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nachDRUCK # 6

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Portrait

Trotz des großen Erfolgs

Das Münchener THEATER AM SOZIALAMT wurde 50




Am 27. Januar 1970 eröffnete das THEATER AM SOZIALAMT in München, kurz das TamS, mit einem Flop. Wenig später war dort Peter Handkes Quodlibet 3 Monate lang ausverkauft, ein Jahr danach erlebten Arps Valentinaden einen legendären Triumph. Auf den Tag genau nach 50 Jahren, am 27. Januar 2020, feiert das Hinterhoftheater von Welt - inzwischen von großem Renommée - sein halbes Jahrhundert. Und zwar so, wie es sich fürs TamS gehört, nämlich poetisch, spielerisch, anarchisch, wehmütig und witzig. Bei seiner Jubiläumsaufführung Trotz des großen Erfolgs – Eine Revue des Scheiterns ging denn auch nichts schief.

Als der lila Vorhang sich zögernd hebt, stehen alle Schauspieler in Feinripp-Unterwäsche da und gucken verdattert ins Publikum. Geht‘s wirklich schon los? Der Vorhang fällt erschreckt, fasst sich und geht dann wieder auf. Die Schauspieler suchen ihre Kostüme. Wer soll eigentlich wen oder was geben? Sich selbst spielen? Warum nicht? Aber es braucht doch eine Rolle, oder?! Die „tamsisch“ philosophische Antwort: „Wenn ich neben mir stehe, kann ich mich selbst spielen.“ Es folgt eine stumme Szene des Scheiterns vor laufenden Mikrophonen. Dann tritt auf ein poetisches Wasserballet in bunten Tütüs und Badekappen, das immer wieder an seine Grenzen stößt, vor allem den Bühnenrand. Und dann steht plötzlich Burchard Dabinnus da und sagt: „Jetzt stellen Sie sich mal vor, die ganze Vorstellung findet nur in Ihrer Vorstellung statt.“ Szenen des Suchens „was um die Worte herum ist“ (Prinzipalin Annette Spola) und sich Verhedderns, des Zauderns und des Mutes zum Querdenken, der Erinnerungen und der Idee für eine neue Zukunft. Doch womit beginnen? Ein Menetekel in pinker Leuchtschrift an der Wand meint: „Rettet die Wale“. Am Ende erscheint die 99jährige Schauspielerin (TamS-Familienmitglied und Grande dame des Theaters) Charlotte vom Bomhard und fragt: „Habt ihr schon angefangen?“

*

Scheitern, immer schöner und immer besser – entgegen dem Mainstream. Das war das Konzept des TamS Gründers Philip Arp von Anfang an. „Hiermit gebe ich nichts bekannt“, verkündete er während der 1970er Jahre in einer Zeit der lauthalsen Überzeugungen, Manifeste und Provokationen. In der Tradition von Karl Valentin versuchte man dagegen im TamS die Welt irgendwie zu begreifen, ihrem Chaos zu entkommen. Erfolglos. Doch man entdeckte das Absurde im Normalen, die Verwandtschaft und Tiefsinn und Unsinn. Berühmt wurde u.a. Philip Arps Vortrag über die Zerrissenheit: „Fünfundzwanzig Jahre kämpfe ich nun vergebens für den zerrissenen Menschen. Gegen die Presse, gegen Television, gegen die Regierung, gegen die Bauern, gegen dick und dünn. Durch. In unzähligen Vorträgen kämpfe ich vergeblich gegen meine Zuhörer. Meine Damen und Herren! Ich kann nicht länger so fortfahren. Aber der zerrissene Mensch wird einst auf Sie zurückfallen.“

