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Repertoire

Ursonate [Wir spielen,

bis uns der Tod abholt]

Claudia Bauer inszenierte Kurt Schwitters´ Lautgedicht am Deutschen Theater als dadaistische Sprechoper mit Musik von Peer Baierlein

Bewertung:    



Nach dem Dichter Ernst Jandl (humanistää!, Volkstheater Wien, 2021) und dem Komiker Karl Valentin (Valentiniade, Residenztheater München 2022) ist die Theater-Regisseurin Claudia Bauer nun beim Dadaisten und Merzkünstler Kurt Schwitters (1887-1948) angelangt. Das ist nur konsequent. Der Spaß an der Wort- und Sinnverdrehung sowie ein besonders starker Sinn für Musikalität und Sprach-Rhythmus lagen auch Jandl und Valentin im Blut. Schwitters‘ Ursonate, die nun der ersten Arbeit von Claudia Bauer für das Deutsche Theater in Berlin zu Grunde liegt, ist ein dadaistisches Lautgedicht, das tatsächlich formal die Vorgaben für den Aufbau einer Sonate erfüllt, allerdings ohne Komposition. Die besorgte in diesem Fall der Komponist Peer Baierlein. Ihn verbindet seit der Inszenierung Und dann (Schauspiel Leipzig, 2014) eine enge Zusammenarbeit mit Claudia Bauer.

Schwitters hat an dieser Sonate in Urlauten, wie die Ursonate auch heißt, zwischen 1923 und 1932 gearbeitet. Sie beruht auf einer Weiterentwicklung des 1918 erschienenen Plakatgedichts fmsbw von Schwitters‘ Dada-Kollegen Raoul Hausmann. Beide Künstler verband eine längere Freundschaft aber auch künstlerische Konkurrenz, die darin gipfelte, dass Hausmann Schwitters übel nahm, ihn nicht als Miturheber der Ursonate genannt zu haben. Hausmann wie Schwitters mussten nach der Machtergreifung der Nazis als verfemte Künstler aus Deutschland fliehen. Hausmann über Spanien nach Frankreich, Schwitters über Norwegen nach England, wo er lange auch interniert war. Erst 1946 begannen beide wieder einen regen Briefwechsel in englischer Sprache, in dem es vor allem um neue Lautgedichte und die Herausgabe einer Emigrantenzeitschrift für Literatur und Kunst ging. Das Projekt PIN blieb allerdings nicht nur wegen Schwitters‘ Tod 1948 Makulatur. Da haben sich die zwei dann offensichtlich doch sprachlich nicht so gut verstanden. „Do you understand that?“

So beginnt jedenfalls der Abend am DT, indem das achtköpfige Ensemble [alle Namen s.u.] aus einem der Schwitters-Briefe an Hausmann chorisch frei zitiert. „Language is only a medium to feel. Not to understand.“ heißt es hier. Will heißen, hier gibt es vielleicht gar nichts zu verstehen. Und was soll dieses ständige „Fümms bö wö tää zää Uu“ oder „rakete rinnzekete Beeeee bö“ usw. auch bedeuten? Vermutet wird u.a., dass sich Schwitters von Vogellauten inspirieren ließ. Sozusagen sangen es die Stare von den Dächern herunter. Eine norwegische Anekdote mit sprachbegabten Staren, die Schwitters‘ Ursonate imitierten, berichtet davon. Die nicht minder sprachbegabten SchauspielerInnen des DT könnte man also auch als gelehrige Vögel bezeichnen. Als recht bunte „Vögel“ treten sie zumindest auf der Bühne auf. Vanessa Rust hat sie mal mit weißen Tüllröckchen und hochgeföhnten Perücken, mal mit grauen Fräcken oder auch goldenen Masken ausstaffiert.

