Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 6

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

59. THEATERTREFFEN

Like Lovers Do

Münchner Kammerspiele


Bewertung:    



Die israelische Dramatikerin Sivan Ben Yishai ist derzeit sehr angesagt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis einer ihrer recht radikalen Texte nach Mülheim bzw. zum THEATERTREFFEN eingeladen wird. In diesem Jahr ist die Autorin tatsächlich auf beiden Festivals vertreten. Die Mannheimer Uraufführung ihres Stücks Wounds are forever zählt zu den 7 Texten, die um den Mülheimer Dramatikerpreis konkurrieren und ist auch zu den Autorentheatertagen des Deutschen Theaters eingeladen. Die Uraufführung von Ben Yishais Stücks Like Lovers Do (Memoiren der Medusa), die Pınar Karabulut für die Münchner Kammerspiele eingerichtet hat, gehört zur 10er-Auswahl des diesjährigen Berliner Festivals. Ihr geht sogar eine sogenannte Triggerwarnung voraus. „Der Text enthält Schilderungen von sexualisierten Gewalthandlungen, die belastend und re-traumatisierend wirken können“, heißt es da.

Von Pınar Karabuluts Inszenierung, auf die es ja für eine Einladung zum THEATERTREFFEN ankommen sollte, kann man das allerdings kaum behaupten. Den in Teilen recht expliziten Text über sexualisierte Gewalt an Frauen wie auch Männern, in verbaler Form bis hin zur Vergewaltigung und Sexualmord sowie über weibliche Vergeltungsfantasien entrückt die Regisseurin in eine bunte Fantasiewelt genderneutraler Aliens, die sich in einer Art säulenbegrenztem Tempel mit Wasserbecken und vier mit Luft aufgeblasenen Phallustürmen (Bühne: Michela Flück) versammelt haben und zunächst rituelle Choreografien zelebrieren, bis sie den rollenlosen Fließtext zumeist chorisch und in einigen Solonummern performen.

Dazu wird viel Popmusik eingespielt, der Text zum Dirty-Dancing-Hit Time of My Life gesungen oder auch mal gerappt, was nicht unbedingt zu einer guten Textverständlichkeit beiträgt, auf die es Pınar Karabulut vermutlich auch gar nicht ankommt. So steht der eh schon ziemlich verworrene, aber durchaus auch ernste Text relativ konträr zum Regiekonzept, das sich mehr als lustiges Kostümfest (Teresa Vergho) präsentiert, als das Stück dem Thema entsprechend in Szene zu setzen. Die Regisseurin macht es sich dabei relativ leicht. Der ästhetische Wille siegt hier über einen Text, der sich dem allerdings auch leicht unterordnet.

Der Untertitel des Stücks nimmt Bezug auf den griechischen Medusa-Mythos. Die durch ihr Schlangenhaupt berüchtigte Gorgone wurde nach Ovid vom Meeresgott Poseidon im Tempel der Athene vergewaltigt und von der Göttin mit einem Fluch belegt, dass jeder, der sie ansah zu Stein erstarrte. Der erste Fall von Täter-Opfer-Umkehr, was in Fällen von Vergewaltigung oft der Fall ist. Davon ausgehend breitet der Text misogyne Praktiken und patriarchale Redeweisen über Frauen als Sexualobjekte aus und berichtet auch von fünf jungen Mädchen, die sich beim Eisessen in alten Rollenbildern schwelgend ihren Traummann ausmalen, was in der Inszenierung zur minutenlangen Klamauk-Nummer für Bekim Latifi wird.

Ziemlich am Ende der Inszenierung, wenn nicht nur aus den Phallustürmen die Luft raus ist, treten die fünf SpielerInnen nochmal in neuen Kostümen als mehrarmige Rachegöttin Kali oder Medusa auf und steigern sich in eine Kastrationsfantasie, bis sie von einem Raumschiff abgeholt werden. Große Begeisterung unter dem zumeist jugendlichen Publikum. Damit ist selbstverständlich auch ein weiterer Generationswechsel vollzogen. Aber was letztendlich den Ausschlag gegeben hat, diese Inszenierung nach Berlin einzuladen, lässt sich selbst aus der Jury-Begründung, die einerseits ein finster-poetisches „Lied“ über strukturellen Sexismus konstatiert aber auch von Amüsierverpflichtung der Popkultur spricht, nicht wirklich ablesen.



Like Lovers Do an den Münchner Kammerspielen | Foto (C) Krafft Angerer

Stefan Bock - 19. Mai 2022
ID 13628
LIKE LOVERS DO (Haus der Berliner Festspiele, 1 7.05.2022)
Memoiren der Medusa von Sivan Ben Yishai

Regie, Choreografie: Pınar Karabulut
Bühne: Michela Flück
Kostüme: Teresa Vergho
Musik: Daniel Murena
Lichtdesign: Jürgen Tulzer
Dramaturgie: Mehdi Moradpour
Mit: Gro Swantje Kohlhof, Jelena Kuljić, Bekim Latifi, Edith Saldanha und Mehmet Sözer sowie der Stimme von Wiebke Puls
UA an den Münchner Kammerspielen: 9. Oktober 2021
Gastspiel zum 59. THEATERTREFFEN


Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinerfestspiele.de/de/theatertreffen/start.html


Post an Stefan Bock

Freie Szene

Neue Stücke

Premieren

THEATERTREFFEN



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!



Vielen Dank.



  Anzeigen:





THEATER Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Rothschilds Kolumnen

BALLETT |
PERFORMANCE |
TANZTHEATER

CASTORFOPERN

DEBATTEN
& PERSONEN

FREIE SZENE

INTERVIEWS

PREMIEREN-
KRITIKEN

ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski

URAUFFÜHRUNGEN


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal


Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2022 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de