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Bestandsaufnahme

Über drei Aufführungen am Burgtheater Wien


Die Troerinnen am Burgtheater Wien | Foto (C) Susanne Hassler-Smith


Zurück zu den Anfängen des Schauspiels führen Die Troerinnen. Theater als Ritual, als mystischer Akt. Vier mehr rezitierte als gesprochene Monologe von Hekabe (Silvie Rohrer), Andromache (Sabine Haupt), Kassandra (Lilith Hässle) und der griechischen Zwangstroerin Helena (Patrycia Ziolkowska) montieren Fragmente aus von Gerhild Steinbuch ausgewählten und übersetzten Texten von Euripides, Ovid, Seneca und Jane M. Griffiths zur Geschichte des Trojanischen Kriegs, ohne deren Kenntnis die gruppenweise ins schütter besetzte Burgtheater angekarrten Schulklassen wohl nur Bahnhof verstehen dürften, mit Focus auf die Leiden der auf verschiedene Weise an dieser Geschichte beteiligten Frauen. So gut wie keine Dialoge, ein gehobener Ton mit Brülleinschüben, Zeitlupe, dazu durchgängiges Sounddesign und minutiöse Lichtregie tragen zu einem emphatischen Bildertheater bei. Die vier Frauen treten nacheinander vor einem wandlungsfähigen, mit Videotricks verfremdeten Chor und einem desolaten Autobus, der drei Viertel der Bühnenbreite füllt, glatzköpfig und mechanisch wie Schaufensterpuppen auf. Aber die visuellen Effekte der australischen Regisseurin Adena Jacobs verselbständigen sich, die Aussage verflüchtigt sich. Das ist dann doch eher Show als Weihestätte.

Bewertung:    

*

Drei fabelhafte Schauspieler – Dörte Lyssewski, Regina Fritsch, Tobias Moretti –, die nach einem Präludium mit Kellner (Christoph Luser) den Raum nicht mehr verlassen, nicht verlassen können, wie der Mann vom Lande in Kafkas Parabel Vor dem Gesetz oder wie die Figuren in Luis Buñuels Würgeengel. Und doch fragt man sich am Ende, warum man sich für dieses Höllenspektakel interessieren sollte. Das liegt nicht, wie eine oberflächliche Kritik gerne argumentiert, daran, dass irgendwelche faktischen Bezüge und Verweise keine Entsprechung in der Gegenwart hätten (mit dem Corona-Lockdown hat Sartre mit Verlaub so viel zu tun wie der Klimawandel mit der Katze auf dem heißen Blechdach), sondern an der innerliterarischen Evolution. Als Jean-Paul Sartre 1944 seine Geschlossene Gesellschaft schrieb, hatten Samuel Beckett und das Theater des Absurden die Bühnen noch nicht betreten. Sartres Umsetzung seines Existentialismus für ein Publikum von philosophischen Laien mochte, auch dramaturgisch, radikal und aufregend wirken. Mit der Entwicklung, die in den vergangenen Jahrzehnten im Drama und im Theater stattgefunden hat, ist die Brisanz von Sartres Stücken und da insbesondere von Huis clos verloren gegangen. Es liegt nicht an Details, sondern an der Haltung. Die gehört längst zum dramatischen Alltag. Und sie hat neue, interessantere Ausdrucksformen gefunden. Man mag an den amerikanischen Mathematiker und Liedermacher Tom Lehrer denken, der einmal sagte:

„Wenn wir gerade von Liebe sprechen, ein Problem, das dieser Tage immer häufiger wiederkehrt, in Büchern und Theaterstücken und Filmen, ist die Unfähigkeit von Menschen, mit Menschen, die sie lieben, zu kommunizieren: Ehemänner und Ehefrauen, die nicht kommunizieren können, Kinder, die nicht mit ihren Eltern kommunizieren können, und so weiter. Und die Figuren in diesen Büchern und Theaterstücken und so weiter, und im wirklichen Leben, möchte ich hinzufügen, verbringen Stunden damit, die Tatsache, dass sie nicht kommunizieren können, zu beklagen. Ich finde, das Geringste, was eine Person tun kann, wenn sie nicht kommunizieren kann, ist den Mund zu halten.“


Gespielt wird in der Regie von Martin Kušej in einem grell ausgeleuchteten Zuschauerraum. Das Publikum ist zusammen mit den drei Protagonisten eingeschlossen. Zum Glück öffnen sich die Saaltüren nach dem plötzlichen Ende. Und anders als die Protagonisten von Kafka, Sartre und Buñuel, können die Wiener sie durchschreiten. Geradewegs ins Café Landtmann. Ihre Verzweiflung hält sich in Grenzen. Also – machen sie weiter.

