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nachDRUCK # 6

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Repertoire

Gefangen

in der

Zeitlosigkeit



Valentin Stückl (als Clawdia Chaucat) in Thomas Manns Der Zauberberg - am Düsseldorfer Schauspielhaus | Foto (C) Thomas Rabsch

Bewertung:    



Fünf Menschen, die husten, in einem Raum mit milchgasweißen Flächen, die aussehen wie Fenster, sich aber nicht öffnen lassen: Das ist das Ausgangsszenario für den Zauberberg am Düsseldorfer Schauspielhaus. Man hat sich hier gemütlich eingerichtet in seinen Nicklichkeiten und Befindlichkeiten. Alles liegt parat: die Sonnenliegen, die Sonnenbrillen, ein Fläschchen zum Inhalieren. Ruhig fließt die Zeit dahin, man kennt kein Heute und kein Morgen.

Und dann tritt da Hans Castorp in diesen Raum, der Neuankömmling aus Hamburg, und bringt das Gefüge zunächst durcheinander. Eigentlich wollte er bald wieder abreisen, worüber die anderen nur herzlich lachen können. Doch statt wieder zu gehen, lässt sich Castorp einlullen, einhüllen in die vielen grauen Decken auf einer Sonnenliege und fühlt sich bald auch schon ganz krank (was kein Wunder ist).

Einfach, aber konsequent wird der Übergang von Hans Castorp in diese Krankenwelt gezeigt: Zunächst noch mit braunem Mantel kostümiert und eindeutig als Fremder charakterisiert – der mit seinen Skiern auch problemlos wieder fliehen könnte –, kommt auch bei ihm später eine Hose zum Vorschein, die aus dem gleichen Material geschneidert ist wie bei den anderen Patienten und Patientinnen. Schön, diesen Übergang einfach über Requisiten und Kostümteile zu erzählen.

Regisseur Wolfgang Michalekhat den Zauberberg mit Studierenden des Schauspielstudios Düsseldorf der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig gestaltet und gibt klug jedem und jeder der sechs Spielenden Raum, sich zu zeigen. Die Rollen sind einigermaßen ausgewogen verteilt. Jede und jeder der sechs hat einen großen Solomoment, es wird getanzt und auch ganz wunderbar im Chor gesprochen.

Gesa Schermulys Settembrini liefert sich wortreiche Duelle mit Moritz Klaus’ Naphta, dessen unbeschwerter Umgang mit seiner eigenen Spucke Unbehagen nicht nur bei den Leidensgenossen im Sanatorium verursacht. Stella Maria Köbs Emerentia Stöhr ist herzzerreißend naiv und – man kann es nicht anders sagen – dumm. Wenn sie singt, wird es besonders schmerzhaft. Jacob Zacharia Eckstein (als Joachim Ziemßen) bringt kurzzeitig die Energie auf fliehen zu wollen, mit allem abschließen zu wollen, und ist dann tatsächlich auch der Erste, der geht – allerdings anders, als er sich das vermutlich vorgestellt hat. Blanka Winklers Hans Castorp bleibt nur kurz ein Außenseiter und stützt sich dann hinein in die skurrile Gesellschaft, heftig umworben von Valentin Stückls Clawdia Chauchat, die zumindest zu Beginn eine Führungsrolle unter den Leidenden einnimmt. Schlussendlich ist aber auch sie eine Außenseiterin in der Gruppe, ähnlich wie Caroline Cousins puppenhaft anmutende Ellen Brand, die zu erstaunlichen Körperverrenkungen in der Lage ist.

Dass Frauen hier Männer spielen und ein Mann eine Frau wirkt dabei weniger konzeptig als ganz natürlich und wird nicht in Frage oder zur Diskussion gestellt. Was vielleicht ein wenig daran liegt, dass die Figuren eher etwas schablonenartig angelegt sind und weniger durchpsychologisiert – allein, weil der Raum in der knapp zweistündigen Inszenierung dafür fehlt und es eher um die Situation geht.

Die Inszenierung selbst kommt zunächst ein wenig sehr anbiedernd und platt-komisch daher. Aber der Abend schafft einen Dreh raus aus einer gewissen Belanglosigkeit hin zu ernsteren Themen, die auch das Publikum mehr in den Bann ziehen. In der zweiten Hälfte wird es merklich ruhiger. Und plötzlich ist auch Corona ein Thema, ohne dass es störend wirkt, sondern nur folgerichtig.

Es gibt manches zu lachen, etwa Frau Stöhrs Fehlgriffe bei Fremdwörtern, wenn sie nach Cabanossi anstatt nach Canossa gehen möchte. Ist vielleicht auch angenehmer. Thomas Mann hat ebenfalls einen kurzen Auftritt. Ganz zu Beginn werden Aufnahmen von ihm eingeblendet, in denen er redet – ohne Ton. Mit einer gehörigen Portion Ironie wird vom Leben auf dem Zauberberg erzählt, beispielsweise wenn die Lungenkranken über den Genuss einer Zigarette nicht nur schwadronieren, sondern ebendiesem auch ausgiebig frönen. Die einzige Grünpflanze auf der Bühne hat da schon längst die Flucht aus ihrem Topf angetreten, möglicherweise auf der Suche nach ein wenig Luft oder einem Opfer, das sie erwürgen kann.

Der Zauberberg ist ein kurzweiliger Abend trotz der gewichtigen Vorlage. Aber zum Glück entsteht niemals das Gefühl, diesen Jahrhundertroman von Thomas Mann in allen seinen Facetten auf die Bühne bringen zu müssen. Er bleibt stets eher Ankerpunkt und Inspiration, und das ist gar nicht das Schlechteste.



Der Zauberberg am Düsseldorfer Schauspielhaus | Foto (C) Thomas Rabsch

Karoline Bendig - 10. Dezember 2022
ID 13959
DER ZAUBERBERG (Kleines Haus, 02.12.2022)
Regie: Wolfgang Michalek
Choreografie: Bridget Petzold
Bühne: Susanne Hoffmann
Kostüm: Jenny Theisen
Licht: Christian Schmidt
Dramaturgie: Beret Evensen
Mit: Caroline Cousin (als Ellen Brand), Blanka Winkler (als Hans Castorp), Valentin Stückl (als Clawdia Chauchat), Moritz Klaus (als Leo Naphta), Nils David Bannert (als Pieter Peeperkorn), Gesa Schermuly (als Lodovico Settembrini), Stella Maria Köb (als Emerentia Stöhr) und Jacob Zacharias Eckstein (als Joachim Ziemßen)
Premiere am Düsseldorfer Schauspielhaus: 16. März 2022
Weitere Termine: 23.12.2022// 05., 10.01.2023
Eine Inszenierung mit den Studierenden des Schauspielstudios Düsseldorf der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig


Weitere Infos siehe auch: https://www.dhaus.de


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