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Die Mitwisser

Das Hans Otto Theater enttäuscht mit einer recht konventionellen Regie von Marc Becker zu Philipp Löhles Komödie über Künstliche Intelligenz

Bewertung:    



Das Hans Otto Theater Potsdam stand schon vor Corona immer etwas im Schatten des großen Nachbarn Berlin. Das hat sich auch unter der neuen Intendanz von Bettina Jahnke nicht groß geändert. Nun muss das ebenfalls geschlossene Stadttheater am Tiefen See auch noch mit der starken Konkurrenz im Internet um das Home-Publikum ringen. Auf dem Theaterportal Nachtkritik lief bereits eine Aufzeichnung der letzten, im Februar am HOT herausgekommenen Inszenierung Die Nashörner, eine Parabel des rumänisch-französischen Dramatikers Eugène Ionesco, einem Vertreter des absurden Theaters, in der sich in einer fiktiven Gesellschaft die Menschen nach und nach in Nashörner verwandeln. Eine Warnung vor der Entstehung diktatorischer Regime. Die Gefahr, dass sich das deutsche Volk unter dem Einfluss von Populisten in eine Herde von widerstandslos folgenden Dickhäutern verwandeln könnte, ist nicht ganz ausgeschlossen, haben doch gerade auch in der momentanen Corona-Krise wieder diverse Verschwörungstheorien Hochkonjunktur.

*

Aktuell Konjunktur haben auch Stücke über Künstliche Intelligenz, virtuelle Welten und vor allem deren Nachteile. Mit Die Mitwisser hat der Dramatiker Philipp Löhle eine passende Komödie zum Thema geschrieben. Die Premiere der Inszenierung von Marc Becker (Viel gut essen) sollte am 14. März in der Potsdamer Reithalle stattfinden - just an dem Tag, als in Berlin und Brandenburg die Theaterhäuser in den Lockdown gingen. Nun wurde das Stück vom HOT als „digitale Premiere“ für den 2. Mai angekündigt. Letztendlich handelt es sich dabei (genau wie bei den Nashörnern) aber auch nur um den Stream einer Aufzeichnung der Generalprobe.

In Löhles Stück, das 2018 in Düsseldorf uraufgeführt wurde, bekommt die Kleinfamilie Glass Zuwachs durch einen persönlichen Hausdiener, genannt Herr Kwant. Der hat das gesamte Wikipedia-Wissen immer abrufbereit parat und scheint auch sonst alle Wünsche seiner Besitzer von deren Lippen ablesen zu können. Für Theo Glass, einen am „Institut des allgemeinen Wissens“ arbeitenden Enzyklopädisten, ist das offenbar eine fantastische Erleichterung nicht nur bei der Auswahl der richtigen Kaffeesorte und -maschine, sondern auch bei der Arbeit im Büro, wo Herr Kwant fortan alle zu erstellenden Wissensbeiträge für Theo erledigt, bis er daraufhin von seinem Chef, Herrn Fürst, einfach entlassen wird. Sozusagen wegen fehlender Effizienz wegrationalisiert und durch die Wissensmaschine Kwant ersetzt. Das Problem der „Kwantifizierung“, wie es hier genannt wird, existiert bereits seit Anbeginn der kapitalistischen Industrialisierung und Wirtschaftsentwicklung, ist also nicht unbedingt neu. Neu ist hier nur der effiziente Haussklave auf zwei Beinen, andere intelligente Haushaltshilfen, die man heutzutage mittels Smartphone oder -watch sogar von unterwegs bedienen kann, gibt es ja schon seit längerem. Löhles Komödie rennt also offene Türen ein.

Was hätte aber aus der recht dünnen Vorlage nicht für eine Theaterinszenierung werden können. Von Digitalisierung will die Regie aber scheinbar nichts wissen. In einem ranzigen 50er-Jahre Setting mit Mustertapete und Holzverkleidung muss Arne Lenk als Spießbürger mit Schnauzbart umher chargieren. In kleinen musikalischen Zwischenstücken werden zur Ukulele alte und neue Protestsongs gesungen. Einen langhaarigen, Rollkragenpullover tragenden und den Fortschritt verweigernden Nachbarn (David Hörning) ohne Kreditkarte gibt es auch noch. Dazu kommt eine Identitäts- und Beziehungskrise Theos, die durch Herrn Kwant (Jacob Keller) nur noch vergrößert wird. Arnes Frau (Alina Wolff) besorgt sich irgendwann ihren eigenen Herrn Kwant, der ihr nach Auswertung aller persönlichen Daten wissenschaftlich unterlegt verklickert, dass das Paar eh nie zueinander gepasst hat. Der digitale Mitwisser also. Da steckt die eigentliche Kritik des Stücks.

Zur verstaubten Bühneneinrichtung kommt eine recht konventionelle Regie, die an einer modernen Bearbeitung des Stücks keinerlei Interesse zeigt und selbst komödiantisch nicht viel beizutragen weiß. So dümpelt die Inszenierung relativ uninteressant seinem vorhersehbaren Ende zu und ist dabei weder gesellschafts- noch kapitalismus- oder wirklich fortschrittskritisch. In der digitalen Zwangsquarantäne des Theaters ein in dieser Hinsicht kompletter Totalausfall. Da hilft auch kein nachgeschobener Chat.



Die Mitwisser von Philipp Löhle am HOT Potsdam | Foto (C) Thomas M. Jauk

Stefan Bock - 3. Mai 2020
ID 12211
DIE MITWISSER (Hans Otto Theater, 02.05.2020)
Regie: Marc Becker
Bühne: Harm Naaijer
Kostüme: Alin Pilan
Dramaturgie: Bettina Jantzen
Mit: Arne Lenk, Alina Wolff, Jacob Keller, Anja Willutzki, David Hörning und Johannes Lange
Uraufführung am Düsseldorfer Schauspielhaus: 28. April 2018
Online-Premiere auf dem YouTube-Kanal vom HOT: 2. Mai 2020.


Weitere Infos siehe auch: https://www.hansottotheater.de/


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