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Uraufführung

Zorro und Wonder Woman

Der italienische Regisseur Antonio Latella mit einem Superhelden-Doppel zum Spielzeitbeginn am Staatstheater Cottbus

Bewertung:    



Comic-Superhelden sind nach wie vor sehr in Mode. Nicht nur das Kino greift das Thema des einsamen Superhelden immer wieder auf, auch das Theater scheint ohne sie nicht mehr auszukommen. Die Popkultur bietet ein breites Feld an Superhelden und natürlich auch -heldinnen an. Nun hat der italienische Theaterregisseur Antonio Latella zusammen mit seinem Co-Autor Federico Bellini am Staatstheater Cottbus zwei eigene Texte zu einem Superhelden-Doppelabend zusammengeführt. Zorro/ Wonder Woman sollte bereits in der ersten Spielzeit des neuen Intendanten Stefan Märki in Cottbus herauskommen. Coronabedingt konnte die Premiere erst zum Start der jetzigen Spielzeit stattfinden. Der Schweizer Theater- und Opernregisseurs Märki hat den bereits mit seiner Münchner Inszenierung Eine göttliche Komödie zum Berliner THEATERTREFFEN eingeladenen Latella nach Cottbus geholt. Es wäre ein Achtungserfolg für das Dreispartenhaus im südlichen Brandenburg, sollte ihm mit dieser als moderne Helden- und Heldinnengeschichte angekündigten Doppelinszenierung Gleiches gelingen.

*

Zorro ist im Gegensatz zu Wonder Woman ein US-amerikanischer Romanheld, der schon früh in den 1920er Jahren zu Filmehren kam. Seine Geschichte ist angesiedelt in der Zeit der mexikanischen Unabhängigkeitsbestrebungen in Kalifornien gegen die spanische Kolonialmacht zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Ein Landedelmann wird mit schwarzer Maske, Mantel und Degen zum Volkshelden und Rächer der Armen, indem er seinen Gegnern ein Z als Markenzeichen in die Stirn ritzt. Das einzige, das die vier männlichen Helden in Latellas Zorro mit der bekannten Romanfigur verbindet, ist das Z auf ihren Unterwäsche-Bodies. Ansonsten tragen die aus dem Orchestergraben aufsteigenden Schauspieler Michele Andrei, Emilio De Marchi, Gunnar Golkowski und Markus Paul noch Boxhandschuhe und beginnen sofort einen choreografierten Faustkampf in Zeitlupe.

Die vier stellen wechselnd mit verschiedenen Mützen als Attribut einen Armen, einen Polizisten, einen Stummen und ein Pferd dar. Eine Clownerie nach Motiven von Becketts Warten auf Godot. Das Stück enthält aber ebenso Elemente der politischen Farce, wie man sie vom italienischen Autor Dario Fo kennt. Nach dem ersten Squaredance geht es erstmal in die Sprachverwirrung. Vom Wir zum Ich zum Er, Sie, Es. Als würde sich Latella hier über die aktuellen Identitätsdebatten lustig machen wollen. Was aber folgt, ist ein sehr erfrischender Dialog des Armen mit dem Polizisten, einem mehr oder weniger freiwilligem Repräsentanten der Staatsmacht. Von der Identitätspolitik geht die Diskussion wieder zurück zum herrschenden Klassismus. Latella gibt den in der kapitalistischen Gesellschaft Benachteiligten die Stimme zurück, ohne den Rassismus und Kolonialismus zu vergessen.

Es geht um Macht und Ermächtigung. Was war zuerst da? Der Arme oder der Reiche? Auch eine Frage von Vermehrung und Teilung. Womit man auch gleich beim Leib Christi ist. Kommen die Diskutanten allerdings zu Gott und zum Kreuz, geht jedes Mal der Eiserne Vorhang runter und die Rollen werden schnell gewechselt. Mit wem hat man es hier wirklich zu tun? Einem Anarchisten oder einem Querdenker, der sich der Staatsmacht entgegenstellt. Auf die Frage nach dem Identitätsnachweis wird auch schon mal blank gezogen. Und auch das Publikum darf sich angesprochen fühlen, wenn es um das Parfum des pauvres, das Arme verschwinden lässt, geht.

Die Diskussion streift vieles auch die Arte povera (arme Kunst), bis es um das Theater selbst und die Möglichkeit der Darstellung geht. Es wird ein Joint geraucht, zum Popeye-Lied getanzt und eine imaginäre Fliege gejagt. Ein mit Wortwitz und Slapstick vollgepackter Denkanstoß mit kollektivem Nasebohren. „Denken, der einzig wahre Luxus, den man uns nicht nehmen kann.“ Am Ende bleibt aber trotzdem der Ruf nach dem Superhelden. „Warum kann man hier keine Revolution ohne Maske machen?“ Aber wie Europa nicht Kaliforniern ist Cottbus eben auch nicht Gotham City.



