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Bettina Marugg, Justine Hauer und Nicole Kersten in Christa Wolfs Kassandra am Theater im Ballsaal | Foto (C) Annika Ley

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Drei müssen es sein, denn diese Zahl hat nach Aristoteles als erste Anfang, Mitte und Ende. Drei Schicksalsgöttinnen, drei Grazien und drei Furien sind in der Götterwelt des antiken Griechenlands fest verankert. Trommelwirbel auf drei von der Decke hängende großformatige Metallplatten eröffnet den Abend. Danach treten dahinter die Darstellerinnen vom Fringe Ensemble hervor. Noch sind sie auf der Erde verwurzelt, was ihre in Brauntönen schillernde Kleidung andeutet. Im nächsten Moment sprechen die Kassandren einfühlsam, gefasst und konzentriert einen mitreißenden Monolog. Sie antworten einander oder fallen einander ins Wort. Oft verkünden sie auch gemeinsam synchron sprechend ihre Botschaft für die Nachwelt. Im Theater im Ballsaal geht es um das Ganze: Geburt, Leben und Tod, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden verhandelt. Doch eine Zukunft gibt es für die Kassandren eigentlich schon nicht mehr, es wartet nur noch der Tod.

Die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf durchdringt in Kassandra (1983) den uralten Mythos und die antike Tragödie des Untergangs der Stadt Troja intellektuell und bezieht ihn auf eigene Lebensumstände in der DDR. Zeitlose und bewegte Einsichten vermitteln sich, wenn die Hergänge aus der Ich-Perspektive der trojanischen Königstochter und Seherin Kassandra leidenschaftlich erzählt werden. Die Priesterin hat im Angesicht des Krieges den Glauben an die Götter verloren. Es wird ihr bewusst, dass auch sie sterben wird, und sie sorgt sich, ob sie angesichts des Todes ihre aktive und klarsichtige Zeugenschaft als Seherin beibehalten wird können.

Kassandra sagt nicht nur die Zukunft vorher, ohne dass sie diese zu beeinflussen vermag. Als Seherin erkennt sie auch, wie sich im Zuge des Krieges Macht- und Gesellschaftsstrukturen besorgniserregend verändern. Im Kampf Trojas mit den Griechen werden die eigenen Prinzipien nicht mehr angemessen hinterfragt. Eigene Werte verkommen nur noch zu einer Parole, um die Kampfmoral aufrecht zu erhalten. Eine fehlende Ausgewogenheit der gesellschaftlichen Verhältnisse hat Christa Wolf selbst im politischen System der DDR erkannt, als sie zu Beginn der 1980er Jahre an ihrer Erzählung schrieb. Auch heute noch gilt, wenn im Kampf gegen den „Terrorismus“ demokratische Prinzipien zur Disposition gestellt werden, das Wort Kassandras: „Das Gesicht der Feinde annehmen, aber trotzdem umkommen.“

In Anlehnung an das biblische „Im Anfang war das Wort“ spricht Nicole Kersten als eine der Kassandren: „Das Letzte wird ein Bild sein, kein Wort. Vor den Bildern sterben die Wörter.“ Sehen – Erkennen – Würde – und dies im Angesicht des Untergangs. Schmerzt diese Haltung oder vermag sie zu trösten?

Licht spiegelt sich auf von der Decke hängendem, rostigem Blech. Immer wieder gerät die Kriegsmaschinerie in Bewegung, wenn die über dem Geschehen schwebenden Metallplatten ins Wanken geraten, vor und zurück fallen. Gemeinsam wird geraucht und auf einer der Metallplatten ein loderndes Feuer entfacht. Trotz solcher kurzer Momente der Besinnung bewahren die drei Kassandren nur mühsam Haltung. Ein feierlicher aber auch entmutigter Ernst liegt auf den Worten angesichts des unaufhaltsamen Schicksals. Justine Hauer unterstreicht ihre feste und tiefe Stimme mit auf einem Keyboard angestoßenen, lange anhaltenden Tönen. Ihr durchdringender Blick gleitet immer wieder verheißungsvoll wartend über die Zuschauerreihen im Publikum. Nicole Kersten verleiht dem Zwiespalt aus der Verlockung kindlichen Gehorsams und dem Trotz des besseren Wissens eine, der schieren Verzweiflung stets nur knapp entgehende Stimme. Bettina Marugg gibt im Mittelteil einen kaum mehr menschlich klingenden, langgezogen, klirrend hohen Ton von sich. Sie schüttelt sich und wirft sich mit aller Kraft scheppernd gegen die Metallplatten. Mit ihren Anfällen des Wahnsinns schützt sich Kassandra vor dem Schmerz, da sie den Untergang Trojas bereits gekommen sieht.

Zahlreiche Namen mythologischer Gestalten sind nicht immer zuordenbar und erhalten neue Konnotationen, wenn etwa Achill stets „das Vieh“ genannt wird. Kassandra realisiert, dass sich ihr als Außenseiterin in einem patriarchalen System nie reale Chancen bieten, fatale politische Entscheidungsprozesse zu beeinflussen. Ihr umsichtiger Einspruch und ihre Warnungen bleiben ungehört. Für ihr Wettern wird sie bestraft. Mehr und mehr abgefallene Hände säumen die ebenerdige, ansonsten requisitenarme Bühne. Die leidenschaftliche Performance der drei Darstellerinnen schafft einen sehenswerten, pointierten und kurzweiligen Einblick in Christa Wolfs wohl bekanntestes Meisterwerk.



Bettina Marugg, Justine Hauer und Nicole Kersten in Christa Wolfs Kassandra am Theater im Ballsaal | Foto (C) Annika Ley

Ansgar Skoda - 2. April 2017
ID 9953
KASSANDRA (Theater im Ballsaal, 01.04.2017)
Inszenierung: Frank Heuel
Bühne und Kostüme: Annika Ley
Dramaturgie: Svenja Pauka
Mit: Justine Hauer, Nicole Kersten und Bettina Marugg
Premiere war am 23. März 2017.
Weitere Termine: 03. + 04.05./ 30.06./ 01.07.2017
Eine Produktion des Fringe Ensembles


Weitere Infos siehe auch: http://www.fringe-ensemble.de


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