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Shakespeare auf Rädern

MACBETH mit The HandleBards, London

Bewertung:    



„Poor country. Almost afraid to know itself“ (Shakespeare, aus Macbeth, Act 4, Scene 3)

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Es gab am vergangenen Donnerstag einen freien Zugang zu einem exklusiven Macbeth-Video der englischen Gruppe The HandleBards. Der erlaubte auch jenen, die nicht persönlich kommen konnten, ein wenig an den diesjährigen Aktivitäten des Shakespeare Globe Theaters Neuss teilzuhaben. Im März 2020 waren alle Aufführungen [wg. Corona] untersagt worden, und kurzfristig konnte man im vergangenen Sommer kein Alternativprogramm für Live-Aufführungen auf die Beine stellen: zumindest keines, das dem 30. Jubiläum des Festivals gerecht geworden wäre. Im Jahr 2021 hat man den runden Jahrestag absichtlich ausfallen lassen und stattdessen SHAKESPEARE GARDEN inszeniert. Nein, im Globe-Theater selbst durfte auch in diesem Jahr nicht gespielt werden, aber die OrganisatorInnen haben sich ein wunderbares Open-Air-Konzept einfallen lassen, das am 16. Juni begann und am 2. Juli 2021 seinen erfolgreichen Abschluss fand. Die MacherInnen sind zuversichtlich, dass man 2022 das 30. Festival angemessen begehen kann.

* *
Vanessa Schormann ist eine hochkarätige Spezialistin, u.a. in der originalen Spielweise zur Shakespeare-Zeit, und machte in ihrer traditionellen Einführung (dieses Mal via Zoom) darauf aufmerksam, dass Shakespeare epidemie-erprobt war, weil die Londoner Theater wegen der Pest zwischenzeitlich immer wieder geschlossen werden mussten. Das Stück Macbeth entstand um 1606, nachdem sich Shakespeare wegen der Epidemie nach Stratford-upon-Avon zu seiner Familie zurückgezogen hatte. Er nutzte diese Auszeit zum Schreiben.

Die HandleBards, deren Name eine Mischung aus "Lenker" und "Barde" ist, bestehen aus einer Truppe mit vier Männern und einer weiteren mit vier Frauen, die normalerweise unabhängig voneinander agieren und mit ihren Fahrrädern im Umkreis von 30 Kilometern zu ihren unterschiedlichsten Aufführungsstätten fahren. Sie haben auch die strikte Trennung von Publikum und SchauspielerInnen weitgehend aufgelöst, indem sie ihre Shakespeare-Versionen teilweise auf dem Fahrrad absolvieren und nahe am Publikum vorbei düsen. Das war seit März 2020 wegen der Abstandsregelungen nicht mehr möglich, und so erfolgte die kürzlich exklusiv für das Globe Neuss gefilmte Aufführung des schottischen Stücks auf einer Open-Air-Bühne. Auch die HandleBards waren durch die Maßnahmen sehr eingeschränkt. Ihr Gründer Paul Moss (Produzent und Intendant) war per Zoom zugeschaltet und bedauerte das natürlich, aber die SpielerInnen sind fit geblieben, zwei bis dreimal die Woche besorgen sie auf ihren Rädern Lebensmittel für Menschen, die nicht selbst einkaufen gehen können.

Nun dürfte es prinzipiell schwierig genug sein, das schottische Stück mit nur vier Schauspielerinnen zu inszenieren, da dort ursprünglich 43 Rollen vorkommen. Kathryn Perkins (Red Bard: Macbeth, Ross etc.), Natalie Simone (Yellow Bard: Lady Macbeth, Banquo, Malcolm etc.), Jenny Smith (Blue Bard: Macduff, Duncan etc.) mussten das nun auch noch zu dritt bewerkstelligen, weil ihre vierte Mitstreiterin Tika Mu'Tamir sich während der Probenzeit auf Familienbesuch in Malaysia befand und längere Zeit nicht nach England einreisen durfte. Gelungen ist es trotzdem, nach Art der HandleBards. Macbeth gehört zu den düstersten Stücken des unsterblichen Barden, doch die Truppe inszeniert es mit viel Slapstick-Elementen und ziemlich lustig. In der Regie von Emma Sampson muss dann schon mal ein kostümierter Wischmopp eine fehlende Person ersetzen. Klappt super. Eine Tragödie im gewohnten Sinne ist diese Inszenierung daher nicht, dazu benehmen sich z.B. die Sterbenden zu komödiantisch und müssen im hellen Tageslicht von der Bühne robben. Vanessa Schormann hat elf „Tote“ gezählt. Der unsichtbare Dolch, mit dem Macbeth zum Königsmord geleitet wird, ist ein sichtbares Obstmesserchen, das vor seinem (ihrem) Gesicht baumelt.

