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Repertoire

Ein irrer

Ritt



Don Quijote in der Werkstatt am Theater Bonn | Foto (C) Thilo Beu

Bewertung:    



Bei Bier und Chips ergehen sich zwei junge Männer im abgeranzten Heimsessel Höhenflügen der Phantasterei. Sie reiten herum auf irrwitzigen Ideen, geben sich versponnen Träumen hin, entdecken nie zuvor Gesehenes, küssen und schlagen sich schließlich mit grober Leidenschaft. Dabei wird der eng umgrenzte private Wohnraum zu einem Spielfeld für die wildesten Schicksalsschläge des Lebens.

Miguel de Cervantes Romanklassiker Don Quijote aus dem Jahr 1616 dient als Grundlage für diesen phantasiereichen Theaterabend in der Wekstattbühne am Theater Bonn. Das Bühnenbild für das Zweipersonenstück bildet eine sparsam ausgestattete, kleine Privatwohnung. In ihren Fenstern zeigt eine Videoprojektion den Eingangsbereich ebendieser Werkstattbühne, in der wir uns gerade befinden. Wohnt der Mieter der Wohnung etwa auf der anderen Straßenseite vor der Werkstattbühne? Konzentriert und finster brütet er über einen größeren Zusammenhang, bevor er die Rufnummer des Jobcenters Bonn wählt, um sich hier von einer abweisenden Dauerschleife berieseln und bald entmutigt abwimmeln zu lassen. Dann klingelt es an der Tür und ein alter Freund begrüßt ihn mit einer Sechserpackung Bier und Chipstüten unterm Arm.

Im Laufe des Dialogs erschließt sich den Zuschauern, dass das Stück Don Quijote scheinbar abgesetzt und der im Zimmer befindliche Darsteller der Titelfigur vom Theater entlassen wurde, weil der auf der Premierenfeier einen Kritiker ins Gesicht geschlagen haben muss. Nun sitzt er zuhause im Morgenmantel, und der befreundete Kollege, der die Rolle des Sancho Panza spielen sollte, leistet ihm Gesellschaft. Es entspinnt sich ein hintergründiger Diskurs über die Rolle der Fiktion und Phantasie (in diesem Fall des Theaters) und den Grenzen der Möglichkeiten, womit man dann schon mitten in der Thematik des Romans Don Quijote ist. So lässt sich der gutmütige SanchoPanza- (Darsteller) von Don Quijote erneut zu einem gemeinsamen Abenteuer in die Welt der der Fiktion entführen, einem Gegenentwurf zur hoffnungslosen Realität. Sogar aktuelles Zeitgeschehen, wie das Ergebnis der Bundestagswahl am Wochenende vor der Aufführung, findet im Stück Verwendung; Blau sei ja nun bekanntlich das neue Braun und auch Bemerkungen zur Homosexualität der Spitzenkandidatin der siegreichen Blauen, die ja eigentlich stockkonservativ sind, bleiben nicht aus. Die Realität zeitigt ja bekanntlich die unglaublichsten Geschichten.

Da ihr Stück ja eh nicht zur Aufführung kommt verabschieden sich die Darsteller Manuel Zschunke und Hajo Tuschy von den Gedanken an ein Publikum. Als nunmehr freie Männer ergehen sie sich einer ungefilterten und lebendig vorgetragenen Erzählwut. Der Don Quijote-Mime verteidigt seine Ohrfeige für den Kritiker als unumgänglich und überlegt sogar, ob es nicht subversiv wäre, „gegen“ ein Publikum zu spielen. Vielleicht könne man auch nur für die eigene Lust dem Schauspiel frönen und so noch radikaler eigenen Eingebungen folgen. Die Darsteller gehen sogleich zu vertraulichen, kaum hörbaren Zwiegesprächen über. Doch bald wird es Sancho Panza zu bunt, und er wehrt sich offen gegen die extremen Haltungen Don Quijotes. Andererseits ist er auch fasziniert von dessen Radikalität und überlässt sich bald aufs Neue unumwunden seinem Abenteuergeist, der mancherlei vermeintlich Verborgenes aufzudecken weiß.

Insgesamt ist dem Regieduo Hajo Tuschy und Jacob Suske nach Fjodor Michailowitsch Dostojewskis Der Spieler mit Don Quijote erneut ein improvisiert wirkender, monologisch reichhaltiger Parforceritt gelungen- diesmal auf einem zum glorreichen Schlachtross erdachten alten Gaul Rosinante. Ein originelles Kammerspiel im besten Sinne.




Don Quijote in der Werkstatt am Theater Bonn | Foto (C) Thilo Beu

Ansgar Skoda - 9. Oktober 2017 (2)
ID 10307
DON QUIJOTE (Werkstatt, 29.09.2017)
Regie: Tuschy/Suske
Musik: Jacob Suske
Bühne und Kostüme: Patricia Ghijsens
Licht: Lothar Krüger
Dramaturgie: Male Günther
Besetzung:
Sancho Panza … Hajo Tuschy
Don Quijote … Manuel Zschunke
Premiere am Theater Bonn: 10. September 2017
Weitere Termine: 11., 26.10./ 10., 17., 24., 29.11.2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de


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