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Ein leblos´ Ding?

NO SEX

UNHEIMLICHES TAL /
UNCANNY VALLEY


Bewertung:    



Körperliche Anwesenheit im Theater ist derzeit unmöglich. Die Theaterhungrigen sitzen nicht nur am Abend zumeist daheim und sehnen sich nach Livekost, die wegen der Schließung der Theater zur dringend erforderlichen Eindämmung des Coronavirus nicht zu haben ist. Der ebenso dringliche Kunstgenuss ist daher so rar wie das Klopapier in den Supermärkten. Das hat viele Theater veranlasst, eigene Aufnahmen von ihren Theaterinszenierungen ins Internet zu stellen. Vorbildlich hierbei sind vor allem die Münchner Kammerspiele mit ihrer virtuellen Kammer 4, in der jeden Tag ein anderes Stück zum Streamen angeboten wird. Delikate Konserven für die Stärkung des Geistes.

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Nun ist die Theaterkunst ohne Publikumspräsenz und live agierende DarstellerInnen ein durchaus leblos‘ Ding. Der Witz vom Backen ohne Mehl ließe sich auch auf das Theater übertragen. Vom Sex in Zeiten von Corona ganz zu schweigen. „No Sex“ scheint nun ebenfalls ein Diktum der Stunde. Doch was momentan aus Gründen der Ansteckungsgefahr unterbleiben muss, die körperliche Nähe also, verweigern vier junge Männer in Toshiki Okadas Inszenierung No Sex ganz ohne Grund. Wie ein Besuch aus der Zukunft erscheinen sie in einer Karaoke-Bar, große Leidenschaft aller JapanerInnen, zu denen auch Regisseur Okada zählt, und kommen dem Barbesitzer (Stefan Merki), wenn nicht unheimlich so doch wenigstens komisch, vor.

Die vier jungen Männer (Thomas Hauser, Christian Löber, Benjamin Radjaipour, Franz Rogowski), die sich mit Namen von Zimmerpflanzen anreden, singen nicht nur schauerlich ins Deutsche übersetzte Popsongs von den Pointer Sisters über Madonna bis zu Nirvana, zu denen sie sich ungelenk bewegen, sondern führen auch einen aberwitzigen Diskurs über Instinkt, Trieb und die emotionale Wirkung von Text und Musik. Das erinnert in Teilen an René Pollesch und hat durchaus auch kapitalismuskritische Sentenzen, gibt aber vor allem einen Einblick in eine zukünftige Kultur der selbstauferlegten Keuschheit, wie wir sie nun alle mehr oder weniger praktizieren.

Bei Okada geht es aber nicht nur ums männliche Zölibat, sondern auch die Liebe als Wirtschaftsfaktor. Anette Paulmann als japanische Putzfrau erklärt den neugierigen Jungs u.a. die Funktionsweise von sogenannten Lovehotels, was bei denen nur wieder neue Fragen aufwirft, weshalb sie lieber den irren Aufwand, anderen gefallen zu müssen, verweigern. Sie sehen sich da ganz als subversives Cluster und skandieren trotzig „Wir tun‘s nicht“. Eine ganz neue Art des Widerstands, die Oldschool-Barbesitzer Märki schließlich seinen jugendlichen Besuchern aus der Zukunft zuerkennen muss.



No Sex an den Münchner Kammerspielen, 2018 | (C) Julian Baumann


* *

Sogar ganz ohne menschlichen Körper auf der Bühne kommt das Theaterstück Unheimliches Tal / Uncanny Valley von Stefan Kaegi (Rimini Protokoll) aus. Auch das eine Produktion der Münchner Kammerspiele, die ebenfalls im Rahmen des Immersions-Programms der Berliner Festspiele in Berlin zu sehen war. Wer das verpasst hat, konnte sich nun noch einmal an dieser philosophischen Lecture Performance, die Kaegi zusammen mit dem Schriftsteller und Dramatiker Thomas Melle erarbeitet hat, im Internet-Stream der Kammer 4 erfreuen.

Publikum war damals noch zugelassen, aber auf der Bühne sitzt tatsächlich nur ein lebensecht gebauter Maschinenmensch mit dem aus Silikon geformten Antlitz und der Stimme von Thomas Melle, der hier auch etwas zu körperlichen Präsenz und Authentizität erzählt. Wobei der humanoide Melle-Roboter auch mit dem ZuschauerInnen interagiert und Fragen zu Empathie und ihrer Präsenz im Theater aufwirft. Entlang seines Lebenslaufs, wobei Melle auch seine bipolare Störung behandelt, über die der Schriftsteller bereits in Welt im Rücken (von Jan Bosse mit Joachim Meyerhoff vertheatert) berichtet, und der Biografie von Alan Turing, einem der Väter heutiger Computertechnik, über den Melle auch mal in einer manischen Phase ein Theaterstück schreiben wollte, geht es in Uncanny Valley aber vor allem um das Verhältnis von Mensch und menschähnlicher Maschine.

Der künstliche Melle, bewegt wie eine Marionette den Kopf und die Arme auch mal im Takt technoider Musik, dirigiert einen Theaterspot und zeigt im Video, wie moderne Technik und Hilfsmittel wie z.B. computergesteuerte Prothesen und einpflanzbare Chips den Menschen weiter evolutionieren. Wir lernen etwas über den Turing-Test zur Erkennung von menschlicher und künstlicher Intelligenz und sehen bei der Entstehung der Melle-Kopie zu. Ob diese Kopie mal das Original ersetzen wird, worüber der echte Melle später im Video sinniert, sei dahingestellt, wie auch die Möglichkeit des Streaming sicher nicht den leibhaftigen Theatergenuss auf Dauer ersetzen kann.



Unheimliches Tal / Uncanny Valley an den Münchner Kammerspielen, 2018 | (C) Gabriela Neeb


Stefan Bock - 22. März 2020
ID 12105
No Sex von Toshiki Okada
Inszenierung: Toshiki Okada
Bühne: Dominic Huber
Licht: Pit Schultheiss
Musik: Kazuhisa Uchihashi
Kostüme: Tutia Schaad
Dramaturgie: Tarun Kade, Makiko Yamaguchi
Mit: Thomas Hauser, Christian Löber, Stefan Merki, Annette Paulmann, Benjamin Radjaipour und Franz Rogowski
Uraufführung an den Münchner Kammerspielen: 14. April 2018

Unheimliches Tal / Uncanny Valley von Stefan Kaegi
Text, Körper, Stimme: Thomas Melle
Inszenierung: Stefan Kaegi
Bühne und Kostüme: Eva Maria Bauer
Licht: Michael Pohorsky
Musik: Niki Neecke
Dramaturgie: Martin Valdés-Stauber
Video: Mikko Gaestel
Uraufführung an den Münchner Kammerspielen: 4. Oktober 2018


Weitere Infos siehe auch: https://www.muenchner-kammerspiele.de/


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