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Hallo liebe
Textfläche (2)

atlas

von Thomas Köck


Bewertung:    



Zeit, Ort und Geschichte scheinen die großen Themen bei den AUTORENTHEATERTAGEN 2019 zu sein. Neben René Pollesch mit seinen Ausführungen zum Knacks und Anschlussfehler in Ich weiß nicht..., Fritz Kater mit Love you, Dragonfly - Sechs Versuche zur Sprache des Glaubens oder Enis Maci mit Mitwisser konnte vor allem der gerade für sein Stück atlas mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnete Thomas Köck überzeugen. Natürlich auch wieder mit einer diesmal auf vier Rollen verteilten, recht poetischen Textfläche. Köck beschäftigt sich hier ebenfalls mit Zeit und Orten, die Geschichte geschrieben haben, universelle wie ganz persönliche, die er am Beispiel von vier Personen aus dem damals geteilten Vietnam erzählt.

Es erzählen in Erinnerungen und Zeitsprüngen eine alte Frau (Ellen Hellwig), die nach dem Ende des Vietnamkriegs als Bootsflüchtling nach Deutschland kam, eine ehemalige Vertragsarbeiterin (Sophie Hottinger) in der DDR, die sich dort in einen Dolmetscher verliebte, er (Denis Petković) und beider Tochter (Marie Rathscheck), die im heute wiedervereinten Vietnam nach ihren Wurzeln sucht, ihre Geschichten, die eng miteinander verknüpft sind. Köck lässt seine Figuren dabei bewusst aus der Zeit fallen, verlangsamt sie, vergleicht sie mit der Geschichte. Vergangenheit und Gegenwart verschachteln sich hier zu einer Art Transitraum eines großen Flughafens, in dem die Zeit stillsteht, da ein Vulkanausbruch mit Ascheregen, alle Flüge sich verspäten lässt. Immer wieder heißt es hier „Delay“. Zeit zu rekapitulieren, Geschichte und Geschichten zur ordnen. Eine poetische Abhandlung über Geschichte und Zeit, die erst durch die Geschichte eine ordnende Struktur bekommt, oder wie es im Stück einmal heißt: „was also / wenn alle zeit an sich verloren / gar nicht stattfindet / wenn nur durch geschichte / zeit wieder gefunden werden kann“.

Diese Geschichte wird zunächst anhand der Erzählungen der Vertragsarbeiterin, die von ihrer Ankunft in der DDR berichtet, über die restriktiven Regeln, die sie vom Dolmetscher übersetzt bekommen, und auch über die gefährlichen Abtreibungsversuche, denen sich verbotener Weise schwanger gewordene Vietnamesinnen unterziehen, um nicht nach Hause geschickt zu werden, erst wirklich greifbar. Sie wollten die Welt sehen und landeten in einer Fabrik des Bruderstaats. Eingepfercht in Wohnheime ohne Kontakte außer auf der Arbeit sind sie nur „geduldet im Sinne des Fortschritts“. Auch als die Ostdeutschen zur Wende ihr neues „Wir“ entdecken, sind die zum Paar gewordene Vietnamesin und der Dolmetscher nicht mitgemeint, tauchen erst unter und unterwerfen dann ganz pragmatisch ihr Leben der Ökonomie. Die Tochter reißt Jahre später nach Vietnam und trifft dort die alte Frau, ihre Großmutter, die ihr sehr berührend von der Flucht zur Insel Pulau Bidong erzählt, bei der sie ihre Tochter verlor, die, wie sich herausstellt, später als besagte Vertragsarbeiterin in die DDR ging.

Regisseur Philipp Preuss hat diesen Auftragstext für das Schauspiel Leipzig recht behutsam inszeniert. Schon zu Beginn schafft er mittels eingespielter Musik und am Mikrofon verstärkter Geräusche mit Wassergläsern eine recht intime Atmosphäre im Raum der Leipziger Diskothek vor drei großen Außenfenstern, die er dann wieder bricht, wenn die DarstellerInnen nach draußen gehen und durch diese Fenster wieder hineinsehen. Das Innen und Außen symbolisiert auch die verschiedenen Zeit- und Erzählebenen. Nur einmal ziehen sich die DarstellerInnen hektisch Sachen von Kleiderständern an und aus, ansonsten bleibt die Atmosphäre eher kammerspielartig ruhig. Da beim Gastspiel der Blick auf den befahrenen Dittrichring in Leipzig, an dem sich schräg gegenüber auch die ehemalige Stasizentrale befindet, nicht gegeben ist, hat man diese Szenen vorproduziert und lässt sie auf drei Video-Screens ablaufen, was ein gewisses künstlerisches Zugeständnis ist. Durch das Verschneiden dieser Bilder gelingt aber auch ein deutscher Blick auf die Vergangenheit und europäische Gegenwart, der sich im Text in den Reflexion der Wendezeit durch die vietnamesischen Migranten und der Schilderung des Flüchtlingselends der Bootpeople auch wiederfindet.

Einziger Wermutstropfen des Gastspiels am Deutschen Theater bleibt, dass sich das Schauspiel Leipzig unerwartet der Kritik von jungen Menschen aus der viet-deutschen Community gegenübersah, die auf die Nichtbeteiligung vietnamesischer MigrantInnen an der Produktion hinwiesen und das durch die Vereinnahmung derer Geschichte alte kolonialistische Muster bedient würden. Das Theater hat daraufhin eine Erklärung abgegeben, in der man auf den fiktiven Charakter des Werks hinweist. Trotz Recherchen des Autors sei das kein dokumentarischer Stoff, der reale Biografien nutzt. „Aus unserer Sicht waren alle persönlichen Kontakte, die das Produktionsteam des Schauspiel Leipzig während der Produktionsphase und zu den Aufführungen von atlas mit Personen aus der viet-deutschen Community hatte, geprägt von gegenseitigem Interesse und Respekt.“ Man veranstalte regelmäßige Nachgespräche und sei für Anregungen und Kritik offen. Zum Thema Diversifikation des Ensembles befinde man sich noch im Prozess. Ein Prozess, dem sich kein Stadttheater mehr entziehen kann.



atlas von Thomas Köck am Schauspiel Leipzig | Foto (C) Rolf Arnold

Stefan Bock - 7. Juni 2019 (2)
ID 11476
ATLAS (DT-Box, 04.06.2019)
Regie: Philipp Preuss
Bühne & Kostüme: Ramallah Aubrecht
Dramaturgie: Katja Herlemann
Licht: Carsten Rüger
Mit: Ellen Hellwig, Sophie Hottinger, Denis Petković und Marie Rathscheck
Uraufführung am Schauspiel Leipzig: 27. Januar 2019
Gastspiel des Schauspiel Leipzig zu den AUTORENTHEATERTAGEN | RADAR OST 2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.deutschestheater.de/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

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