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Uraufführung

am beispiel der butter, das Gewinnerstück des Retzhofer Dramapreises 2013 von Ferdinand Schmalz, wurde von Cilli Drexel am Schauspiel Leipzig uraufgeführt



Das ist Ulrich Brandhoff am beispiel der butter in der gleichnamigen Uraufführung am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold


Gut geschmiert

Deine Heimat… Deine Milch! So steht es in großen Lettern über der Szenerie in der kleinen Spielstätte Diskothek hoch oben unterm Dach des Schauspiels Leipzig. Hier wurde jetzt das Gewinnerstück des Retzhofer Dramapreises 2013 am beispiel der butter des jungen österreichischen Autors Ferdinand Schmalz uraufgeführt.

In einem kleinen Hochalm-Ort mit angeschlossenem Molkereibetrieb, viel Sonne und Fleischbergen glücklicher Kühe sitzt die Belegschaft am liebsten beim kleinen Frühstück für Champions in der Bahnhofsreste und lässt sich von der Betreiberin Jenny (Henriette Cejpek) einen Klaren nach dem anderen einschenken. Jenny, deren innere Prinzessin schon vor Jahren ganz unbemerkt gegen die Wand gefahren ist, hält gut mit und verschmilzt ansonsten abends daheim mit dem Sofa vor dem Fernseher. Was ihren Stielaugen entgeht, sieht der Hans von der Staatsgewalt und weiß es zu berichten. Am Stammtisch spitzen der Hans und der Huber es dann gemeinsam auf einen Namen zu. Sie haben einen Riecher, wenn irgendwo was sauer wird.

Vor allem ist dem Hans der Futterer-Adi nicht geheuer. Wer anderen seinen Mitarbeiter-Jogurt löffelweise in den Mund hineinschiebt, steht außerhalb der Norm. Und was die Norm ist, bestimmen Hans und Huber. Der verhinderte Gesetzeshüter Hans (André Willmund) träumt davon, sein Hobby zum Beruf zu machen, das er gezwungenermaßen derweil noch im Keller ausübt. Der Huber (Wenzel Banneyer) vom Management vertritt die Marketingidee von einem reinen unschuldigen Weiß und sieht sein kantiges Profilgesicht am liebsten in High Definition. Im Herz der Milch sind fremde Kulturen nur Keime, die die Reinheit gefährden. Darum muss der Abtrünnige wieder zurück in die Form gebracht werden. Nein, von so einem wie dem Adi will man sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen.

Der Text des jungen Dramatikers Schmalz (ein Künstlername, wie er betont) ist voll von diesen Milch- und Buttermetaphern. Parallelen lassen sich auch zu den Kalauereien einer Elfriede Jelinek oder zur besonderen Sprachmelodie der Texte des Dramatikerkollegen Ewald Palmetshofer ziehen. Schmalz' Butterparabel steht aber nicht nur für einen gewissen Hang zum Sprachwitz, sondern auch für eine philosophisch angehauchte Betrachtungsweise menschlichen Denkens und Handels. Der natürlich reine Ausgangsstoff für das Endprodukt Butter sowie der Produktionsprozess der Butterwerdung selbst - beeinflusst durch die äußeren Gegebenheiten wie Sonne, Alm und Kuh -werden auf interessante Weise ins Verhältnis zum menschlichen Entwicklungsprozess gestellt. Lebende Beispiele dafür sind die einzelnen Protagonisten des Stücks.

Die durch die tristen Lebensumstände deformierte und in Trägheit erstarrte Masse - jeder äußere Einfluss hinterlässt in ihnen Erinnerungsabdrücke wie in einem Stück Butter - findet in der Ausnahme Adi wieder die Bestätigung ihrer Regel. Dem hält dieser Naturbursche in einem Monolog über die Butter die Möglichkeit einer Idee außerhalb der eingepressten Narben entgegen. Neue Ereignisräume will Adi schaffen, nicht einfach nur funktionieren, nicht immer nur erinnern. „Wann kalbt mein Butterich?“ fragt er sich. Karina (Runa Pernoda Schaefer), die neue Molkereimitarbeiterin, fühlt sich innerlich leer, als Unform ins Leben gestürzt. Gemeinsam mit Adi träumt sie von einer neuen Geste der Hoffnung in Form einer menschengroßen geballten Butterfaust.

