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Ein Traum? Kein Traum!

EIN SOMMERNACHTSTRAUM am Schauspiel Köln

Bewertung:    



Der Wald in William Shakespeares Ein Sommernachtstraum ist ja immer auch ein magischer Ort, der verzaubert und lieblich ist. Nichts davon im Schauspiel Köln auf der Bühne von Moritz Müller: Den nicht gerade kleinen Bühnenraum in der Spielstätte Depot 1 nimmt ein riesiger Holzhaufen ein, in den die Spielenden hineinkriechen, auf dem sie herumklettern und um den herum sie sich jagen können. Wenn Elfenkönig Oberon (Peter Knaack) unsichtbar werden möchte, bittet er einfach seinen treuen Diener Robin Puck (Stefko Hanushevsky), das Licht zu wechseln. Im grünen Scheinwerferlicht ist der Elfenkönig in seinem grünen Ganzkörperkostüm dann tatsächlich kaum zu sehen.

Abgeholzte Bäume, die niemand mehr abholt, Müll, der irgendwann von oben herunterfällt, aber dennoch viel Magie: Ein Sommernachtstraum am Schauspiel Köln ist vor allem ein großer Abend der Spielenden. Mühelos wechseln sie ihre Rollen, meistern in atemberaubenden Tempo, und sind auch im Zusammenspiel stets auf der Höhe. Regisseur Jan Bosse und sein Team betreiben zwar viel technischen Aufwand, aber letztendlich ist es das Spiel der Schauspielenden, das im Vordergrund steht.

Der Abend startet vor dem Theater. Theseus (ebenfalls Peter Knaack) will endlich Hochzeit feiern und heizt zusammen mit seiner Truppe den Zuschauenden an. Im Hippie-Bulli mit Musikanlage lässt er sich vorfahren. Doch niemand ist so recht nach Feiern zumute. Egeus (ebenfalls Stefko Hanushevsky) beschwert sich über die Widerspenstigkeit seiner Tochter Hermia (Rebecca Lindauer), die Lysander (Justus Maier) liebt und nicht, wie eigentlich vorgesehen, Demetrius (Marek Harloff) heiraten möchte. Kurzerhand schnappt sie sich den Bus und entflieht vom Fest in den Wald. Und alle Zuschauenden hinterher ins abgedunkelte Depot 1.

Zu stimmungsvoll-trister Livemusik von Arno Kraehahn (gelegentlich eindrucksvoll von Stefko Hanushevsky oder Marek Harloff als Sänger begleitet) stranden erst Hermia und Lysander im Wald, kurz darauf Hermias beste Freundin Helena (Katharina Schmalenberg) und der verschämte Demetrius. Wie aus der Zeit gefallene wandelnde Figuren des schlechten Geschmacks – bekleidet mit Synthetikklamotten in schillerndsten Farben und mit wahnwitzigen Tierapplikationen, auf dem Kopf nicht minder unnatürliche Perücken aus Blau, Lila oder Rosa (Kostüme: Kathrin Plath) – stolpern sie über Stock und Stein und lassen sich schließlich irgendwo nieder. Das Weitere ist bekannt: Puck verhext mit einer Zauberblume nicht nur Titania, die Gattin von Oberon, sondern auch Lysander und Demetrius, was dazu führt, dass diese Hermia links liegen lassen und sich unsterblich in Helena verlieben.

Traumhaft ist es nicht, was sich da zwischenmenschlich zwischen den vier Liebenden abspielt: von wüsten Beschimpfungen über körperliche Auseinandersetzungen bis hin zu hohlen Liebesschwüren: Fraglich, ob alle unbeschadet aus dieser Verzauberung hervorgehen und anschließend in trauter Zweitracht ihr Leben und ihre Liebe weiterleben. Klug in diesem Zusammenhang die Idee, einige Sequenzen live mit einer Kamera zu filmen (Kamera: Nora Daniels) und in Schwarzweiß auf den Bühnenhintergrund zu projizieren. Da ist im Close-up der Gesichter wenig Romantisches dabei, mehr nackte Angst und Selbstzweifel.

Auch in Jan Bosses Inszenierung vom Sommernachtstraum gibt es den Handwerkertrupp, der zu Ehren von Theseus’ Hochzeit das Spiel von Pyramus und Thisbe aufführen will. In gelbe Overalls gekleidet wirken sie im Wald ähnlich fehl am Platze wie die liebestrunkenen Paare. Bottom (Bruno Cathomas) möchte am liebsten alle Rollen auf einmal spielen, die Begeisterung der anderen Beteiligten hält sich in Grenzen, da ist das Pausenbrot gelegentlich wichtiger als der engagierte Einsatz zur rechten Zeit. Wobei Justus Maiers Flute, der Thisbe spielt, in dieser Hinsicht durchaus zu überraschen weiß.

