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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Gastspiel des

charmanten

Schurken



König Richard der Dritte am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Arno Declair

Bewertung:    



In seinem gleichnamigen Theaterstück lässt Arthur Schnitzler den Professor Bernhardi sagen:


„Und darüber, dass sich Leute schäbig gegen einen benehmen, den sie nicht mögen, oder weil sie persönlich aus ihrer Haltung einen gewissen Vorteil ziehen, darüber kann man sich doch am Ende nicht wundern. Eine Sorte ist mir ja allerdings immer rätselhaft geblieben – (…) Die Leute mit der selbstlosen Gemeinheit, weißt du. Die, die sich gemein benehmen, ohne dass sie den geringsten Vorteil davon haben, nur aus Freude an der Sache sozusagen.“


Richard III. gehört nicht zu dieser zweiten Sorte. Seine Gemeinheit ist funktional, von Anfang bis Ende zielgerichtet. Sie dient dem hemmungslosen Machtgewinn und Machterhalt. Und doch lässt sich nicht leugnen, dass Shakespeares Figur ihren Spaß an der Sache hat, an der eigenen Überlegenheit und am Spielerischen des Aufstiegs. Und wir Zuschauer teilen, bei aller Abscheu, dieses Vergnügen. Warum sonst würden wir uns das Drama immer wieder ansehen. dessen schlimmes Ende wir ja kennen?

Einmal mehr setzt Burkhard C. Kosminski auf die Strategie, Zuschauer mit einem Stargast ins Theater zu locken. Diesmal ist es Max Simonischek. Richard III., dessen voller Titel im Original The Tragedy of Richard the Third: vvith the Landing of Earle Richmond, and the Battell at Bosworth Field lautet und der in Stuttgart als König Richard der Dritte angekündigt wird, ist ja tatsächlich ein Angebot, das man auch als Burgschauspieler, „bekannt aus Film und Fernsehen“, nicht ablehnen kann, zumal wenn ein ausgewiesener Regisseur wie Andreas Kriegenburg die Leitung übernommen hat. Das Publikum mag’s freuen, aber ganz unproblematisch ist diese Politik nicht. Ein gut ausgestattetes Haus wie das Schauspiel Stuttgart sollte seine Aufführungen möglichst aus dem eigenen Ensemble besetzen. Das wäre nicht zuletzt wegen der Stimmung im Team ratsam. Die verzweifelte Rechnung, dass eilig herbeigeholte Stars die Attraktivität des Theaters steigern könnten, ist in der Vergangenheit nicht aufgegangen.

Was auffällt, ist der Kontrast zwischen der Volatilität beim Einsatz von Schauspielern und der Unbeweglichkeit bei den Dramaturgen. Die stehen halt nicht im Licht der Öffentlichkeit, niemand weiß genau, welchen Anteil sie an dem, was man auf der Bühne sieht, haben. Ein großer Teil der Stuttgarter Produktionen wird von der Chefdramaturgin Gwendolyne Melchinger betreut oder zumindest beraten. Was im Einzelnen auf ihr Konto geht, wissen wir nicht, aber der Verdacht liegt nahe, dass ihre Prioritäten stärker und kompromissloser, unbeirrt von Alternativen durchschlagen, als man sich im Sinne der Erkundung theatraler Möglichkeiten wünschen möchte. Es ist ja kein Zufall, dass die Namen exzeptioneller Dramaturgen mit Außenwirkung viel seltener sind als die von genialen Schauspielern. Gwendolyne Melchinger gehört nicht dazu. Sie fördert zwar immer wieder bemerkenswerte Fakten und Zusammenhänge zutage, die ihren Niederschlag in den Programmheften finden, aber bei der Umsetzung ins Szenische hapert’s. Das Akademische und der Jargon ersticken den Theaterinstinkt und die Sinnlichkeit. Gwendolyne Melchinger spielt nicht in derselben Liga wie Hermann Beil, Vera Sturm, Günther Erken, Klaus Zehelein oder Juliane Votteler.

Bei König Richard der Dritte allerdings lag die Dramaturgie nicht in den Händen von Gwendolyne Melchinger, sondern von Katja Prussas, die erst seit 2024 zum Stuttgarter Team gehört und schon bei Drei Mal Leben mit Andreas Kriegenburg zusammengearbeitet hat. Prussas und Kriegenburg verbindet ein ausgeprägtes Interesse für die Bildenden Künste.

