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nachDRUCK # 6

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Wiederaufnahme

Funkensprühende

Leichtigkeit



Danzón von Pina Bausch am Tanztheater Wuppertal | (C) Ursula Kaufmann

Bewertung:    



Mit ihren einführenden Worten unterwandert die Tänzerin Regina Advento frech-kokett die Anspruchshaltung des Publikums: „Ich bin hier. Sie sind hier. Machen Sie etwas Interessantes.“ Flugs geleitet Advento eine gebrechliche, alte Dame aus der ersten Reihe im Publikum auf die komplett leere, karge schwarze Bühne. Sie platziert sie dort auf einen Stuhl. Advento setzt sich derweil auf ihren Sitzplatz. Die Dame schaut scheu und aufgeregt nun ins Leere, genießt aber bald schon das Rampenlicht. Als sie nun irgendwann wirres Zeug erzählt, geleitet Advento sie hinter die Bühne. Erst beim zweiten Hinsehen erkennt man in der Dame das Ensemblemitglied Dominique Mercy. In der darauffolgenden Szene lässt ein anmutiges Tanzsolo von Cristiana Morganti die anfängliche Irritation ob des provokanten Einstiegs vergessen. Mit großer Leichtigkeit streicht Morganti mit ihren Füßen über den Boden, etwa in der Weise wie der Pinsel über ein entstehendes Bild fährt.

Das von Pina Bausch 1974 gegründete Tanztheater Wuppertal führt auch über fünf Jahre nach dem Tod der bedeutenden Choreografin ihre Werke auf. An vier Abenden im Januar wurde/wird im Wuppertaler Opernhaus nun Danzón (UA 1995) gezeigt:

Collagenhaft ist eine Vielzahl von Tanzsequenzen aneinandergereiht, die sich immer wieder aufeinander beziehen. Bewegungen einer Person werden von ihrem Tanzpartner geführt, sodass Begriffe wie Ursache und Wirkung, Aktiv und Passiv, Geben und Nehmen aufgelöst werden. Es geht um Aufführung, Inszenierung und Betrachtung und immer wieder um das Verhältnis von Mann und Frau zueinander. Das, was im Leben scheinbar von selbst geschieht, wird in kunstvoller Weise auf der Bühne als etwas Gemachtes gezeigt. Ein Herzschlag wird so durch eine pulsierende Faust mit schnippenden Fingern dargestellt, und Küsse werden an einer halben Orange eingeübt und genossen. Das Hin- und Herziehen von zwei Männern an einer Frau wird als Bewegungselement an eine andere Frau weitergegeben, die sich darüber zwar beschwert, aber diese Bewegung doch selbständig fortsetzt, wenn der sie obstruierende Mann schon wieder weg ist. Danach liegen sogar gleich mehrere Frauen hintereinander und führen synchron diese Bewegungen aus.

Die Szenerie beeindruckt so durch eine Vielzahl interessanter Einfälle. Die Bilder haben viel Ästhetik und erinnern die Zuschauer in ihrer Einfachheit immer wieder an eigene Lebenserfahrungen. Es gibt einige witzig-poetische Momente, wenn etwa die Darstellerin Mechthild Großmann als „Tante Mechthild“ ihre eigene Ballettausbildung Revue passieren lässt oder in ihrer tiefen, ernsten Stimme die kurze Erzählung Einem Freunde/ La Flûte de Jade von Franz Toussaint in einer Übersetzung von Ronald Kay rezitiert. Auch Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde wird in wechselnden Rollen gesprochen, bevor dies von dröhnender Bassmusik abgebrochen wird. Die Musik von Arien über Klassik, Jazz, Lieder und Schlager ist vielseitig und gut ausbalanciert. Videoprojektionen auf Gazevorhängen zeigen abwechslungsreiche Landschaften. Ein Höhepunkt der Aufführung ist ein langsamer, in sich gekehrter und eleganter Tanz von Aleš Čuček, bei dem er zum Fixpunkt des Publikumsblicks vor einer großformatigen Filmprojektion einer von Peter Pabst gefilmten Szenerie aus exotischen Fischen wie etwa Piranhas wird. Zu ihren Lebzeiten tanzte Pina Bausch diese Choreografie noch selber.

Wie sooft bei den Stücken von Pina Bausch ist man plötzlich von einer Szene, einem Tanz oder auch nur einer Geste ergriffen. Beispielsweise wenn Dominique Mercy erneut auf die Bühne geholt und aufgefordert wird, etwas Interessantes zu zeigen. Nun wirft er aus einem Sack Erde auf den Boden, so wie die Geste bei einer Beerdigung am offenen Grab. Viele Tanzsequenzen werden in einer Inszenierung wiederholt oder in abgewandelter Form gezeigt. Auch die Stücke selbst sind Wiederholungen. Es war schon unter Pina Bausch so, dass es immer wieder Neuinszenierungen alter Stücke gab. Das Tanztheater Wuppertal hat in den nahezu 40 Schaffensjahren ihrer Choreografin eine Vielzahl an bewegenden Uraufführungen einstudiert, die es bis heute in wechselnder Folge zeigt. Beendet wird Danzón stimmungsvoll mit einer Geschichte über Goethe, der im hohen Alter in einem Haus, in dem er vor 50 Jahren eine Zeit lang wohnte, sein von ihm an eine Wand geschriebenes Gedicht Nachtlied wiederentdeckt: „Über allen Gipfeln ist Ruh…“



Danzón von Pina Bausch am Tanztheater Wuppertal | (C) Ursula Kaufmann

Ansgar Skoda - 24. Januar 2015
ID 8384
DANZÓN (Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, 24.01.2015)
Inszenierung und Choreographie: Pina Bausch
Bühne: Peter Pabst
Kostüme: Marion Cito
Musikalische Mitarbeit: Matthias Burkert
Mitarbeit: Marion Cito und Jan Minarik
Mit: Regina Advento, Andrey Berezin, Aleš Čuček, Silvia Farias Heredia, Mechthild Großmann, Barbara Kaufmann, Scott Jennings, Daphnis Kokkinos, Dominique Mercy, Cristiana Morganti, Fernando Suels Mendoza und Aida Vainieri
Künstlerische Leitung: Lutz Förster
Probenleitung: Michael Strecker und Robert Sturm
Premiere im Opernhaus Wuppertal war 13. Mai 1995
Weiterer Termin: 25. 1. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.pina-bausch.de


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de



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