Ganz scheint Claudia Bauer der Sprachkraft der Ursonate nicht getraut zu haben. Gerahmt wird der Abend noch von weiteren Schwitters-Texten. So rezitiert das Ensemble zunächst einzeln und chorisch aus dem Romanfragment Franz Müllers Drahtfrühling (1921), in dem ein Mann stumm an einer Straßenecke steht und für einen Menschenauflauf sorgt, der sich zu einer kleinen Revolte der Kleinbürger entwickelt. Ein Hinweis auf die subversive Kraft der Dada-Kunst. Man könnte ja sonst meinen, das wäre hier alles nur Jux und Tollerei. Was es dann im Großen und Ganzen auch ist. Übertriebene Mimik und Gestik sind an diesem Abend großgeschrieben. Da wird gezappelt, sich verbogen und aufgeregt hin- und her gelaufen. Ganz zum Vergnügen des Silvesterpublikums inklusive genießtem Konfetti. Alles frei nach Schwitters natürlich. Nichtsdestotrotz ist das dennoch ein sehr virtuoser Abend, der Freunden von schräger Sprachkunst auch einiges zu bieten hat.

Aber vor allem das kleine, nur zweiköpfige Orchester aus Maria Schneider und Lih Qun Wong vollbringt Großes an Schlagwerk, Vibraphon und Cello. Wenngleich die musikalische Bearbeitung der Schwitters-Laute manchmal zu sehr ins Wohlige abgleitet und man im Walzertakt mitschunkeln könnte. Am besten sind die stark rhythmischen Passagen, die das Lautgedicht zum Strahlen bringen. Anita Vulesica hat zu Beginn einen komödiantischen Solopart, den am Abend gefühlt jeder einmal bekommt. Als Schwitters-Imitation hackt Vulesica auch mal in einem Merz-Gedenkraum hinter der Bühne auf die Schreibmaschinentasten, was mit der Livekamera gefilmt groß auf die Bühnenrückwand projiziert wird. Die Bühne, die Patricia Talacko für Claudia Bauers Inszenierung entworfen hat, besteht aus einem drehbaren Halbrundhorizont, mit Innenraum und Vorhang, dessen Wand sich gut für Videoprojektionen auch von Teilen des Lauttextes von Schwitters eignet.

Dann groovt es mächtig mit einem souligen Auftritt von Vanessa Loibl. Manchmal hört es sich auch ein wenig wie Tonleitersingen an, wenn das Alphabet nach Schwitters rückwärts aufgesagt wird. Mareike Beykirch hat ihr Solo als widerständige „Eke“-Interpretin, was ein wenig wie das berlinernde „Icke“ klingt. Ein Aufstand gegen die Ideologie der Worte, der vom Schlagzeug-Knall niedergeschossen wird. Jeder kann hier frei sein Slapstick-Können zum Besten geben. Da kennt der Einfallsreichtum keine Grenzen, die hier aber dem Hang zum größten Klamauk sicher etwas Einhalt geboten hätten. Nach gut einer Stunde ist die Luft auch etwas raus. Da wirkt das Lautgedicht Obervogelgesang und das Gedicht Hinrichtung aus Schwitters‘ Anna-Blume-Dichtungen nur wie angeklebt. Etwas Ernstes nach allem Nonsens zum Nachdenken hintendran. „Du stirbst, ich sterbe Mensch, Anna Blume lebt Welten.“ Die Welt am Abgrund und alles Bühnenpulver schon verschossen.



Ursonate am DT Berlin | Foto (C) Eike Walkenhorst

p. k. - 3. Januar 2024
ID 14548
Ursonate [Wir spielen, bis uns der Tod abholt] (Deutsches Theater Berlin, 31.12.2023)
Eine dadaistische Sprechoper

Regie: Claudia Bauer
Komposition: Peer Baierlein
Bühne: Patricia Talacko
Kostüme: Vanessa Rust
Video: Jan Isaak Voges
Licht: Cornelia Gloth
Live-Kamera: Dorian Sorg
Dramaturgie: Daniel Richter
Mit: Mareike Beykirch, Moritz Kienemann, Jens Koch, Vanessa Loibl, Janek Maudrich, Lenz Moretti, Mathilda Switala und Anita Vulesica sowie den Live-Musikern Maria Schneider und Lih Qun Wong (Dirigent: Yannick Wittmann)
Premiere war am 16. Dezember 2023.
Weitere Termine: 09., 28.01. / 01.02.2024


Weitere Infos siehe auch: https://www.deutschestheater.de/


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