Ein kurzes Aufschäumen von Veränderung durchzieht die kleine Welt der Butterberge, bis der Hans den Ausnahmezustand erklärt und die Staatsgewalt mittels Buttersäure in Form von Liquid Ecstasy wieder ins Recht setzt. Das böse Erwachen erfolgt im für österreichische Verhältnisse unerlässlichen, hier weiß gefliesten Keller. Die Inszenierung von Cilli Drexel kommt bis dahin ohne übertriebene Regieeinfälle aus, lässt dem Text Raum sich zu entfalten und drängt sich nicht mit unnützem Aktualitätsfirlefanz auf. Gespielt wird in und vor einer nach vorn offenen Imbissbude mit Rollladen, auf dem Platz für einige Videoeinspielungen ist. Sparsam und passend auch der Musikeinsatz mit Neofolk von Ween ("Drifter in the Dark") oder auch mal einem Wiener Walzer.

Warum Schmalz sich beim Titel für sein Stück von dem wortgewaltigen amerikanischen Schriftstellers David Foster Wallace inspirieren ließ, erfährt man beim Einschub einer besonders poetisch gestalteten Fabel, die von den fünf Darstellern gemeinsam neben den Zuschauerreihen stehend vorgetragen wird. Die alte Geschichte der beiden Frösche, die in den Milchtopf fallen und nicht mehr hinauskommen. Während der eine in der Milch ersäuft, fängt der andere so schnell mit den Beinen an zu treten, dass die Milch zu Butter wird. Während bei Aesop der Frosch damit gerettet ist, greift Schmalz zur Analogie des bei lebendigem Leib ins siedende Fett geworfenen Lobsters aus Wallaces Essay Am Beispiel des Lobsters. Er lässt seinen Frosch beim Anblick der toten Fröschin solange weitertreten, bis durch seine Energie heißer Buttersud entsteht. Trotz eines schlagkräftigen Wutausbruchs gibt es gegen die Überdosis Wirklichkeit der Stammtischler für Adi und Karina kein Erwachen mehr aus dem Buttertraum.

Bei seinen Analogieüberlegungen standen Schmalz neben David Foster Wallace postmoderne Denker wie Giorgio Agamben, Jean Baudrillard u.a. Pate. Dass dabei kein Analog- spricht Kunstkäse herausgekommen ist, liegt einerseits an der leichten Nachvollziehbarkeit seiner Schilderungen sowie in ihrer verblüffenden Doppeldeutigkeit anderseits. Schmalz ergötzt sich nicht in der einfachen Feststellung, er denkt weiter. Vom gleichen Ursprung ausgehend gelangen seine Figuren zu ganz unterschiedlichen Ansichten. Damit ist ihm nicht nur eine kunstvolle Beschreibung der Krise des Menschen in der modernen kapitalistischen Gesellschaft gelungen, sondern auch eine kleine ironische Kritik an deren als alternativlos angesehenen Verhältnissen und ihrer scheinbaren Unabänderlichkeit. Cilli Drexel und ihre großartigen Darsteller übersetzen das in klare, wirkungsvolle Bilder. Kein butterweicher Seelenschmalz, sondern eine rundum gut geschmierte Story.




Das sind Henriette Cejpek, Wenzel Banneyer und André Willmund am beispiel der butter in der gleichnamigen Uraufführung am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold



Bewertung:    

Stefan Bock - 5. März 2014
ID 7650
AM BEISPIEL DER BUTTER (Diskothek, 02.,03.2014)
Regie: Cilli Drexel
Bühne: Timo von Kriegstein
Kostüme: Nicole Zielke
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Dramaturgie: Julia Figdor.
Mit: Wenzel Banneyer, Ulrich Brandhoff, Henriette Cejpek, Runa Pernoda Schaefer und André Willmund
Uraufführung war am 2. März 2014
Weitere Termine: 20., 25. 3. / 11., 20., 27. 4. 2014



Wie soeben bekannt gegeben wurde, ist am beispiel der butter von Ferdinand Schmalz für den Mülheimer Dramatikerpreis (Mülheimer Theatertage: 17. Mai bis 7. Juni 2014) nominiert. | a.so. - 07.03.2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-leipzig.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



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