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DIE NACHT KURZ VOR DEN WÄLDERN von Bernard-Marie Koltès


Michael Wächter | Foto © Alvise Predieri

Bewertung:    



Das Timing hätte kaum besser sein können. Wir Zuschauer, die wir uns aufgemacht hatten, Bernard-Marie Koltès' Drama zu erlaufen, starten im Foyer des Marstalls vom Residenztheater München bei verhangenem, aber noch trockenem Himmel, und wir enden nass auf einer Brücke über der Isar. Es fallen die ersten Tropfen, sobald Michael Wächter ins Wasser geht [s. Foto unten] - als hätte er den Regen endlich herbeigeredet, der unglückliche Protagonist und unser Cicerone durch die Großstadt-Nacht…

Was für ein Theater-Erlebnis! Ein Gang durch München mit Kopfhörer, der eine fremde Stimme in unsere Ohren und Gehirne spült. Und plötzlich erleben wir die Stadt so, wie dieser Mann es tut. Mit all IHREN Geräuschen, Stimmen, Atmosphären und mit all SEINEN Gefühlen und Gedanken – ein Mix von Spiel und Realität.

Es ist Freitagabend, wir folgen einem abgerissenen Typen mit Pflaster über der Braue und Bierflasche in der Hand durch seine Tiraden vom Übel der Welt, die sich gegen ihn verschworen hat: Miese Jobs, üble Obrigkeiten, Schlampen, Weicheier, Wichser, Muttersöhnchen, Arschlöcher, die alle das bevorstehende Wochenende genießen können, während er selbst bloß ein Zimmer will, für einen Teil der Nacht zum Samstag. Hey, Kamerad, das ist doch nicht zu viel verlangt. Diesem unbekannten Mann, seinem „Kameraden“, will er einen ausgeben, ´nen Kaffee oder ein Bier - und von seiner „Idee“ erzählen, nichts Politisches, einfach wie man sich wehren kann, Schutz finden, ein Mädchen.

Auf der Theatinerstraße steigen wir ein in die Straßenbahn, am Stachus wieder aus, dann rein in den Hauptbahnhof, Treppen rauf, Tauben verscheuchen, runter in den Supermarkt, eine Bierdose holen, U-Bahn, Deutsches Museum, die Leute schauen, noch'n Bier, die Flasche geht zu Bruch in der Liebherr-Straße, und dann sitzen wir plötzlich in der St. Lukas-Kirche, vor deren Seiteneingang ein (echter) Obdachloser liegt. Schweigen: „Weshalb habe ich, wenn ich wo reingehe, immer das Gefühl, eigentlich wegzulaufen?“ fragt der Penner in unserem Ohr. Weil er immer in den Arsch getreten wird, ein Fremder bleibt in all dem Getriebe, – „und wenn du dich umschaust, dann ist da immer die Leere“. Immer tiefer greift der Monolog, immer verzweifelter gerät die Suche nach menschlicher Nähe, bis der Mann uns auf einer Brücke bei der Praterinsel stehen lässt und hinunter geht. Die Isar rauscht. Jetzt könnten wir klatschen. Aber Michael Wächter erscheint nicht mehr.

Drum also auf diesem Wege einen herzlichen und großen Beifall für Wächters großartig verlorene Seelenführung durch eine Stadt – und für den Einfall von Robin Ormond, einen solchen Text als Drama to go zu inszenieren. Koltès starb 1989 mit nur 41 Jahren an den Folgen von Aids. Dieses Stück war sein erster großer Erfolg. Von dieser Münchner Neuinterpretation wäre er bestimmt begeistert gewesen!



Michael Wächter geht ins Wasser...
Foto (C) Petra Herrmann

Petra Herrmann - 10. Juni 2022
ID 13664
DIE NACHT KURZ VOR DEN WÄLDERN (Marstall, 09.06.2022)
Inszenierung: Robin Ormond
Kostüm: Anna Gillis
Dramaturgie: Katrin Michaels
Mit: Michael Wächter
Premiere am Residenztheater München: 18. Mai 2022
Weitere Termine: 17., 23.06. / 11., 19.07.2022


Weitere Infos siehe auch: https://www.residenztheater.de/


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