Auch der Handwerkertrupp entgeht Pucks Zauber nicht: Bottom wird zum Esel und zum Liebesobjekt für Feenkönigin Titania, an der sich ihr Gatte auf diese Weise für Betrug und Missachtung rächen möchte. Ganz geheuer scheint ihm aber auch als Zotteltier Titanias Zuneigung nicht zu sein. Es ist schon so ein Ding mit der Liebe, auch das ein Thema des Sommernachtstraums, das dieses Stück so zeitlos macht.

Beeindruckend, wie oben bereits erwähnt, die durchweg schnellen Wechsel der Spielenden in ihre Figuren, nicht nur in Sachen Kostüm, sondern auch in Bezug auf die Ausdifferenzierung der jeweiligen Figur. Katharina Schmalenberg spielt eine schon leicht verblühte Helena, die den plötzlichen Liebesschwüren der Männer nicht traut und sich als Opfer eines Streichs sieht. Sie gibt aber auch den renitenten Handwerker Snout, der partout nicht mitspielen will, schon gar keine Mauer. Marek Harloff zeigt Härte und zugleich Unentschlossenheit als Demetrius, hängt sich an Lysanders Fährte, als beide Helena lieben. Als Titania sinnlich-verführerisch und verführt und schließlich so geplättet von der eigenen Verblendung, dass nur noch stocksteife Bewegungen möglich sind.

Peter Knaack ist ein schlecht gelaunter Theseus, der auf seine eigene Hochzeit warten muss, zugleich aber auch der Feenkönig Oberon, der zwar Puck hin und her scheucht, bei seiner Frau aber nicht das Sagen hat. Ähnlich übrigens auch als Peter Quince, der das Spiel der Eitel- und Befindlichkeiten rund um die Aufführung von Pyramus und Thisbe im Zaum halten muss. Justus Maier ist eine grandiose Thisbe und sehr glaubhaft ein wenig überzeugender Liebhaber Lysander, der zwar große Reden schwingt, aber nicht zum Zuge kommt. Rebecca Lindauer fällt tief aus ihrer Rolle als heißbegehrte Hermia, die bei Lysander die Unnahbare ist und dann tief gekränkt, als dieser nichts mehr von ihr wissen will. Als Handwerker Starveling kommt sie stets zu spät und sitzt verhuscht am Rand, um dann unter vollem Körpereinsatz doch die dramaturgisch wichtige Rolle des Mondes zu verkörpern. Und Bruno Cathomas schließlich ist ein grandios schlechter Handwerker-Schauspieler Bottom und verleiht auch dem traurigen Esel Würde.

Last, but not least Stefko Hanushevsky als Egeus, Puck und Snug, der den Löwen in der Tragödie um Pyramus und Thisbe spielt, stets mit großer Präsenz und dem Hang zur Übertreibung. Gleichzeitig über den Dingen stehend, indem er einfach mal alle möglichen Songs ansingt, in denen Liebe vorkommt. Sein Puck ist der wahre Zeremonienmeister des Abends, nur leider leicht verpeilt, und niemand weiß seine Künste wirklich zu schätzen. Beeindruckend übrigens auch, dass Stefko Hanushevsky aufgrund einer Beinverletzung die Vorstellung im Rollstuhl absolvierte. Und auch das zeigt einen starken Ensemblegeist, denn diese „Umbesetzung“ muss nicht nur Hanushevsky selbst meistern, sondern alle anderen, die mit ihm spielen, ebenfalls.

Und am Ende gibt es sogar noch einen silbern glänzenden Vorhang, vor dem die hervorragenden Schauspielerinnen und Schauspieler die Geschichte von Pyramus und Thisbe dilettieren. Das ist großes Kino und trotz aller Charge auch irgendwie bewegend – das Publikum war begeistert und spendierte Standing Ovations für einen durchweg kurzweiligen Abend.



Ein Sommernachtstraum am Schauspiel Köln | Foto (C) Birgit Hupfeld

Karoline Bendig - 12. Juni 2024
ID 14794
EIN SOMMERNACHTSTRAUM (Depot, 06.06.2024)
Regie: Jan Bosse
Bühne/Video: Moritz Müller
Kostüme: Kathrin Plath
Komposition: Carolina Bigge und Arno Kraehahn
Licht: Jan Steinfatt
Kamera: Nora Daniels
Dramaturgie: Gabriella Bussacker und Jan Stephan Schmieding
Mit: Bruno Cathomas (Bottom/Pyramus), Stefko Hanushevsky (Egeus, Puck, Snuck/Löwe), Marek Harloff (Demetrius, Titania), Peter Knaack (Peter Quince, Theseus, Oberon), Rebecca Lindauer (Hermia, Starveling/Mond), Justus Maier (Lysander, Flute/Thisbe) und Katharina Schmalenberg (Helena, Snout/Wand) sowie dem Life-Musiker Arno Kraehahn
Premiere am Schauspiel Köln: 17. Mai 2024
Weitere Termine: 15., 16.06.2024


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel.koeln


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