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THEATER DER WELT | Düsseldorf, 17.06.-04.07.2021

Spuren - vier Monologe

Étienne Minoungou


Bewertung:    



Vorgesehen war die aktuelle Ausgabe des Festivals THEATER DER WELT in Düsseldorf für 2020. Aus den Gründen, die zu nennen man mittlerweile müde ist, musste es um ein Jahr verschoben und den Bedingungen – vor allem, was die Spielstätten betrifft – angepasst werden. Von den im vergangenen Jahr vorgesehenen Gastspielen konnten rund zwei Drittel in den neuen Termin herübergerettet werden. Dass also einige attraktive Acts unterwegs verloren gegangen sind, ist zwar bedauerlich, aber der verbliebene Rest rechtfertigt immer noch den Anspruch einer Veranstaltung, die Umfang und Routine des normalen Theaterbetriebs überschreitet. Dass die Erwartungen, was die Qualität angeht, nicht immer erfüllt werden, musste man auch schon bei früheren Folgen von THEATER DER WELT zur Kenntnis nehmen. Manchmal konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Kenntnisse und die Entdeckerfreude der Ausrichter und ihrer Scouts im Vergleich zu den ersten 25 Jahren erlahmt sind oder, umgekehrt, ein äußerlicher Originalitätszwang die Wahrnehmung von Höchstleistungen im internationalen Theater abgelenkt hat. Ein Blick ins Archiv kann darüber aufklären, wer schon alles den Weg zum THEATER DER WELT gefunden hat und danach ganze Regionen als weiße Flecken hinterlassen hat. Zu Unrecht. Mit dem Virus hat das jedenfalls nichts zu tun.

*

Zum Teil mögen sich Defizite des heurigen Programms mit der Entscheidung begründen lassen, dass die Macher einen Schwerpunkt auf Afrika legen wollten. Spezialisierte Festivals freilich gibt es auch anderswo, und wenn eine Fokussierung auf Kosten der Universalität geht, verliert die turnusmäßige Veranstaltung den Anspruch, der mit dem Namen „Theater der Welt“ behauptet wird.

Die Handspring Puppet Company aus Kapstadt war beim THEATER DER WELT schon 1993 in München mit Woyzeck on the Highveld in der Regie von William Kentridge und 2005 in Stuttgart mit Tall Horse von Khephra Burns zu Gast. Als Entdeckung kann die Düsseldorfer Ausgabe diese vielfach gelobte, 1981 gegründete Truppe also nicht für sich in Anspruch nehmen. Leben und Zeit des Michael K. von Lara Foot und dem Handspring Puppet Theatre war als Eröffnungsvorstellung angesetzt und musste es bleiben, weil das THEATE DER WELT als Koproduzent figuriert. Dass sie nun bloß als Livestream aus Kapstadt realisiert werden konnte, hat die Veranstalter von der Planung nicht abweichen lassen. Ein Statement über das Wesen von Theater? Da sich die Eröffnung aber zeitlich mit Spuren – vier Monologe von Étienne Minoungou überschnitt, musste man sich als Zuschauer entscheiden. Das hatte den unschätzbaren Vorteil, dass man einen guten Grund hatte, die immer gleichen Phrasen der Politiker zu vermeiden.

Étienne Minoungou ist Regisseur, Schauspieler und Dramatiker aus Burkina Faso. Spuren - vier Monologe (von Aimé Césaire, Dieudonné Niangouna, Sony Labou Tansi und Felwine Sarr) hat er auf zwei Abende verteilt. Die französischsprachigen poetischen, politischen und philosophischen Texte zeichnen sich durch sprachliche Schönheit aus, geben aber nicht viel her für bühnenwirksame Visualisierung. Ein paar Requisiten, fallweise Musiker – das war's. Die appellativen Texte dienen der Selbstvergewisserung, wenden sich aber zugleich an ein (weißes) europäisches Publikum. Es geht um die Würde Afrikas und der Menschen, die „Neger“ zu nennen sich Minoungou und seine Autoren nicht scheuen. Wenn ausgeführt wird, was Afrika zu gewinnen hätte, wenn es sich vom westlichen Vorbild emanzipierte, erinnert an eine um zwei Jahrhunderte verzögerte Wiederkehr des Modells, das Dostojewski und die Slawophilen in Russland vorgemacht haben. Europa, das steht fest, ist nicht das Maß aller Dinge.

Freilich: im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspiels blieben mehr Plätze frei als die Corona-Maßnahmen verlangten. Während sich die Massen vor dem Primark auf der Schadowstraße drängten, gleicht der hundert Meter entfernte Platz vor den Festivalorten einer öden Wüste, auf der ein paar unermüdliche Skateboarder einen Raum umkreisen, der als Festivalzentrum annonciert ist.

Für jene, die das Handspring Puppet Theatre versäumt hatten, spendierte das Festival einen Stream. Anderthalb Stunden nach der vorgesehenen Freischaltung und acht Monate nach Beginn der Erfahrungen mit Streaming kam folgende Meldung: „Wegen eines technischen Uploadproblems können wir Ihnen erst ab 17.30 Uhr das Video on Demand zur Verfügung stellen. Wir bitten Sie vielmals um Entschuldigung für diese Unanehmlichkeit (sic!).“ Ich konnte von dem Video keinen Gebrauch machen. Ich war gerade beim zweiten Abend mit Étienne Minoungous Monologen. Hoffentlich ist das kein Omen für die nächsten zwei Wochen und kein Zeugnis für die Organisationsfähigkeiten eines Teams, das ein Jahr Zeit hatte zu üben.



Étienne Minoungou | Foto: B. Mullenaerts

Thomas Rothschild – 19. Juni 2021
ID 12984
Weitere Infos siehe auch: https://www.theaterderwelt.de/


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