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Off Theater

17. Juni 2010, Ballhaus Naunynstraße

JENSEITS - BIST DU SCHWUL ODER BIST DU TÜRKE?

Von Nurkan Erpulat
und Tunçay Kulaoğlu


Die Beiden stellen 2 von 5 schwulen türkischen Männern dar, nach deren authentischen Aussagen das Dokumentarstück JENSEITS - BIST DU SCHWUL ODER BIST DU TÜRKE? entstand. - Foto (C) Ute Langkafel



Immigrantensex

Eine Art von Dokumentarstück läuft seit 2008 im Ballhaus Naunynstraße, einem Off-Theater im Berliner Stadtteil Kreuzberg; in der U-Bahn (Werbe-Bildschirm) bin ich letzte Woche drauf gestoßen.

Es ist sehr sehr umständlich mit "JENSEITS - BIST DU SCHWUL ODER BIST DU TÜRKE?" überschrieben - und zugleich erklärt es so, sehr unumständlich, worum es in diesem Dok.-Stück geht: um selbstbezichtigende Heimatlosigkeit von schwulen respektive sich als schwul bekannt habenden oder nicht als schwul bekannt habenden (schwulen) Türken.

Das ist freilich nicht sehr viel, obwohl es - und ich weiß, wovon ich rede - lebenssinn(e)stiftend ist, wenn Einer "richtig" weiß, woher er kommt / wohin er geht; auch sexuell, natürlich.



Diegleichen beiden Darsteller wie auf dem Bild rechts oben, Szene aus dem Stück JENSEITS - BIST DU SCHWUL ODER BIST DU TÜRKE? im Ballhaus Naunynstraße - Foto (C) Fernando Miceli



[Spätestens seit AUSSENSEITER von Hans Mayer wissen wir - und nicht nur ich und du und/oder wie "wir Schwulen" uns zu Dem und Dem und Dem begreifen mögen - , dass es grundsätzlich, also zumindestens, drei Außenseiter-Gruppen gibt: die Frauen, die Juden und die Homosexuellen; und auch das mag kurz und kurzschlüssig vom guten alten Mayer - selber Jude, selber Schwuler; also doppelaußenseiterisch - bezeichnet sein; doch mittels personeller Beispiele, die er in seinen AUSSENSEITERN Stück um Stück dann abarbeitet, kommen wir als Leser peu à peu dahinter, was von ihm gemeint sein könnte oder letzten Endes wohl gemeint gewesen ist...]

Der Schlenker [s. o.] war uns jetzt nicht unwichtig - einfach des Faktes wegen, dass es legitim sein kann und legitim sein muss, wenn künstlerisch [oder auch essayistisch, s. o.] auf so Grundaussagen abgehoben wird wie beispielsweise eben mittels dieser einen Dreifachfrage: "JENSEITS - BIST DU SCHWUL ODER BIST DU TÜRKE?"



Einer der fünf Betroffenen aus JENSEITS - BIST DU SCHWUL ODER BIST DU TÜRKE? - Foto (C) Ute Langkafel



Und wir bekommen authentische Beispiele zu hören; fünf (gesprochene und interaktionär mit jeweils Anderen gespielte) Kurzviten von vorher Interviewten, also von fünf "außerordentlich Betroffenen"...

Ercan Altun, Pınar Erincin, Muri Seven, Cem Sultan Ungan, Mehmet Yılmaz und Mürtüz Yolcu sind die ausführenden Darsteller - darunter eine Frau; sie, diese eine Frau, führt jene Fünf zusammen, weil sie einen Fragebogen auszufüllen haben, wonach ihnen dann das "Existenzrecht" in der BRD erstmalig oder wiederholt-erneuter Weise zugesprochen werden würde... wenn sie ihre Kreuze an der rechten Stelle machen oder so oder so ähnlich.

Was ich auch nicht wusste, dass sich türkische Staatsangehörige vorm Militärdienst in der angestammten Heimat "retten" können, wenn sie nachweislich (durch Fotos) dokumentieren, dass sie schwul sind; mit andern Worten: Türken, lasst euch, wenn euch Männer ficken, dabei abfotografieren, und die Sache ist geritzt!!

Die Aussagen im Ganzen treffen unterschiedlich stark - es sind, zum Teil, ans Herz gehende (Teil-)Geschichten.



JENSEITS - BIST DU SCHWUL ODER BIST DU TÜRKE? am Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg - Foto (C) Ute Langkafel


Alles in Allem aber bleibt, gottlob, die schöne These haften:

Sex ist immer schön, egal ob schwul oder (angeblich) nicht-schwul.

Dass es - immer schon und immer ewig - ein vor allem kultureller "Dauerschocker" für Denenigen bedeutet, der erfährt, sein Sohn (oder auch seine Tochter) wäre(n) schwul (oder auch lesbisch), zählte ich dann schon zu den bedeutendsten der Binsenweisheiten des nicht nur abendländischen Kulturraums.

Schöne Texte, schöne Menschen, schönes Publikum.


Andre Sokolowski - 18. Juni 2010
ID 00000004672
JENSEITS – BIST DU SCHWUL ODER BIST DU TÜRKE?
Von Nurkan Erpulat und Tunçay Kulaoğlu
(Ballhaus Naunynstraße, 17.06.2010)

Regie: Nurkan Erpulat
Bühne und Kostüme: José Eduardo Luna
Dramaturgie: Tunçay Kulaoğlu
Musik: Eugen Schwabauer
Produktion: Maria Kusche
Regieassistenz. Sarah Klöfer
Mit: Ercan Altun, Pınar Erincin, Muri Seven, Cem Sultan Ungan, Mehmet Yılmaz und Mürtüz Yolcu
Eine Produktion von Nurkan Erpulat und Hebbel am Ufer in Kooperation mit dem Ballhaus Naunynstraße
UA im Rahmen von Beyond Belonging (5/2008)

Weitere Infos siehe auch: http://www.ballhausnaunynstrasse.de


http://www.andre-sokolowski.de

Post an den Autor: soko@kultura-extra.de



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