Gespielt wurde im Lauf der Jahre Peter Handke, Dario Fo, Athol Fugard, Georges Perec, Ernst Toller, Georg Kaiser, Osvaldo Dragún, Thomas Bernhard, Max Frisch, Elfriede Jelinek, Ruedi Häusermann oder Urs Widmer. Prägend wirkten auch Hausautoren wie Rudolf Vogel, der zusammen mit Annette Spola bereits 1998 das Theater Apropos gründete und im ersten inklusiven Theaterfestival „Grenzgänger“ psychisch Kranke und Therapeuten zusammen auf die Bühne stellte. In den letzten Jahren schrieben die Kabarettistin Maria Peschek, die niederländische Bühnenautorin Judith Herzberg oder die Dramatikerin Beate Faßnacht vielbeachtete Stücke für das kleine Theater. Alles aufs schönste nachzulesen in dem reich bebilderten und hochinformativen Jubiläums-Band 50 Jahre TamS Theater (Hrsg. Annette Spola und Tams e.V., 240 Seiten, Athena Verlag, 24 Euro), der zum Blättern verführt, auch wenn man das Theater nicht kennt. Darin findet sich neben Fanpost aus dem Libanon („Ich habe Das Program von Tams als AuswEis DabEi“) auch ein Kapitel über den genialen, leider früh verstorbenen Bühnenbildner Eberhard Kürn.

All diese Menschen haben sich denn auch immer wieder unter die romantische Trauerweide im idyllischen Hinterhof des TamS gesetzt, die Philip Arp 1972 eigenhändig gepflanzt hatte. Inzwischen ist sie üppig verzweigt und behütet die vielen liebenswert „schrägen Vögel“, die sich dort immer wieder treffen. Gerhard Polt, der 1995 seine Kinderdämmerung im TamS aufführen ließ, schrieb denn auch in seinem Grußwort: „Dem Lächeln wird der rote Teppich ausgerollt, und das Lachen weicht nur, wenn die Melancholie ihren Auftritt hat. Hier lebt die Phantasie schon sehr lange zusammen mit dem Humor in einer Art Gütergemeinschaft.“

Zu verdanken hat München dieses ungewöhnlich kreative Biotop, eines der ersten Szenetheater in der bayerischen Landeshauptstatt, vor allem einer kleinen, großen Frau: Annette Spola. Sie spielte mit Arp in Valentins Firmling ebenso wie in dessen eigenen Valentinaden, in Athol Fugars Aussagen nach einer Verhaftung aufgrund des Gesetzes gegen die Unsittlichkeit oder auch zusammen mit Maria Peschek in den Szenen um Charlie und Beppi, zwei Gschaftlhuberinnen mit der Mission Weltrettung. Seit Philip Arps Tod 1987 leitet sie das TamS allein, inzwischen zusammen mit Co-Regisseur Lorenz Seib. Immer noch jung, neugierig, experimentierfreudig, den Blick nach vorne gerichtet. Auf der Jubiläumsbühne nahm sie denn auch einen dicken Blumenstrauß entgegen – so wie sie seit 50 Jahren arbeitet: im Team.

Möge es noch lange so weitergehen. Denn: Eigentlich hat es ja gerade erst angefangen, oder?!



Trotz des großen Erfolgs am TamS Theater München | Foto (C) Lorenz Seib

Petra Herrmann - 29. Januar 2020
ID 11965
TROTZ DES GROSSEN ERFOLGS (TamS Theater, 27.01.2020)
Eine Revue des Scheiterns

Regie: Anette Spola und Lorenz Seib
Bühne und Kostüme: Claudia Karpfinger und Katharina Schmidt
Dramaturgie: Adrian Herrmann
Licht: Peter Mentzel
Musik: Max Bauer
Choreographie: Urte Gudian
Mit: Barbara Altmann, Ante Brekalo, Charlotte von Bomhard, Lorenz Claussen, Burchard Dabinnus, Helmut Dauner, Gabi Geist, Ines Honsel, Javier Kormann, Catalina Navarro-Kirner, Theresa Peters, Axel Röhrle, Irene Rovan, Lorenz Seib, Zoltan Sloboda, Anette Spola und Sophie Wendt
Premiere war am 27. Januar 2020.
Weitere Termine: bis 15.02.2020, jeweils Mi-Sa


Weitere Infos siehe auch: http://tamstheater.com/


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