Darf man das? Wer's bei dieser (leider nur einmaligen) Gelegenheit schauen konnte, würde wohl ja sagen. Das schottische Stück zeigt einen ehrgeizigen Mann und seine noch ehrgeizigere Frau, Lady Macbeth, die „Karriere“ machen wollen. Der Mord am legitimen König Duncan ist ein solches Sakrileg, dass es in Shakespeares Universum zum Unheil führen muss. Eine unaufhaltsame Spirale der Gewalt entsteht, und Macbeth kommt aus dem Morden nicht mehr heraus, darunter auch die Frau und Kinder von Macduff, mit dem er sich am Ende ein Duell auf Leben und Tod liefert. Macbeth ist zwar König, aber weil er seinen Thron zu Unrecht und mit Gewalt an sich gerissen hat, muss er befürchten, ihn wieder zu verlieren. Die Macbeths haben keine Kinder, was diesen Kampf um so sinnloser macht, zumal drei Hexen ihm prophezeit haben, dass ihm der Sohn seines Kampfgefährten Banquo auf den Thron folgen wird. Banquo lässt er umbringen, aber dessen Sohn kann fliehen.

Shakespeare veranschaulicht im Macbeth die Sinnlosigkeit und Absurdität des Bösen. Über 400 Jahre später nehmen sich die Frauen des Stoffes auf moderne Art an. Sie karikieren männliches Imponiergehabe, fassen sich auch schon mal ans Gemächt (zumindest dorthin, wo es bei Männern zu finden wäre) und vergleichen die Länge ihrer (imaginierten) Prachtstücke. Als Schild und Waffen dienen Räder und Luftpumpen, als Blut rote Papierschnipsel. Das Ganze im Übermaß, sodass der Running Gag irgendwann gar nicht mehr so lustig ist. In Shakespeares Tragödien gibt es meistens einen Comic Relief, eine Entlastung durch eine humoristische Szene. Bei Macbeth ist das der Pförtner, der u. a. lange überlegt, wer da ständig an die Pforte klopft, anstatt sie zu öffnen und dabei Lebensweisheiten versprüht. Im König Lear gibt es sogar einen Hofnarren. Und wie kann man der Furcht besser begegnen als mit Humor.

Wenn man dann noch die drei Hexen nimmt, die mit ihren Prophezeiungen Macbeth anstacheln, ihn aber mit Halbwahrheiten ins Verderben stürzen, dann wird schon klar, dass man seine Informationsquellen mit kritischer Distanz genießen sollte und dass auch der Inszenierung durchaus eine Ernsthaftigkeit zugrunde liegt, weil diese Szenen besonders gelungen sind. Schormann erklärte in der Einführung, dass Macbeth geschrieben wurde, um den neuen König Jakob I. zu ehren. Der war Elisabeth I. auf den Thron gefolgt, bereits König von Schottland und machte sich in Sachen Hexenverfolgung einen Namen. Wahrscheinlich sind die Hexen deswegen so garstig ausgefallen, denn im schottischen Stück sind Frauen, insbesondere Lady Macbeth, die treibende Kraft des Bösen. - Shakespeares Texte sind also keineswegs sakrosankt, sondern richteten sich nach den jeweiligen Anforderungen, denn die Truppen waren von ihren meist adeligen GönnerInnen abhängig.



Macbeth im Stream: Die drei Schauspielerinnen Kathryn Perkins, Natalie Simone und Jenny Smith (v.l.n.r.) von den HandleBards haben exklusiv für das Globe in Neuss das schottische Stück aufgeführt... | Screenshot © HandleBards, UK

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SHAKESPEARE GARDEN ist wieder geschlossen, es waren Der Sturm, Viel Lärm um nichts, Coriolanus und vieles mehr zu sehen. Die Flexibilität, das Chaos und der Ideenreichtum der OrganisatorInnen sowie der HandleBards und anderen Truppen sind ein gutes Beispiel mit Krisen umzugehen. Thank you, thank you, thank you. Und bis zum nächsten Jahr.

Helga Fitzner - 3. Juli 2021
ID 13016
Weitere Infos siehe auch: https://www.shakespeare-festival.de


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