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Die Gießener Schule

und der Fortschritt

Vom Infantilismus des Mitmachens




Der mittlerweile in den Ruhestand entlassene Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier hat einmal vom Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen als der „Unglücksschmiede des deutschen Theaters“ gesprochen. Das hat ihm erbitterte Feinde eingebracht – unter den Mitarbeitern und den Absolventen des Instituts sowieso, aber auch bei jenen, die dem Kritiker schon zuvor aus unterschiedlichen Gründen feindlich gesonnen waren.

Eins muss man der so genannten Gießener Schule zugestehen: Sie war folgenreicher als irgendeine deutschsprachige Ausbildungsstätte für den Theaternachwuchs nach 1945. Eingeschüchtert von dem lautstarken Beifall und auch, weil man Sanktionen befürchtete, wenn man sich der Komplizenschaft mit Stadelmaier verdächtig machte, haben sich die Prinzipien der Gießener Schule über das Land verbreitet, gab es kaum Widerspruch gegen sie und ihre Implikationen. Gerade deshalb ist es an der Zeit, genauer hinzusehen und sich zu fragen, was der Triumph einer sehr spezifischen Auffassung von Theater bedeutet.

*

Zwar lassen sich die Grundsätze und Überzeugungen der Gießener Schule und erst recht der aus ihr hervorgegangenen Künstler und Freien Gruppen nicht auf einen schlichten gemeinsamen Nenner bringen. Es haben da beachtliche Diversifikationen stattgefunden. Eine Tendenz jedoch ist – nicht bei René Pollesch und auch nicht bei Hans-Werner Kroesinger, aber bei zahlreichen weniger einfallsreichen Alumni – auffällig: die Tendenz zur Entprofessionalisierung und zur Überwindung der so genannten „vierten Wand“, also der Trennung von Darstellern und Publikum. Das Zauberwort heißt „Mitmachtheater“.

Nun haben sowohl das Laientheater wie auch die Zuschauerbeteiligung ihre gesellschaftlichen und didaktischen Funktionen. In Gegenden, in denen es aus unterschiedlichen Gründen kein Berufstheater gibt, können Amateure dessen Aufgabe, wie immer unperfekt, übernehmen. Und für die Hobbyschauspieler selbst mag ihre Tätigkeit lustvoll und befriedigend sein wie für Sonntagsmaler und Blockflötenliebhaber, die freilich nicht unbedingt danach streben, in Museen ausgestellt zu werden oder im Konzertsaal aufzutreten. Die Vision von Karl Marx und Friedrich Engels von einer Gesellschaft, welche „die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“, hat nichts von ihrem Reiz verloren. Nur suggerieren Marx und Engels nicht, dass ihr utopischer Kritiker (und man darf ergänzen: der Künstler dieses Modells) sein Geschäft vor Publikum erledigen soll. Auch die Frage des Kasperle an die Kinder, wo sich das Krokodil denn versteckt halte, erfüllt eine Aufgabe bei der Entwicklung von Fantasie und sozialem Verhalten. Aber Kinder lernen sehr schnell, dass die Handpuppen oder Marionetten keine wirklichen Menschen sind und dass sie andere Reaktionen erfordern als eben echte Menschen.

Wer als Erwachsener noch reagiert wie ein Kind im Kasperltheater, verhält sich schlicht infantil oder, schlimmer noch, autoritär, wenn er nämlich keineswegs selbstverantwortlich handelt, sondern widerspruchslos ausführt, wozu ihn die „Schauspieler“ auffordern. Mit einem Dogma jedenfalls muss aufgeräumt werden: dass das Mitmachtheater fortschrittlicher sei als das Theater, das auf der Trennung von (professionellen) Schauspielern und Publikum insistiert, nicht anders als auf der Trennung von professionellen Ärzten und Patienten, die ja auch, bei allen Schwächen, einen Fortschritt bedeutet gegenüber der Hausmedizin früherer Jahrhunderte.

Das Theater ist hervorgegangen aus kollektiven Ritualen, aus deren Mitwirkenden sich erst allmählich einerseits die Priester, andererseits die Künstler herausgebildet, also professionalisiert haben. Im Gottesdienst ist die „Zuschauerbeteiligung“ etwa im gemeinschaftlichen Gebet aufbewahrt, aber der Priester hat eine unmissverständlich bevormundende Position. Er fordert die Gemeinde zum Beten auf, nicht umgekehrt. Das Verhältnis zwischen dem Akteur im „Kostüm“, dem Ornat, und auf der „Bühne“, dem Altar, und der ihm zugewandten Gemeinde ist nicht symmetrisch.

Die Rückkehr des Theaters also zu den archaischen Formen des Rituals ist nicht fortschrittlich, sondern im höchsten Sinne rückwärtsgewandt, reaktionär. Sie hat mit Mitbestimmung so viel zu tun wie die Kollektivhysterie bei religiösen oder therapeutischen Sekten. Von Symmetrie kann keine Rede sein, wo vorbereitete Drahtzieher auf ein uninformiertes, aber bereitwillig lenkbares Publikum treffen und ihm ihre Spielregeln diktieren.

Ganz nebenbei erweist sich das hier gekennzeichnete „Theater“ als kunstfeindlich. Es vermittelt nicht die durchdachte und gestaltete Ahnung von Andersartigkeit, von Utopie, die dem Rollenspiel eigen ist, sondern reproduziert stets nur das im Bewusstsein des Publikums verankerte Bestehende. Auch darin ist das Mitmachtheater nicht fortschrittlich, sondern reaktionär. Es bewährt sich als das Theater für das narzisstische Zeitalter. Man erfährt nichts über das Fremde, sondern immer wieder nur etwas über sich selbst. Mitmachtheater ist die Fortsetzung von Ententanz und Macarena in der Urlaubsdisco, wo Animateure für gute Stimmung oder was manche dafür halten sorgen. Mit dem kleinen Unterschied, dass es im Theater auch mal deprimierend sein darf.

In naher Zukunft werden wir auf Profi-Schauspieler ganz verzichten können. Die Blogger haben es uns demonstriert: sie machen die Journalisten überflüssig. Geschwätz ersetzt Kunst und Literatur. Die Misere der Entprofessionalisierung im Theater verschärft sich, wo sich dilettantische Regisseure, Dramaturgen und Darsteller in erbarmungswürdiger Selbstüberschätzung auch noch als Autoren profilieren wollen. In naher Zukunft wird das Publikum seinem Selbstdarstellungsbedürfnis freien Lauf lassen und sich selbst, in Personalunion, als Subjekt und als Objekt der Theateraufführung profilieren. Mit Demokratie hat das so viel zu tun wie der legendäre Exhibitionist im Trenchcoat mit einem Liebhaber. Aber all jene, die an wirklicher Demokratie, nämlich an der Teilhabe politischer Entscheidungen kein Interesse haben, werden uns das Gegenteil beweisen. Bedurfte es des Konservativen Stadelmaier, um die Gießener Schule als das zu benennen, was sie für fortschrittliche Beobachter wohl ist: eine Unglücksschmiede?
Thomas Rothschild - 2. August 2019
ID 11597
Weitere Infos siehe auch: https://www.inst.uni-giessen.de/theater/de


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