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Uraufführung

Zades

ödipus



ödipus von Maja Zade an der Schaubühne Berlin | Foto (C) Gianmarco Bresadola

Bewertung:    



König Ödipus oder Ödipus der Tyrann, eine Bearbeitung des Ödipus-Mythos durch den Dichter Sophokles, ist der Klassiker unter den griechischen Tragödien schlechthin. Der Inhalt dürfte allgemein bekannt sein. Zur Erinnerung: Ödipus tötet seinen Vater und heiratet seine Mutter. Das hat uns später u.a. den Freud'schen Ödipuskomplex eingebracht. Zur Tragödie macht die Geschichte, dass der einst wegen eines Fluchs (die Sache mit Vater und Mutter) Ausgesetzte und in fremdem Nest Großgewordene unwissend wieder ins richtige bzw. dann doch falsche Nest zurückwechselt. Erst in einem schwierigen Prozess von Nachforschungen erkennt sich Ödipus schließlich selbst als Ursache allen Übels und sticht sich die sehend gewordenen Augen aus. Das Ganze wird deshalb auch als unabwendbar, weil gottgewolltes Schicksal bezeichnet, sonst wäre es ja nicht tragisch.

Neuinszenierungen der Tragödie verhandeln den Ödipus als tyrannischen Machtmenschen, oder es geht darin um die Hybris der Mächtigen, die ihr Volk unterjochen. Man kann die Götter aber auch weglassen und die Geschichte ganz ins Heute übertragen. An deutschsprachigen Theatern sind solche Neuschreibungen alter Texte seit Simon Stones Klassikeradaptionen (Yerma) scheinbar unvermeidbar. Das Gegenwartsdrama als psychologisches Well-Made-Play mit Anleihen bei Netflix-Soaps und aufgesetzter Tragödiendramaturgie am besten noch gewürzt mit aktuell-politischem Themen.

Ein bisschen von allem möchte das Auftragswerk ödipus der Schaubühnen-Dramaturgin Maja Zade für das Haus von Intendant Thomas Ostermeier am Berliner Kudamm sein. Aber vor allem ist es schick, nicht zuletzt das Bühnenbild, eine mal wieder von Jan Pappelbaum in die Schaubühne gestellte Designerküche. In den Sand gesetzt, könnte man auch sagen. In den Sand von Griechenland, um genau zu sein. Die Koproduktion mit dem Athens Epidaurus Festival spielt in der griechischen Ferienvilla von Christina (Caroline Peters), der Inhaberin eines Chemiekonzerns, die hier mit ihrem jüngeren Lover Michael (Renato Schuch), von dem sie ein Kind erwartet, Urlaub macht, während daheim ein LKW mit Pestiziden umgekippt ist, und nicht nur Christinas Mann verunglückte, sondern noch jede Menge Gift ins niedersächsische Grundwasser gelaufen sein könnte.

Wie man unschwer erkennen kann, ist Michael der moderne Ödipus, der als Jung-Manager den angeschlagenen Konzern seiner Chefin, der Iokaste-Christina, mit psychologischen Gruppengesprächen auf Zack bringen will und nebenbei auch noch den Unfall aufklären soll. Ein Job, den er ernst nimmt und zur Wahrheitsfindung gleich mal Boden und Wasser untersuchen lässt, was Robert (Christian Tschirner), den Bruder von Christina, nicht passt, da er die Konsequenzen für die Firma fürchtet und die Sache lieber unter den Teppich kehren würde. Als wutentbranntes Orakel, eine auf der Küchenplatte stehende Sphinx-Statuette zerdeppernd, prophezeit er dann noch der versammelten Mannschaft, dass ihnen bald das Lachen vergehen wird.

Dem schaut das Schaubühnen-Publikum nun zwei geschlagene Stunden zu, vom gesunden Morgen-Smoothie bis zum Abendessen mit Fisch und Salat. Das Unglück nimmt seinen Lauf, und das Schicksal schlägt hanebüchene Volten, bis die allbekannte Wahrheit mit viel Hin und Her und Augen aufreißen vor Livekamera endlich ans Licht kommt und die Abendgesellschaft samt der ebenfalls verstrickten Angestellten Theresa (Isabelle Redfern) übereinander herfällt. Es nutzt auch nicht, dass neben der langwierigen Wahrheitsfindung, bei der jede Menge Banalitäten ausgetauscht werden, auch noch die Rolle von Frauen an der Seite mächtiger Männern, Machogehabe, sexuelle Gewalt und Umweltkatastrophen thematisiert werden, bevor alle wieder in angestammte Rollenmuster verfallen.

Eine ziemlich irre Verkettung von Umständen nennt das Stück diese recht umständlich nicht zum Punkt kommen wollende Tragödienfarce, der auch Schaubühnen-Neustar Caroline Peters in ihrer zweiten tragischen Mutterrolle nicht zu Glaubwürdigkeit verhelfen kann. Die Schaubühne schippert damit in immer seichteren Unterhaltungsgewässern fast schon fatalistisch ihrem Schicksal entgegen.



ödipus von Maja Zade an der Schaubühne Berlin | Foto (C) Gianmarco Bresadola

Stefan Bock - 23. September 2021
ID 13161
ödipus von Maja Zade (Schaubühne am Lehniner Platz, 21.09.2021)
Regie: Thomas Ostermeier
Bühne: Jan Pappelbaum
Kostüme: Angelika Götz
Musik: Sylvain Jacques
Video: Matthias Schellenberg und Thilo Schmidt
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Erich Schneider
Besetzung:
Christina ... Caroline Peters
Robert ... Christian Tschirner
Michael ... Renato Schuch
Theresa ... Isabelle Redfern
Uraufführung war am 19. September 2021.
Weitere Termine: 23.-26.09.2021
Koproduktion mit dem Athens Epidaurus Festival


Weitere Infos siehe auch: https://www.schaubuehne.de/de/


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