Bewertung:    



Geschlossene Gesellschaft am Burgtheater Wien | Foto (C) Matthias Horn

*

Von den Toten der Vergangenheit zu den Lebenden der Gegenwart. Moskitos von Lucy Kirkwood aus dem Jahr 2017 kommt very british daher und handelt von drei Generationen einer Familie plus Umgebung. Die Konstellation kann man angesichts der „Entdeckungen“ der vergangenen Jahre aus dem englischsprachigen Raum nicht eben aufsehenerregend nennen, und ihre zivilisationskritische Tendenz ist erwartbar. Wie so oft ist es die Schauspielkunst, die am Burgtheater – diesmal im kleineren Akademietheater – auch mittelmäßige Stücke sehenswert macht. Hohe Gagen tun ihre Wirkung. Auch den Regie führenden Schauspieler Itay Tiran aus Israel, den Burkhard C. Kosminski nach Stuttgart geholt hatte, engagierte ihm Martin Kušej von der Bühne weg an die Burg.

Die Sensation des Abends ist die – man glaubt es kaum: dreiundvierzigjährige – Mavie Hörbiger, quicklebendig und frei von jenem elegischen Ton, der ihre berühmte Verwandtschaft kennzeichnet. Sie scheint drei Stunden, Pause inklusive, unter Strom zu stehen, ein Energiebündel mit einer faszinierenden Vielfalt von Nuancen des Gesichtsausdrucks und der Körperbewegung.

Damit auch klar wird, dass die Autorin auf der Höhe der Zeit steht, gibt es eine ältere Dame – die verdiente Burgtheater-Mimin Barbara Petritsch –, deren Mann einen Nobelpreis für eine von ihr gemachte Entdeckung erhalten hat. Sage keine(r), das erinnere verdächtig an Duncan Macmillans The Forbidden Zone und die Geschichte von Clara Immerwahr. The Forbidden Zone wurde drei Jahre vor Moskitos uraufgeführt. Die reale Clara Immerwahr war Chemikerin, Kirkwoods fiktive Alice (Sabine Haupt) ist, wie ihre Mutter, Physikerin. Zufälle gibt’s!

Bewertung:    



Moskitos am Burgtheater Wien | Foto (C) Marcella Ruiz Cruz


Thomas Rothschild - 23. November 2022
ID 13927
DIE TROERINNEN (Burgtheater, 15.11.2022)
Regie: Adena Jacobs
Bühne & Kostüme: Eugyeene Teh
Komposition: Max Lyandvert
Choreographie: Melanie Lane
Videodesign: Tobias Jonas und Eugyeene Teh
Licht: Michael Hofer
Dramaturgie: Alexander Kerlin
Besetzung:
Hekabe ... Sylvie Rohrer
Helena ... Patrycia Ziolkowska
Andromache ... Sabine Haupt
Kassandra ... Lilith Hässl
Chorführerin ... Safira Robens
u.a.
Premiere war am 23. April 2022.
Weiterer Termin: 04.12.2022

GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT (Burgtheater, 19.11.2022)
Inszenierung: Martin Kusej
Bühne: Martin Zehetgruber
Mitarbeit Bühne: Stephanie Wagner
Kodtüme: Werner Fritz
Musik: Aki Traar
Licht: Michael Hofer
Dramaturgie: Alexander Kerlin
Besetzung:
Inès Serrano ... Dörte Lyssewski
Estelle Rigault ... Regina Fritsch
Joseph Garcin ... Tobias Moretti
Kellner ... Chrstoph Luser
Premiere war am 19. Februar 2022
Weitere Termine: 26.11./ 13., 21.12.2022

MOSKITOS (Akademietheater, 21.11.2022)
Regie: Itay Tiran
Bühne: Jessica Rockstroh
Kostüme: Su Sigmund
Musik: Nikolai Efendi
Licht: Norbert Piller
Dramaturgie: Andreas Karlaganis und Alexander Kerlin
Besetzung:
Alice ... Sabine Haupt
Jenny ... Mavie Hörbiger
Das Boson ... Markus Meyer
Luke ... Felix Kammerer
Natalie ... Caroline Baas
Karen ... Barbara Petrisch
Henri ... Bless Amada
Journalistin ... Pia Zimmermann
Premiere war am 23. Oktober 2021.
Weitere Termine: 28.11./ 28.12.2022


Weitere Infos siehe auch: https://www.burgtheater.at/


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