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Rosinenpicken (578)

Wie starb

der letzte

Großkönig

von Persien?



Yazdgerds Tod am Schauspiel Köln | Foto (C) Andreas Schlager

Bewertung:    



Der mehrfach preisgekrönte iranische Schriftsteller und Filmemacher Bahram Beyzaie (84) - mittlerweile in den USA lebend, wo er bereits seit mehr als 10 Jahren an der Stanford University lehrt - schrieb sein Stück Yazdgerds Tod 1979, genau in dem Jahr, wo die sog. Islamische Revolution, die zum Sturz des Schahs von Persien und zu Chomeinis Machtergreifung führte, ihren Anfang nahm, also in einer Zeit des totalen gesellschaftlichen Umbruchs. Die damalige Flucht von Reza Pahlavi und die darauffolgende "Invasion der reaktionären Mullahs" waren eines der ausschlaggebenden Momente für Beyzaies Text:


"Das Ereignis erinnerte mich an die Flucht von Yazdgerd [des letzten Großkönigs von Persien, † 651] und den Angriff der Araber auf den Iran vor 1.400 Jahren. Diese Parallelität erschütterte mich sehr. Das Stück erwachte selbst zum Leben und so schrieb ich den Text inmitten der im Land herrschenden revolutionären Stimmung; diese war natürlich viel lebendiger als alle meine bisherigen Gedanken zum Stück es hätten sein können.

Ich habe das Stück 1979 in Teheran selbst zur Uraufführung gebracht, es gab 45 Vorstellungen. Im ersten Jahr der Revolution war die Zensur noch nicht etabliert. Drei Jahre später hingegen schon, da habe ich das Stück verfilmt. Es gelang ihnen, meine Verfilmung erst zu zensieren und anschließend ganz zu verbieten. Der Film wurde nie im Iran veröffentlicht. Dank der Freundlichkeit und dem Mut einiger Menschen, die mir nahe standen, konnten Kopien des Films aus dem Iran geschmuggelt werden. Der Film wurde nur einmal öffentlich im Jahr 1995 bei der Viennale mit englischen Untertiteln gezeigt, er stieß auf heftige sachriftliche Proteste der damals zuständigen Chefs der islamischen Behörden."


(Quelle: Programmheft Schauspiel Köln)



Jetzt besorgte die iranische Regisseurin Mina Salehpour die deutschsprachige Erstaufführung am Schauspiel Köln.

*

Das spektakuläre Bühnenbild von Afsoon Pajoufar, bestehend aus zwei sich schräg nach oben aufbauenden und sich gegenüberstehenden Mauern aus hunderten, wenn nicht gar tausenden luftig versetzten Ziegelsteinen (womöglich die Silhoette des gigantischen Azadi-Turms in Teheran assoziierend), wird durch eine überdimensionale Sonnen- also Lichtscheibe unterbrochen, auf die dann hin und wieder eine kleinere und dunkle kreisrunde Scheibe von oben herabgelassen wird. Rechts und links der Konstruktion sind Scheinwerfer neben jeweils einem Dutzend auf dem Boden liegender Kleidungsstücke (womöglich Gestorbene oder Getötete assoziierend) positioniert.

Der Musiker und Sänger Mark Bérubé durchschreitet ab und an die Szenerie, und was und wie er singt, hat eine wundersam berührende Melancholie; ich kriegte Gänsehaut von seiner Stimme und der engelgleichen Erscheinung, die er während der 80 Minuten Aufführungsdauer demonstrierte.

In dem Stück an sich werden zig Varianten durchgespielt, auf welche Art und Weise der sich in eine Müller-Behausung geflüchtet habende Yazdgerd ums Leben gekommen sein soll:


"Wer hat den König umgebracht? Wem ist zu trauen? Wer sagt die Wahrheit und wer lügt? Nach einem Sandsturm suchte jener Mann in der Mühle Unterschlupf, ohne sich zunächst als König zu erkennen zu geben, sagt der Müller. Er sei nicht vor fremden Angreifern geflohen, sondern vor seinem eigenen Volk und der Regierungsverantwortung, sagt die Müllersfrau. Der Mann habe sie angefleht, ihn umzubringen, sagt die Tochter. Oder war es doch ganz anders und im Mehlstaub liegt nicht der König, sondern der tote Müller? Aussage steht gegen Aussage: Die Familie redet sich um Kopf und Kragen, denn ihr Leben steht auf dem Spiel." (Quelle: schauspiel.koeln)


Elmira Bahrami (!) als Müllersfrau, Stefko Hanushevsky als Müller und Rebecca Lindauer als Müllerstochter nehmen "neben ihren angestammten" Rollen auch noch die des Königs an, bevor der (durch die drei?) zu Tode gekommen war; sie exerzieren also, mit jeweils verteilten Rollen, eine nach der andern Möglichkeit des mutmaßlichen Gewaltvergehens durch. Drei (Negativ-)Gestalten einer wie auch immer zu verstehenden Behörde und/ oder Untersuchungskommission - Andreas Grötzinger als General, Kei Muramoto als Mobad und Daniel Nerlich als Soldat - versuchen dem Wahrheitsgehalt der ihr von der Müllersfamilie jeweils aufgetischten Tötungsvariante nach und nach auf dem Grund zu gehen; dabei bedient sie sich der Androhung und Ausübung von Folter...

Schlussendlich wird nicht aufgeklärt, ob oder wie Yazdgerd von den drei Müllerleuten oder durch sich getötet worden ist.

Egal.

Der insgesamten Sprach- und Bilderpoesie der schönen Inszenierung tat das Unentschiedene des Stück nicht schaden, ganz im Gegenteil: Sie überwog seinem doch ziemlich dünnfadig gestrickten Plot.



Yazdgerds Tod am Schauspiel Köln | Foto (C) Andreas Schlager


Andre Sokolowski - 3. Dezember 2023
ID 14506
YAZDGERDS TOD (Depot 1, 02.12.2023)
مرگ یزدگرد von Bahram Beyzaie

Regie: Mina Salehpour
Bühne: Afsoon Pajoufar
Kostüme: Maria Anderski
Musik & Komposition: Sandro Tajouri
Licht: Jan Steinfatt
Dramaturgie: Lea Goebel
Mit: Elmira Bahrami (als Frau), Stefko Hanushevsky (als Müller), Rebecca Lindauer (als Mädchen), Andreas Grötzinger (als General), Kei Muramoto (als Mobad) und Daniel Nerlich (als Soldat) sowie dem Live-Musiker Mark Bérubé
DEA am Schauspiel Köln: 2. September 2023
Weitere Termine: 20.12.2023// 21.01.2024


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel.koeln/


https://www.andre-sokolowski.de

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