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asphalt Festival

Im Process

Theaterkollektiv Pièrre.Vers


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Das THEATER DER WELT hat mit dem Düsseldorfer asphalt Festival, das seit neun Jahren existiert, dessen heurige Ausgabe gestern begann und bis zum 18. Juli, also zwei Wochen über THEATER DER WELT hinaus, dauert, eine Kooperation vereinbart. Bindeglied zwischen den beiden Partnern ist Christof Seeger-Zurmühlen. Der Schauspieler und Regisseur und Gründer des asphalt Festivals leitete die Junge Bühne und danach die Bürgerbühne am Düsseldorfer Schauspielhaus, deren Leitung er kürzlich abgegeben hat. Im eigentlichen Programm von THEATER DER WELT war seine Regiearbeit Das Gewicht der Ameisen angesetzt, deren Premiere wegen einer Erkrankung abgesagt werden musste. Einen Tag später eröffnete das asphalt Festival mit der Uraufführung von Im Process durch das Theaterkollektiv Pièrre.Vers in der Berger Kirche in der Düsseldorfer Altstadt. Für Konzept und Regie zeichnet wieder Christof Seeger-Zurmühlen verantwortlich.

Es geht um den so genannten Majdanek-Prozess von 1975-1981, dem ersten vor einem deutschen Gericht (in Polen hatte es schon 1944 einen Prozess gegeben), dem auch eine Ausstellung der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf gewidmet ist. Für die szenische Darstellung eines Prozesses, mit der die Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen wenigstens ansatzweise aufgearbeitet werden sollte, hat Peter Weiss mit seiner Ermittlung ein nur schwer zu überbietendes Modell geliefert. Sie ist zugleich einer der Höhepunkte dessen, was man Dokumentartheater genannt hat.

Im Process steht in dieser Tradition. Das Gerichtsverfahren wendet sich gegen die seinerzeit viel diskutierte Kollektivschuld-These. Jede individuelle Schuld muss nachgewiesen werden, mit wie immer unbefriedigenden juristischen Mitteln.

Hinter einer Plexiglasscheibe sitzen der Richter, verkörpert von einer Frau, der Staatsanwalt, ein Anwalt der Verteidigung und vier prominente Angeklagte, zwei Männer und zwei Frauen. Vor der Scheibe kommt ein 17jähriger Schüler hinzu, der den Prozess von außen beobachtet und für sich befragt. Außerdem hört man über die Kopfhörer, die das Publikum von Beginn an trägt, kurze Fernsehnachrichten. In einer Rückwendung wird die Wannseekonferenz erwähnt, bei der die so genannte „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen wurde.

Die Darsteller der Angeklagten spielen auch die Sachverständigen und die Zeugen. Wenn eine Zeugin darauf besteht, polnisch zu sprechen, wird die Simultanübersetzung wie bei einem internationalen Kongress über die Kopfhörer zugespielt.

Gelegentlich werden kurze Kommentare und musikalische Phrasen eingefügt. Kinderbuchartige Schwarz-Weiß-Grafiken dienen als Moment des Innehaltens. Die Regie hat sich für einen Mittelweg zwischen stilisiertem und „natürlichem“ Sprechen entschieden und zum Glück darauf verzichtet, die Schauspieler Betroffenheit mimen zu lassen. Die Wirkung geht von den Fakten aus. Es bedarf keiner Suggestion.

Um die Spannung musste sich der Bearbeiter keine Sorgen machen. Gerichtsverhandlungen haben, auch wenn sie nicht dem amerikanischen Modell folgen, von sich aus mit Protagonisten und Antagonisten, mit Frage und Antwort, mit einem deutlichen Konflikt und mit der Beschränkung auf einen Raum eine Struktur, die man dramatisch genannt hat, ehe das postdramatische Theater den Ton angab. Umso erstaunlicher dass der Programmzettel Im Process einen „performativen Akt“ nennt. Er ist gerade so performativ, wie alles Theater, also auch Die Ermittlung, performativ ist. Mit Performance hat das nichts zu tun.

Im Process teilt keine unbekannten Informationen mit. Man kann sie in Büchern nachlesen oder etwa Eberhard Fechners Dokumentarfilm von 1984 entnehmen. Aber wer tut das schon? Vielleicht erreicht das Theater Zuschauer, die ansonsten absent blieben.

Von George Tabori stammt der atemberaubende Satz: „Es wurde überhört, als mein Vater beim Eintritt in die Gaskammer sagte: 'Nach Ihnen, Herr Mandelbaum.'“ Dass „Sprache“ und „Respekt“ die Schlüsselbegriffe im Zusammenhang mit dem Majdanek-Prozess seien angesichts der Tatsache, dass die Mörder, mit einem Titel von Wolfgang Staudte, unter uns sind und es 1975 noch in großer Zahl und unbehelligt waren, stammt nicht von Tabori, sondern von Dr. Bastian Fleermann, dem Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, und ist auf der Homepage des asphalt Festivals als Beigabe zu Im Process veröffentlicht. Fleermann, der noch nicht geboren war, als der Prozess begann, befindet sich damit auf der Höhe des Zeitgeists, der das generische Maskulinum skandalöser findet als die Tatsache, dass Frauen nach wie vor krankenhausreif geprügelt werden.

Der Staatsanwalt sagt Im Process: „Die Welt muss wissen, dass es kein Verbrechen gibt ohne Strafe.“ Das ist pures Wunschdenken. Die meisten Verbrechen des Nationalsozialismus blieben ungesühnt, mehr noch: die Täter konnten nach 1945 in Justiz, Politik, an Hochschulen und in den Kultureinrichtungen weiter machen wie bisher. Weder Sprache, noch Respekt konnten und können sie daran hindern. Die Opfer aber haben vergeblich auf Gerechtigkeit gewartet, auf die Strafe, die dem Verbrechen zu folgen hätte.



Im Process mit dem Theaterkollektiv Pièrre.Vers | Foto: Ralf Puder

Thomas Rothschild – 1. Juli 2021
ID 13008
Weitere Infos siehe auch: https://www.asphalt-festival.de/


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