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10. Juni 2010 - Oper Bonn:

Buch Asche. Uraufführung

Claudia Doderer/Händl Klaus/Klaus Lang

Alles ist anders als gewohnt bei dieser Uraufführung von „Buch Asche.“ in der Oper Bonn. Durch den Zuschauerraum des Opernhauses zieht sich – leicht zackenförmig – ein Steg bis zu den hintersten Reihen im Parkett. Das Orchester sitzt nicht im Graben, sondern verteilt im zweiten Rang. Es gibt keinen Dirigenten, sondern eine kleine Leinwand über den Köpfen der Zuschauer, auf die Zahlen und Buchstaben projiziert werden.

Der Auftakt gelingt: Als Klang-, Licht- und Raumerlebnis wirkt „Buch Asche.“ lange nach. Zunächst spielen nur die Musiker, der Klang kommt von überall. Dann kommt langsam das Licht hinzu, Gestalten treten aus dem Nebel auf, bewegen sich tänzerisch über den Steg in Richtung Bühne. Erst sehr viel später singen die Sänger. Kritisch wird es, sobald es narrativ wird. Denn von der Handlung versteht man nichts – weder vor noch nach der Lektüre des Programmhefts. Der bekannte Dramatiker Händl Klaus zeichnet für das Libretto verantwortlich. Was sich im Programmheft als poetisches chinesisches Märchen liest, findet sich auf der Bühne allerdings als zusammenhangslose Folge von Einzelaktionen, Wiederholungen und Stillstand wieder. Die Gesangstexte sind in einzelne Silben zerlegt und zwischen den Figuren passiert nichts oder zumindest nicht viel. Zudem ist Langs und Doderers Personenregie recht statisch geraten. Alles wirkt wie im Eis eingefroren – das passt zur Musik, die ein sehr ruhiges Tempo vorgibt, hilft aber nicht dabei, Sinn zu entlocken. Gelungen agieren die Tänzer, die mit einer ganz eigenen zackigen, abgehackten Körperlichkeit – die gelegentlich an Michael Jacksons „Moonwalk“ erinnert – Bewegungsbilder schaffen, die im Gedächtnis bleiben, und zu Recht mit viel Applaus bedacht werden.

Klar erkennbar ist der Kaiser, der von Terry Wey mit einer schönen Counterstimme gesungen wird. Lang inszeniert dessen Auftritt aus dem 1. Rang sehr langsam, die rote Schleppe zieht sich als Machtsymbol quer durch den Zuschauerraum. Zwei Männer kauern zu seinen Füßen und tragen dafür Sorge, dass die Schleppe ihrem Träger nachfolgt. Sobald der Kaiser auf der Bühne ist, erstarrt alles, fallen die anderen Protagonisten um wie tot. Assaf Levitin, der den Bauern Xi verkörpert, erreicht mit seinem Bass beeindruckende Tiefen und bewegt sich auf der Bühne immer zwischen einem ausgehobenen flachen Rechteck im Boden, das wie ein zu flaches Grab aussieht, und dem Bühnenrand hin und her, Steine tragend. Manchmal legt er sich auch in das ausgehobene Rechteck. Eine Beziehung zu seiner Frau Jun, die von Angelika Lenz mit einer großen Präsenz verkörpert wird, entsteht hier erst ganz am Ende.

Klaus Langs Komposition ist eine Stärke des Abends. Es lässt einen nicht unbeeindruckt, wenn der Orchesterklang quer durch alle Orchesterstimmen immer wieder anschwillt oder das Pizzicato der Streicher wie ein Insektenschwarm klingt. Eine weitere Stärke ist die Lichtregie von Max Karbe und Thomas Roschner. Sie verdient höchstes Lob, werden durch die präzise Lichtsetzung doch überhaupt erst Räume definiert, eine visuelle Atmosphäre geschaffen, Stimmungen gesetzt und der Blick gelenkt.

Immer wieder ergeben sich schöne Bilder. So sind auf einen Vorhang, der auf der Bühne heruntergelassen wird, Projektionen von fallenden Kirschblüten oder von Wellen, in die der Kaiser getaucht wird, zu sehen. Aber trotz der anfänglich geschilderten Raumkonstellation geben Lang und Doderer die klassische Zentralperspektive der Guckkastenbühne dann doch nicht ganz auf: Die Tänzer enden auf der Bühne, der Kaiser in der Bühnenmitte. Überhaupt erweist sich die Zentralperspektive als zu mächtiger Anziehungspunkt für den Blick, der eben in einem klassischen Theaterbau mit Guckkastenperspektive nur bedingt frei umherschweifen kann.

Bleibt als Fazit: „Buch Asche.“ in der Oper Bonn ist ein faszinierendes sinnliches Erlebnis, bei dem die Handlung fast ein wenig stört.


Claudia Doderer/Händl Klaus/Klaus Lang
Buch Asche.
Uraufführung


Musikalische Einstudierung und Komposition: Klaus Lang
Konzept und Inszenierung: Claudia Doderer, Händl Klaus, Klaus Lang
Libretto: Händl Klaus
Raum/Kostüme: Claudia Doderer
Choreographie: Tomi Paasonen
Video: Axel Largo
Choreinstudierung: Sibylle Wagner
Dramaturgie: Ulrike Schumann, Ilka Seifert, Thomas Witzmann (fexm)

Mit:
Jun: Angelika Luz
Xi: Assaf Levitin
Kaiser Liu-Pi: Terry Wey
Chor des THEATER BONN
Beethoven Orchester Bonn

Premiere am 06.06., Vorstellungen am 26.06. und 10.07.

Eine Produktion des Fonds Experimentelles Musiktheater, eine gemeinsame Initiative des NRW KULTURsekretariats und der Kunststiftung NRW in Zusammenarbeit mit THEATER BONN. Mit freundlicher Unterstützung der Ernst von Siemens Musikstiftung


Karoline Bendig - red. / 12. Juni 2010
ID 00000004667

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater.bonn.de





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