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nachDRUCK # 6

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DVD-Kritik

Isabellas

Konflikt



Bewertung:    



In England konkurrieren das Shakespeare‘s Globe in London und die Royal Shakespeare Company in Stratford-upon-Avon in der Pflege des Nationaldichters, an dem zu zweifeln keinem Patrioten einfiele. Einheimische wie Touristen aus aller Welt pilgern zu den Spielstätten, und die Inszenierungen beider Ensembles sind auf DVDs aufbewahrt. Man kann sich also, freilich um den Preis des Verlusts der Atmosphäre, die insbesondere im Globe Theatre die halbe Miete ist, am häuslichen Fernseher an Shakespeare im Original erfreuen.

Jetzt ist Maß für Maß in der jüngsten Stratforder Inszenierung – der zwölften dieser „Komödie“ seit 1962 – in der Regie des aktuellen Intendanten Gregory Doran aus dem Jahr 2019 auf den Markt gekommen. Die nimmt sich mehr Freiheiten, als man beim englischen Theater erwarten mag. Die Kostüme verweisen eher auf die Zeit von Oscar Wilde als von Shakespeare, und ein Walzer zur Eröffnung signalisiert den Spielort Wien, freilich völlig anachronistisch – den Walzer gab es zu Shakespeares Zeit noch nicht. Der Ort der Handlung ist ohnedies ein Wien aus Shakespeares Fantasie. Bekanntlich hat der Dramatiker England nie verlassen. Der Regisseur forciert exzessiv die komödiantische Seite des keineswegs durchweg komischen Stoffes, um einen scharfen Kontrast herzustellen zu der durch lange Dialoge gekennzeichnete Exposition des zentralen Problems. Das Problem: handelt Isabella richtig oder unmenschlich, wenn sie befindet: „I had rather my brother die by the law than my son should be unlawfully born.“ („Ich wolle lieber, dass mir ein Bruder nach dem Gesetz sterbe, als dass mir ein Sohn wider das Gesetz geboren werde.“) Tosca entscheidet sich bekanntlich anders. Es nützt ihr wenig.

Gestik und Übertreibung stehen im Gegensatz zur sprachbewussten Artikulation. Die Geschlechterambivalenz, die bei Shakespeare ein durchgängiges Motiv ist, wird voll – und wiederum: zu Gunsten des Komischen – ausgekostet. Escalus ist in dieser Inszenierung, wie übrigens auch der gestrenge Schließer, eine Frau. Die Gerechtigkeit ist, im Gegensatz zur männlichen Unmoral eines Angelo, weiblich. #Me Too belehrt Shakespeare und sagt uns Heutigen, was wir eh zu wissen meinen.

Am Schluss kriegt Isabella den Herzog. Sie macht eine kurze verzweifelte Geste. Blackout. Ich erinnere mich nicht mehr, wie lang es her ist, dass ein Regisseur Nestroys Lumpazivagabundus so enden ließ. Seither gehört es fast zur Regel, dass Zweifel am Happy End von Ehe und sozialem Aufstieg angemeldet wird. So auch bei Maß für Maß. Keine Überraschung. Aber was soll man auch anderes tun?

Thomas Rothschild – 21. Juli 2020
ID 12363
Weitere Infos siehe auch: https://www.naxos.de/neuheiten/0809478013105/


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