Zorro am Staatstheater Cottbus | Foto (C) Reiner Weisflog

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Nach dem zweistündigen Zorro-Support der vier Herren kommt das neunzigminütige Damen-Hauptprogramm Wonder Woman, bei dem die vier Schauspielerinnen Sigrun Fischer, Ariadne Pabst, Lisa Schützenberger und Anouk Wagener in langen Clownsschuhen und Kitteln mit Gesichtsaufdrucken zur gleichen Auftaktmusik wie die Herren auftreten. Es erinnert zunächst an eine Satire von Sibylle Berg, wenn die Schauspielerinnen die Rollenangebote für weibliche Dramenfiguren als die Frau mit dem Kopf im Gasherd (Heiner Müller), verrückte Mutter, die ihre Kinder umbringt, Hausfrau oder Hure durchdeklinieren. Die Ironie sei den Männern vorbehalten.

Im Folgenden geht es aber um einen skandalösen Gerichtsfall aus dem italienischen Ancona. 2015 wurde dort eine 22jährige peruanische Frau von zwei gleichaltrigen Landsleuten nach einem gemeinsamen Kneipenbesuch vergewaltigt. Die junge Frau zeigte die mutmaßlichen Täter an nächsten Tag bei der Polizei an. Nachdem sie in erster Instanz schuldig gesprochen wurden, hob ein Berufungsgericht mit der Begründung, die junge Frau käme als Opfer nicht infrage, da sie „zu männlich“ aussehe und „zu wenig attraktiv“ sei, das Urteil wieder auf. Als Beweise dienten ein Foto der Frau und der Hinweis eines der Angeklagten, er hätte sie in seinem Handy unter „Wikingerfrau“ gespeichert. Für weitere Irritationen und Proteste in der Bevölkerung und Presse sorgte die Tatsache, dass dem Berufungsgericht drei Richterinnen vorsaßen.

In der ebenso wie der Zorro-Teil mit Musik und Tänzen choreografierten Performance beleuchten die vier Schauspielerinnen den Fall bis in die peinlichen Verhöre der Polizisten, die der jungen Frau nicht glaubten, da sie sich angeblich in Ungereimtheiten verstrickt hätte. Das Opfer wurde letztendlich zum Täter gemacht, indem man der Frau vorwarf, Alkohol und Drogen zu sich genommen zu haben, den Geschlechtsverkehr zuerst gewollt zu haben und dann wieder nicht. Ein an die Nieren gehender Text, ein Ringen um Wahrheit und Gerechtigkeit, vom Damenquartett mit viel Verve vortragen und bildlich in Szene gesetzt. Dazu jonglieren sie mit neonfarbene Hula-Hopp-Reifen als Ringe der Wahrheit.

Latella schickt seine vier Spielerinnen dann noch in die griechische Tragödie, wenn sie als Richterinnen mit schwarzen Hauben wie die antiken Rachegöttinnen Gericht halten und sich für ihr Urteil gegenüber den Medien rechtfertigen. Auch hier kommt dann noch der Schwenk hin zur Superheldenfigur. Vier Wonder Women, die sich in silbernen Kleidern und hochhackigen Schuhen als „Flamme der Wahrheit“ emanzipieren. Das ist klarer aber auch plakativer als der erste diskursiv angelegte Zorro-Text. Das mag letztendlich etwas zu Ungunsten der Damen gehen. Emotional gesehen sind sie aber sicher die Siegerinnen des Abends, wenn es das überhaupt nötig hat.



Wonder Woman am Staatstheater Cottbus | Foto (C) Reiner Weisflog

Stefan Bock - 7. September 2021
ID 13125
ZORRO / WONDER WOMAN (Staatstheater Cottbus, 04.09.2021)
Regie/Text: Antonio Latella
Dramaturgie/Text: Federico Bellini
Dramaturgische Mitarbeit: Lisa Mell
Übersetzung: Francesca Spinazzi
Kostüme: Simona D'Amico
Choreografie: Francesco Manetti
Deutsch-italienische Regieassistenz: Viktoria Feldhaus
Zorro mit: Michele Andrei, Emilio De Marchi, Gunnar Golkowski und Markus Paul
Wonder Woman mit: Sigrun Fischer, Ariadne Pabst, Lisa Schützenberger und Anouk Wagener
Uraufführung war 4. September 2021.
Weitere Termine Zorro: 09., 28.10. / 11.11.2021
Weitere Termine Wonder Woman: 08., 21.10. / 09., 19.11.2021
Weiterer Termin (als Doppelabend): 26.12.2021


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatstheater-cottbus.de/


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