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Uraufführung

Kein Opferfest

ohne Opfer



Das Opferfest von Ibrahim Amir am Schauspiel Köln | Foto © Thomas Aurin

Bewertung:    



Die Keupstraße, linksrheinisch im Kölner Mülheim gelegen, gilt überregional als ein Zentrum von türkischstämmigem Geschäftsleben. Das Depot, die Langzeit-Ausweichspielstätte des Kölner Schauspiels, liegt nur 200 Meter entfernt von dieser Straße. Nun widmet sich eine Open Air-Uraufführung dem Opferfest, einem wichtigen Fest muslimischer Menschen. Der syrische Dramatiker Ibrahim Amir ist am Schauspiel Köln bereits für seine pointierten Gesellschaftskomödien zu islamischen Themen bekannt. So inszenierte unter anderem der Kölner Intendant Stefan Bachmann hier 2014 Amirs Komödie Habe die Ehre über einen möglichen Ehrenmord. Bei der Open-Air-Uraufführung von Das Opferfest im Carlsgarten neben dem Depot fällt vor allem ins Auge, dass der abendliche Vorführungsort auf einem Hügel in der Einflugschneise liegt. Fortwährend hört und und sieht man Flugzeuge im Landeanflug am Abendhimmel über der Spielstätte. Regisseur Moritz Sostmann erweitert diese Erfahrung in Das Opferfest noch durch mehrfach künstlich projizierten Landeanflugslärm, mit denen er Szenenfolgen unterbricht.

Die Vorführung zeigt das Kommen und Gehen von Familienmitgliedern und handelt von kulturellen Konflikten zwischen aufeinandertreffenden Generationen. Das Figurentableau ist überwiegend damit beschäftigt, zu streiten und sich zu beschimpfen. Dabei werden alle gängigen Islam-Themen abgehandelt: Opferfest mit Schlachtung eines Widders, Beschneidung, Fasten, Alkoholverbot, Jungfräulichkeit, Waschungen. Eine Figur bringt es selbst auf den Punkt: „Das hast du gegoogelt.“ Der Autor des Stückes musste gewiss nicht googeln. Ibrahim Amir entstammt einer kurdischen Familie und wurde in Syrien geboren. Wäre er deutscher Herkunft, dann hätte man ihm böswillig den Vorwurf der kulturellen Aneignung machen können. Die muslimische Familie auf der Bühne wird nur von Deutschen dargestellt. Es werden viele Klischees und Vorurteile genussvoll bedient.

Vater Rashid (Benjamin Höppner) möchte patriarchal erscheinen. Doch er hat das Dilemma, dass seine Kinder ihm gegenüber nur bedingt Gehorsam zeigen. Er sieht seine Familie auf falscher Spur und beschwert sich in herablassenden Auswürfen: „Ich kann es nicht ausstehen, wenn du dabei bist, dich zu einem Versager zu entwickeln.“ „Wie kannst du mit einer solchen Visage herumlaufen. Ich bin nun mal dein Vater.“

Nicht nur bei den eigenen Kindern bemängelt er fehlende Reife und Naivität. Auch gegenüber dem Verlobten seiner Tochter Rania, den sie als Veganer vorstellt, verhält sich Rashid instinktiv abweisend: „Dieser Kerl ist nicht aus unserer Kultur. Dann geh doch nach Veganistan.“. Da kann der potenzielle Schwiegersohn noch so oft den hochfliegenden Titel seiner geplanten Dissertation nennen: „Somatisierung in der Diaspora bei Menschen mit Migrationshintergrund“. Derartige Feinheiten spielen keine Rolle. Es wird gestritten bis die Fetzen und auch Kugeln fliegen. Eine Puppe mit verweinten Riesenkopf spricht als Enkelbaby Mohamad Koranverse. Es mahnt, dass wir verblendet und abgelenkt seien und erklärt, dass der Glaube wertvoller als das Leben sei. Mohamad verkündet wie altersmilde: „Gott schuf euch und ihr schuft Kunststoff.“ Figuren witzeln auch mal selbstironisch über Quotenmigranten, Freizeitmuslime, den sozialen Status, kulturelle Hintergründe und transkulturelles Theater. Auch wenn Falafeln, Shawarmas und Döner in der Keupstraße halal (also: erlaubt) sein mögen, wird bei diesem neurosenreichen Fest unter freiem Himmel dem Publikum grundsätzlich viel Opferbereitschaft abverlangt. Denn Ausrufe wie „Es ist so geil auf Arabisch zu ficken“ oder „Bin ich nicht mehr Manns genug“ lassen auf eine wenig geistreiche Soap Opera mit sozialpädagogischem Bildungsauftrag für Islamkunde schließen. Einen Pluspunkt gibt es dennoch, da der Programmflyer auf Samenpapier zum Einpflanzen gedruckt wurde. Möge neues Grün die Opfer befrieden.



Alexander Angeletta (re.) spricht als jüngster Sohn Walid mit seinem Vater; in Das Opferfest von Ibrahim Amir am Schauspiel Köln | Foto © Thomas Aurin

Ansgar Skoda - 22. September 2021
ID 13159
DAS OPFERFEST (Carlsgarten, 19.09.2021)
von Ibrahim Amir

Regie: Moritz Sostmann
Bühne: Christian Beck
Kostüm: Elke von Sivers und Lise Kruse
Puppen: Hagen Tilp
Licht: Jürgen Kapitein
Dramaturgie: Stawrula Panagiotaki
Mit: Benjamin Höppner (als Rashid, der Vater), Lola Klamroth (als Sara, die Mutter), Thomas Müller (als Hasan, der ältere Bruder), Alexander Angeletta (als Walid, der jüngere Bruder), Kristin Steffen (als Ranya, die Schwester), Janek Maudrich (als Maximilian, der Freund der Schwester & Puppe Ali), Yuri Englert (als Jörg, der Nachbar), Magda Lena Schlott (als Mohamad, das Kind & Puppe Laiss) und Anna Menzel (als Puppe Esra)
Uraufführung am Schauspiel Köln: 18. Juni 2021


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel.koeln


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