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61. THEATERTREFFEN

Riesenhaft in Mittelerde

Schauspielhaus Zürich


Bewertung:    



Wie jedes Jahr im Mai veranstalten die Berliner Festspiele wieder das THEATERTREFFEN mit den 10 bemerkenswerten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum, ausgewählt von einer siebenköpfigen Jury, die dafür ganze 690 Inszenierungen gesichtet hat. Herausgekommen ist ein recht buntgemischtes Feld aus relativ herkömmlichen Stadttheaterinszenierungen, Monologen, Musiktheater, Stückentwicklungen und Performances, sogar ein französisches Tanztheaterstück eingerichtet für die Ruhrtriennale ist dabei. Die großen Theaterhäuser aus Berlin (2 mal Schaubühne), Hamburg, München und Zürich werden flankiert von den vermeintlich kleineren aus Bochum, Nürnberg und Jena. Eröffnet wurde das Festival am 2. Mai mit Lessings Aufklärungsstück Nathan der Weise in einer Inszenierung von Ulrich Rasche für die Salzburger Festspiele.

In der zweiten Woche war nun das Schauspielhaus Zürich zu Gast im Haus der Berliner Festspiele. Der scheidende Intendant Nicolas Stemann zeigte die Koproduktion mit dem inklusiven Theater HORA, das auch die Ausgangsidee für Riesenhaft in Mittelerde nach dem Romanzyklus Der Herr der Ringe von J.R.R. Tolkien lieferte. Weiter beteiligt sind Der Cora Frost und Florian Loycke mit dem Berliner Puppentheater Helmi, das die allein schon bemerkenswerten Schaumstoffpuppen für das begehbare Spektakel beisteuerte. Begehbar bedeutet, dass das Publikum sich relativ frei in den Kulissen der Inszenierung auf der Seiten- und Hinterbühne bewegen kann. Es gibt zwei kleine Tribünen zum Verweilen und auch die Bar „Crazy Horst“, in der Getränke erstanden werden können.

Ein immersives Theatererlebnis also, auch ein schönes Live-Event für Fans von Tolkiens Mittelerdekosmos, dessen (von Sophie Reble kostümierten) Figuren hier munter den Parcours bevölkern, von Elben über Hobbits bis zu den Orks, die einen hier auch schon mal finster anfauchen. Es erwartet einen eine nicht allzu ernst gemeinte, lose an Tolkiens Bücher angelegte Szenenfolge, die sich quer durch den mit Podesten, fahrbaren Gerüsten und kleinen Hütten gestalteten Raum (Bühnenbild: Katrin Nottrodt). Auf drei Leinwände werden die mit mehreren Livekameras verfolgten Szenen übertragen. Es gibt auch einen Einspielfilm, der die Ring-Gefährten auf ihrem Weg auf den Zürcher Uetliberg verfolgt. Ansonsten hält sich der Abend recht grob an einige der wichtigsten Romanszenen. Zu Beginn gibt es ein kurzes Vorstellen der Rollen. Die Figuren entsprechen denen des Romans und werden von den HORA-Mitgliedern und nichtbehinderten SchauspielerInnen dargestellt.

Musikalisch wird der Abend vom Regisseur Stemann am Klavier und einer Live-Band von Thomas Kürstner begleitet. Größere Choreinlagen für alle Beteiligten gibt es auch zu Beginn und am Ende, an dem auch das Publikum aufgefordert ist bei einer kleinen Choreografie sich einzubringen. Ansonsten kann man das Geschehen um Frodo Beutlin und seine Schar der Gefährten auch ganz unbeteiligt genießen. Das Ziel der Veranstaltung ist aber schon ein gemeinsames Gruppenerlebnis, das sich im Großen und Ganzen auch Dank der großen Spielfreude des gesamten Ensembles auch auf das Publikum überträgt. Die Magie der Vorlage, die man hier nicht unbedingt kennen muss, und die überbordende Kreativität der des künstlerischen Teams, lassen einen nicht gänzlich kalt. Mit Genuss lässt sich das Spiel des mit Schaumstoffpuppen und -masken des Helmi ausgerüsteten Ensembles beim Kampf von Zauberer Gandalf mit einem Nazgul, Frodos Sieg gegen einen Ringgeist oder den Sturm der Baumhirten (Ents) gegen Sarumans Festung Isengard verfolgen.

Brian Morrow vom Helmi tritt als Autor Tolkien auf und outet sich als konservativ, hat aber nichts gegen das bunte Treiben einzuwenden. Ein kleiner Seitenhieb auf das heute durchaus auch als rassistisch und Verherrlichung männlicher Rituale wahrgenommene Werk Tolkiens. Das klassische Gut-Böse-Muster und die überkommenen Rollenbilder werden hier aber immer wieder lustig aufgebrochen. Ironisch arbeitet man sich am Pathos der Vorlage ab. In der Pause bekommen die Orks ihren Auftritt und treten aus dem Schatten ihres Rufs. Es gibt ein Ork-Awarenessteam und Nikolas Stemann dichtet bekannte Popsongs nach dem Muster „These boots are made for Orking“ um.

„Die Welt ist im Wandel“, raunt es hier zu Beginn ganz mystisch. Die großen Fragen der Gegenwart werden hier aber sicher nur am Rande verhandelt. Es bleibt ein großes Fest des Theaters mit seiner Lust an der Verwandlung, das unbegrenzt gedacht nicht an den Grenzen der Hochkultur (siehe Eintrittspreise) scheitern sollte. Regisseur Stemann sucht zumindest schon mal nach Sponsoren für eine Fortführung des Spektakels nach dem Ende seiner Intendanz in Zürich.



Riesenhaft in Mittelerde am Schauspielhaus Zürich | Foto (C) Philip Frowein

Stefan Bock - 10. Mai 2024
ID 14741
Riesenhaft in Mittelerde (Haus der Berliner Festspiele, 09.05.2024)
Regie: Nicolas Stemann, Stephan Stock, Florian Loycke & Der Cora Frost
Kostüme: Sophie Reble und Ensemble
Bühne: Katrin Nottrodt
Puppenbau: Felix Loycke und Ensemble
Choreographie: Gianni Blumer
Mediale Inszenierung: Institut für Experimentelle Angelegenheiten
Licht: Michel Güntert
Dramaturgie: Bendix Fesefeldt und Regieteam
Mit: Mit Noha Badir / Vincent Basse / Gianni Blumer / Andy Böni / Gottfried Breitfuss / Caitlin Friedly / Der Cora Frost / Nikolai Gralak / Tabita Johannes / Kay Kysela / Felix Loycke / Florian Loycke / Sasha Melroch / Brian Morrow / Maximilian Reichert / Fredi Senn / Nicolas Stemann / Fabienne Villiger / Lukas Vögler
UA in der Schiffbau-Halle Zürich: 22. April 2023
zum Berliner THEATERTREFFEN


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspielhaus.ch


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