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Dekalog nach Krzysztof Kieślowski

Am Schauspielhaus Zürich produziert Hausregisseur Christopher Rüping einen Livestream in 10 Monologen nach Filmen für das polnische Fernsehen

Bewertung:    



Einer der ersten, der am Anfang der Corona-Krise über neue Formen des Theaters für das Internet nachzudenken begann, war der mittlerweile zum neuen Leitungsteam am Schauspielhaus Zürich um Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg gehörende Regisseur Christopher Rüping. Seine über Twitter verbreiteten Ideen hat er nun in einer via Livestream übertragenen Monologfolge in 10 Teilen verwirklicht. Sie ist lose an die Filmreihe Dekalog des polnischen Regisseurs Krzysztof Kieślowski angelegt. 2013 hatte Rüping diesen Filmklassiker aus den Jahren 1988/89 bereits für eine Theaterinszenierung am Schauspiel Frankfurt, die 7 Folgen des Dekalogs umfasste, adaptiert.

Am Wochenende startete nun die neue Theaterinszenierung für den digitalen Raum auf der Website des Theaters mit den ersten drei Folgen. Wie bei Kieślowski tragen sie jeweils eines der 10 Gebote des Alten Testaments im Titel wie etwa Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. (Teil 1). Waren sie schon damals keine vordergründige Anleitung zur Beantwortung von Fragen der Moral und des Gottesglaubens, nutzt Rüping den Inhalt der einzelnen Folgen jetzt auch eher als Grundlage für ein Spiel mit dem Publikum daheim an den digitalen Empfangsgeräten. Das moralische Entscheidungsdilemma der Protagonisten in Kieślowskis ca. einstündigen Geschichten verlagert der Regisseur nun ins Netz und lässt die ZuschauerInnen per Auswahlfrage über das Geschehen mit entscheiden. Dazu gab es in der ersten Folge auch einen Chat unterhalb des Streams, der aber doch eher für nicht ganz zu ernst gemeinte Kommentare zur da noch recht wacklig laufenden Übertragung genutzt wurde. Daher klärt Christopher Rüping eingangs jeder Folge nochmals über das Prozedere der Abstimmung auf.

Auch die technischen Problem, mit denen der Protagonist eins, Schauspieler Thomas Wodianka, bei seinem Monolog in Folge 1 mit einigen Abstürzen der Liveübertragung noch zu kämpfen hatte, scheint man mittlerweile gelöst zu haben. Inhaltlich geht es um einen mit dem Wunsch seines Sohnes, auf einem zugefrorenen See Schlittschuh zu fahren, hadernden Mann. Kieślowskis Plot wird hier noch um einige moderne Issues aus dem Alltag eines alleinerziehenden Vaters in einer aus Sichtbeton bestehenden Wohnanlage für Familien im Grünen am Rande der Stadt aufgemotzt. Der sich im Originalfilm mit Künstlicher Intelligenz beschäftigende Vater sucht hier bei Wodianka u.a. die Entscheidung auch bei der Befragung einer mit Computerstimme (als Special Guest Frances Chiaverini) ausgerüsteten App seines Handys. Letztendlich stehen aber die Zweifel und das Ringen des Vaters, was nun das Richtige für seinen Sohn sei im Mittelpunkt des Monologs.

Wodianka tigert dabei ununterbrochen in einem leeren weißen Bühnenkasten hin und her. Nur ein Kühlschrank, aus dem er ein Coke nach der anderen holt, und die Schlittschuhe des Sohns dienen hier als zusätzliche Requisiten. Der Momolog geht vom Family-Filmtag mit Finding Nemo bis zum von bösen Visionen („The Ice gonna break“) geplagten Christopher Walken aus The Dead Zone. Das mögliche Unheil kann der Vater aber weder durch Nutzung der Sprachapp noch durch Publikumsentscheidung abwenden. Ist hier nun die Technik oder das Publikum der Gott, der wie das goldene Kalb angebetet wird? Da mag man nach diesen ersten recht konfusen 45 Minuten nicht wirklich entscheiden. Da herrscht einen Tag später im Teil 2, in dem Schauspielerin Karin Pfammatter dann tatsächlich eine sogenannte „Gott in Weiß“ spielt, schon etwas mehr Klarheit. „Du sollst nicht Gott spielen“ steht nun als Diktum auf dem Programm.

Karin Pfammater spielt das dann zunächst auch ganz in Weiß mit Rauschebart und Stimme aus dem Off, als würde Gott höchstpersönlich das Gedankenspiel betreiben. Wer die Dekalog-Filme kennt, findet hier den Plot einer Frau in Nöten fast eins zu eins wieder. Jene Frau besucht den Arzt ihres hoffnungslos an Krebs erkrankten Mannes und fragt ihn nach den Chancen seiner Genesung. Sie erwartet das Kind eines anderen und will es abtreiben, falls der Arzt ihr nicht den nahen Tod ihres Mannes bestätigen will. Ein echtes moralisches Dilemma also, das die hier allein lebende Ärztin in die Rolle eines über Leben und Tod des ungeborenen Kindes entscheidenden Gottes drängt.

Abgenommen wird ihr das durch die an das Publikum delegierte Frage nach Lüge oder Wahrheit. Eine in seiner Dimension schon etwas anspruchsvollere Entscheidung, die hier durchaus verschieden ausfallen könnte. Live wird man das allerdings nicht mehrmals durchspielen können. Die Folgen sind nach der ersten Ausstrahlung auch nicht mehr als Konserve abrufbar. Zu hoffen bleibt, dass dieser Versuch einer Online-Interaktion mit dem Publikum immer wieder neu und besser an die jeweilige Situation angepasst und auf auftretende Probleme reagiert und entsprechend nachjustiert werden kann.



Bildquelle: neu.schauspielhaus.ch

Stefan Bock - 20. April 2020
ID 12173
Dekalog, Folge 1 + 2 (Schauspielhaus Zürich, 17./18.04.2020)
Inszenierung: Christopher Rüping
Bühne: Natascha Leonie Simons
Kostüme: Ulf Brauner
Musik (Foyer): Felix Lübkemann
Musik (Dekalog): Matze Pröllochs
Live-Kamera: Jasmin Kruezi
Live-Stream: Noé Toldo
Dramaturgie: Katinka Deecke
Audience Development: Philine Erni
Produktionsassistenz: Sultan Coban
Mit: Thomas Wodianka und Frances Chiaverini (Folge 1) sowie Karin Pfammatter (Folge 2)
Live-Streams v. 17. und 18. Aril 2020


Weitere Infos siehe auch: https://neu.schauspielhaus.ch/de/


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