Die selbst nach 39 Jahren nicht verblasste Erinnerung an Claus Peymanns Richard III. mit Gert Voss in der Titelrolle, für den man scharenweise nach Wien fuhr, ist ohnedies nur schwer zu übertreffen.

*

Die Überraschungen setzen in Stuttgart mit dem ersten Wort ein. Ehe Richard seine berühmten Anfangsverse sprechen darf, präsentiert uns Andreas Kriegenburg Margareta, die Witwe König Heinrichs VI., mit einem Monolog, der vorwegnimmt, was sie bei Shakespeare erst in der dritten Szene des ersten Aktes sagt.. Wollte der Regisseur die Perspektive des Stücks umkehren? Die Klage über die Schrecken von Krieg und Morden geht deren Abbildung voraus. Das rächende Gewissen meldet sich bei Gott, noch ehe die Untaten gezeigt wurden.

Richard, zunächst Duke of Gloucester, Adeliger, Feldherr und später König, trägt in Stuttgart keinen Königsmantel und keine Rüstung, sondern eine schlichte Uniform. Die Regie und Andrea Schraads Kostüme verzichten auf alles Majestätische. Diesen Herrscher kann man sich eher in den Räumen einer Fabrikantenvilla vorstellen als in einem Thronsaal. Die hellen Zimmer mit Kronleuchtern und sparsamen Stilmöbeln kontrastieren mit dem staubigen Dunkel des Towers. Vor Richards Monologen senkt sich knapp hinter der Rampe eine Wand mit einer überdimensionalen Tür.

Kurze choreografierte Momente unterbrechen den Laug der Handlung, als wollte man jedem Anflug von Naturalismus den Weg versperren.

Auch Kriegenburg würdigt die clownesken Einschübe in Shakespeares Tragödien. Seine zwei Mörder, verkörpert von Frauen, sind komisch wie Bobtschinski und Dobtschinski in Gogols Revisor.

Max Simonischek stattet den Schurken, zumal gegen Ende, eher mit dem mimischen Vokabular eines Klaus Kinski aus als mit dem eines Laurence Olivier, eines Ian McKellen oder auch eines Al Pacino. Ein bisschen erinnert er auch an Anthony Perkins in Psycho. Jedenfalls entspricht der Gesichtsausdruck nicht dem Esprit von Shakespeares Repliken.

Anders als Shakespeares und der historische Richard zieht seine Stuttgarter Inkarnation nicht in die Schlacht. Die stellt er sich, halb wahnsinnig, am Schreibtisch vor. Dort auch ruft er, wie erwartet, nach einem Pferd.

Richmonds Schlussworte wurden ebenso gestrichen wie sehr oft der Nachruf von Fortinbras auf Hamlet.

Ab der nächsten Spielzeit wird Andreas Kriegenburg Schauspieldirektor in Meiningen. Hoffentlich folgt hier niemand, wie im benachbarten Sachsen-Anhalt, dem Beispiel Richards III., der sich vor geschichtlich belasteter Lichtregie von Buckingham den Weg zum Thron ebnen lässt. Buckinghams Rolle jedenfalls wurde nicht gestrichen, nicht in Magdeburg und nicht am Stuttgarter Theater. Für ihn hat sie sich nicht gelohnt. Bei Shakespeare.



König Richard der Dritte am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Arno Declair

Thomas Rothschild – 17. Oktober. 2026
ID 16101
KÖNIG RICHARD DER DRITTE (Schauspiel Stuttgart, 16.10.2026)
Inszenierung: Andreas Kriegenburg
Bühne: Harald B. Thor
Kostüme: Andrea Schraad
Licht: Felix Dreyer
Dramaturgie: Katja PrussaI
Mit: Max Simonischek (als Herzog von Gloster, Richard III.) sowie Josephine Köhler, Gábor Biedermann, Marco Massafra, Pauline Großmann, Marietta Meguid, Christiane Roßbach, Klaus Rodewald, Simon Löcker, Peer Oscar Musinowski und Felix Jordan
Premiere war am 16. Oktober 2026.
Weitere Termine: 17., 20.10./ 09., 16.11./ 05., 12.12.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de


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