseurin Thirza Bruncken nichts Besseres einfällt, als die drei Leipziger Schauspielerinnen Meriam Abbas,  Julia Preuß und Bettina Schmidt als Barbie- und Ken-Puppen mit Piepsstimme sprechend im ständigen Catwalk zu Popmusik über die mit überdimensionierten Supermarkartikeln ausstaffierte Plastiktaschenbühne laufen zu lassen. Nur gut, dass die Darstellerinnen hin und wieder doch aus der starren Zuschreibung heraustreten dürfen, um sich und das, was sie hier auf der Bühne machen, zu hinterfragen.

Bewertung:    



White Passing von Sarah Kilter | Foto (C) Tom Schulze

* *

Etwas besser getroffen hat es da die in Frankfurt am Main lebende Autorin Amanda Lasker-Berlin mit ihrem Stück Ich, Wunderwerk und how much I love Disturbing Content. Sie hat ihr Stückthema etwas welthaltiger angelegt und von Claudia Bossard eine textdienlichere Uraufführung bekommen. Es geht um die mediale Verbreitung von Videoaufnahmen wie etwa die des durch Polizeigewalt ums Leben gekommen schwarzen US-Amerikaners Georg Floyd, die von gewaltsamen Demonstrationen in Mexico oder die des Geiseldramas von Gladbeck, das bereits 1988 durch Vertreter der Presse gnadenlos medial ausgeschlachtet worden war, so dass ganz Deutschland live die Bilder der beiden Geiselnehmer und ihrer Opfer sehen konnte. Verschnitten ist das mit einem Text über ein privates Home-Video einer Weihnachtsfeier von 1996, dass sich die Familie Jahre später wieder ansieht und der Ich-Erzählerin erst hier ein verdrängter Übergriff wieder vor Augen geführt wird.

Dabei zieht die Autorin nicht nur Parallelen zur Gewalt der Bilder, sondern auch zur zweifelhaften Zeugenschaft, oder dass den Opfern durch die mediale Verbreitung immer wieder aufs Neue Gewalt angetan wird. Inwieweit können Bilder mit verstörendem Inhalt Traumata befördern oder doch auch zur gesellschaftlichen Aufarbeitung dienen, hinterfragt das Stück und arbeitet sich immer wieder am Sinn und Inhalt von Videobildern ab. Das gipfelt an einer Stelle sogar in der Forderung eines Verbots von bewegten Bildern, Berichterstattung und Zeugenschaft. Extra Bewegtbilder braucht es dazu nicht, gelingt der Autorin mit ihrem Text doch eine recht klare Schilderung der Ereignisse. Claudia Bossard lässt ihre SchauspielerInnen (Lisa Birke Balzer,  Fredrik Jan Hofmann, Katrija Lehmann und Evamaria Salcher) als kollektive Stimme zunächst in Superhelden-Kostümen und später dann im 90er Jahre Outfit mit bunten Blousons oder Strickpullovern auftreten. Gespielt wird vor einer weißen Wand, die sich wie eine leere Filmrolle über den Boden zieht. Auch hier begleitet viel Pop-Musik bis zum quälenden Last Christmas die Inszenierung, die dennoch spielerisch mehr zu überzeugen weiß.

Bewertung:    



Ich, Wunderwerk und how much I love Disturbing Content von Amanda Lasker-Berlin
Foto (C) Lex Karelly

* * *

An allen drei Stücken [inkl. dem von Chris Michalski; s.o.] lässt sich jedenfalls der Hang zum Schreiben als therapeutischem Akt in eigener Sache, oder auch als Denkanstoß für die Gesellschaft, beobachten.

Vision: Verstören!

Stefan Bock - 8. September 2021
ID 13129
WHITE PASSING (DT Berlin, 03.09.2021)
von Sarah Kilter

Regie: Thirza Bruncken
Bühne und Kostüme: Christoph Ernst
Licht: Thomas Kalz
Dramaturgie: Marleen Ilg
Mit: Meriam Abbas, Julia Preuß und Bettina Schmidt
Uraufführung am Deutschen Theater Berlin: 4. September 2021
Koproduktion mit dem Schauspiel Leipzig


ICH, WUNDERWERK UND HOW MUCH I LOVE DISTURBING CONTENT (Kammerspiele, 03.09.2021)
von Amanda Lasker-Berlin

Regie: Claudia Bossard
Bühne: Daniel Wollenzin
Kostüme: Elisabeth Weiß
Mitarbeit Kostüm: Matthias Dielacher
Choreografie: Marta Navaridas
Musik: Annalena Fröhlich
Dramaturgie: Franziska Betz
Mit: Lisa Birke Balzer, Fredrik Jan Hofmann, Katrija Lehmann und Evamaria Salcher
Uraufführung am Deutschen Theater Berlin: 4. September 2021
Koproduktion mit dem Schauspielhaus Graz


Weitere Infos siehe auch: https://www.deutschestheater.de/programm/a-z/autorentheatertage_2021/


Post an Stefan Bock

AUTOR:INNENTHEATERTAGE

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