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Ohne Obdach

und ohne Gepäck



Sandrine Zenner als Isa in Bilder deiner großen Liebe von Wolfgang Herrndorf am Theater Bonn | Foto © Markus J. Bachmann

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„Wolke, Vogel, Gesicht...“ Abstrakte Projektionen auf eine weiße Leinwand und dazu ausgerufene Bedeutungen erscheinen absurd. Die Sprecherin der scheinbar beliebigen, nie zum Gezeigten passenden Begriffe sitzt für das Publikum verborgen. Sie ist umringt mit den von den Bildmotiven bespielten Stellwänden. Ein geschäftiger Mann im Arztkittel projiziert die Bilder und fordert die Ausruferin stetig zu neuen Deutungen auf. Laura Ollechs Bühnenadaption von Wolfgang Herrndorfs posthum erschienen Romanfragment Bilder deiner großen Liebe beginnt assoziativ. Ein unangepasstes Denken deutet sich an.   

Binnen kurzem öffnet die Sprecherin (Sandrine Zenner als zentrale Figur Isa) zaghaft die Stellwände und schleicht sich zwischen ihnen hindurch. Der Mann im Arztkittel (ausdrucksstark: Daniel Stock) rennt ihr aufgebracht hinterher. Hier wagt eine Patientin, Isa, offensichtlich den Ausbruch aus einer psychiatrischen Klinik. Die Machtverhältnisse-Dynamik zwischen den beiden Darstellern wird ironisch gebrochen, wenn Isa bald den Arzt verfolgt und mit wenigen Hieben überwältigt. Im weiteren Verlauf vagabundiert sie ziellos umher. Die Streunerin scheint unangepasst, das Abenteuer mit unersättlichem Wissensdurst suchend.

Bewegliche Bühnenelemente, wie Würfel, werden verschoben, eine Filmleinwand kommt zum Einsatz. In der nächsten Szene fährt die begeisterungsfähige junge Frau per Anhalter und erzählt Geschichten. So erträumt sie sich einen Lebenslauf als Herzogin. Der wandlungsfähige Daniel Stock als männlicher Kompagnon mimt nun ihre diversen Verehrer, von denen sie „wegen seiner besseren Schönheit“ bald einen auswählt. Der Erwählte geht jedoch dann an die Front. Alsbald streichelt sie dem zitternden Kriegsheimkehrer über den Kopf und denkt über dessen Trauma nach, das sie Shellshock nennt.

Auf der Bonner Werkstatt-Bühne verändern sich die Paar-Konstellationen im schnellen Tempo, das Geschehen wird durch gelungene choreographische Elemente aufgelockert, wenn Sandrine Zenner zu melodischem Sprechgesang von Stromae sehr beweglich mit sehenswerten Hip Hop Moves und Hüftschwüngen überrascht.

Die Deutsch-Französin bringt als Isa das größtenteils junge oder junggebliebene Publikum auch zum Nachdenken, wenn sie etwa „verrückt sein“ und „bescheuert sein“ bewusst unterscheidet. In einer berührenden Szene erzählt sie von ständiger Angst, und Daniel Stock erklärt ihr in der Rolle ihres Vaters, sie brauche niemals Angst haben. Doch kurz darauf verschwindet er, und sie behauptet später, er sei von einem Meteoriten erschlagen worden. Isa betrachtet versonnen das Wunder des kleinen Spinnentiers Weberknecht und bemerkt, dass im Spiegel rechts und links vertauscht sind, oben und unten jedoch nicht. Sie heuert auf einem Binnenschiff an. Einem Gelehrten, den sie von ihrer Liebe zu Klassikern erzählt, antwortet sie auf die Frage nach dem wichtigsten Klassiker aller Zeiten, mit dem Namen Karl Philipp Moritz, einem heute wenig bekannten Schriftsteller des Sturm und Drang.

Isa spricht zum Publikum fasziniert von zwei Jungen, die in einem alten Lada Niva die Walachei und Jottwede erkunden möchten. Herrndorf hat Bilder deiner großen Liebe als eine Art Vorgeschichte zu seinem mehrfach preisgekröntem Bestseller Tschick konzipiert, in denen neben den Jungen auch Isa eine tragende Rolle spielt. In der nächsten Szene probiert sich Isa an einem Reck mit einer neuen Bekanntschaft im Auf-, Unter- und Umschwung.

Auf der Bühne spielen die beiden Akteure unterschiedlichste Begegnungen durch. In allen Zusammenkünften geht es letztlich um intensive Gefühle. Geborgenheit scheint für Isa ein Fremdwort. Sich fallen zu lassen scheint für sie gefährlich. Auf der Bühne wird über Todesarten wie das Fallen nachgedacht. Doch Isa hantiert auch mit mit einem Elektroschocker oder einer Schusswaffe. Sandrine Zenner, die schon als Oi in der pointierten Zweipersonenperformance von Thomas Braschs Mercedes in der Bonner Werkstatt unkonventionell ihren männlichen, anfangs störrischen Widerpart mit Charme und Natürlichkeit verwirrte, umgarnt auch hier als Isa wieder entfesselnd und bringt ihren Counterpart aus der Fassung.

Unterhaltsam werden letztlich die großen Fragen des Lebens thematisiert, denen sich der schwer krebserkrankte Herrndorf in seinem unvollendet gebliebenen Roman kurz vor seinem Freitod stellte.



Sandrine Zenner und Daniel Stock in Bilder deiner großen Liebe von Wolfgang Herrndorf
am Theater Bonn | Foto © Markus J. Bachmann

Ansgar Skoda - 18. Mai 2024
ID 14751
BILDER DEINER GROSSEN LIEBE (Werkstatt, 14.05.2024)
nach dem gleichnamigen Romanfragment von Wolfgang Herrndorf

Regie: Laura Ollech
Musik: Johannes Hofmann
Ausstattung und Video: Djamilja Brandt
Licht: Johanna Salz
Dramaturgie: Susanne Röskens
Mit: Sandrine Zenner und Daniel Stock
Premiere am Theater Bonn: 8. März 2024
Weitere Termine: 21., 22.5./ 10., 18., 22., 25.06.2024

Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de


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