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Premierenkritik

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Platonow am Deutschen Theater Berlin | Foto (C) Arno Declair

Bewertung:    



Anton Tschechows 1880 entstandenes Frühwerk Platonow wird eher selten gespielt, dennoch gibt es im deutschsprachigen Raum einige bemerkenswerte Inszenierungen wie die 2006 zum THEATERTREFFEN eingeladene von Karin Henkel vom Schauspiel Stuttgart oder die ebenfalls zum tt geladene Inszenierung von Alvis Hermanis vom Wiener Burgtheater aus dem Jahr 2011. In Berlin war das Stück länger nicht mehr zu sehen. Zuletzt 2006 an der Schaubühne in der Regie von Luk Perceval.

Nun hat der russische Regisseur Timofej Kuljabin zusammen mit seinem Dramaturgen Roman Dolzhanskij eine eigene Fassung für das Deutsche Theater Berlin vorgelegt, die Tschechows Drama über den titelgebenden zynischen Dorfschullehrer, spätpubertären Schwerenöter und Säufer in ein Altersheim für KünstlerInnen verlegt. In Platonow, der es gleich mit 4 Frauen hat und es sich auch wieder verscherzt, so dass er am Ende von einer der Enttäuschten erschossen wird, ließe sich auch ein Vorläufer des depressiven Iwanow erkennen. Tschechow hatte in seinem Erstling viele der in den späteren Dramen wieder auftauchende Personen und Sujets bereits grob angelegt.

Das wäre allein schon Drama genug und mit ca. 7,5 Stunden Spielzeit eine Herausforderung, der sich bis jetzt nur Alvis Hermanis angenähert hat. Kuljabin streicht das Personal auf den für sein Vorhaben wichtigen Stamm zusammen und entwickelt daraus ein banales von kleinen Eifersüchteleien einer Gruppe gealterter und vom Leben enttäuschter KünstlerInnen handelndes Stückchen, über das man leider nur den Kopf schütteln kann. Das Deutsche Theater hätte sicher einige DarstellerInnen im passenden Alter gehabt, aber der Regisseur schickte sein Ensemble lieber in die Maske und lässt sie alte Menschen mimen mit all ihren Falten, Fettpolstern und Gebrechen. Die Idee somit eine Distanz zwischen den DarstellerInen und ihren Rollen zu schaffen, um Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit zu erreichen, verkehrt sich in ihr Gegenteil und wird zur nicht gewollten Parodie, was sich schon an den Lachern im Publikum ausmachen lässt. Dass alte Menschen im Heim meist auch isoliert sind, weiß man nicht erst seit Corona. Die Analogie zu KünstlerInnen in Russland, die sich gegen das Putin-Regime und den Ukrainekrieg stellen, ließe sich mit Tschechow auch ohne Altersheim darstellen.

So gibt sich das Ensemble um Alexander Khuon als angegrautem Verführer mit Bauchansatz und das Damenquartett Alexandra Iwanowna (Linn Reusse), Anna Petrowna (Katrin Wichmann), Sofia Jegorowna (Brigitte Urhausen) und Marja Jefimowna Grekowa (Birgit Unterweger) viel Mühe alt auszusehen und tut das dann leider auch. Würde scheint für Kuljabin ein Fremdwort zu sein. Man könnte das alles auch ziemlich gedankenlos nennen, wenn man nicht zumindest den guten Willen, dem Alter auch die Sehnsucht nach Liebe und Verlangen zubilligen zu wollen, anerkennen möchte. Die Angst vor Verlust und das Wissen um die Endlichkeit sind ein Thema, dem man sich auch entsprechend verantwortlich nähern sollte. Das hat man am Deutschen Theater wohl unterschätzt. Den Erfolg seiner Drei Schwestern in Gebärdensprache wird Kuljabin so nicht erreichen können.



Platonow am Deutschen Theater Berlin | Foto (C) Arno Declair

Stefan Bock - 24. September 2022
ID 13818
PLATONOW (Deutsches Theater Berlin, 23.09.2022)
Regie: Timofej Kuljabin
Bühne: Oleg Golowko
Kostüme: Vlada Pomirkovanaya
Dramaturgie: John von Düffel und Roman Dolzhanskij
Licht: Robert Grauel und Oleg Golowko
Mit: Alexander Khuon (als Michail Wasiljewitsch Platonow), Linn Reusse (als Alexandra Iwanowna), Katrin Wichmann (als Anna Petrowna), Enno Trebs (als Sergej Pawlowitsch Woinitzew), Brigitte Urhausen (als Sofia Jegorowna), Manuel Harder (als Nikolai Iwanowitsch Triletzki), Max Thommes (als Porfirij Semenowitsch Glagoljew), Birgit Unterweger (als Maria Jefimowna Grekowa), Jonas Holupirek (als Haushälter) und Mathilda Switala (als Haushälterin)
Premiere war am 23. September 2022.
Weitere Termine: 24., 29.09. / 11., 13., 26.10.2022
Koproduktion mit Les Théâtres de la Ville de Luxembourg


Weitere Infos siehe auch: https://www.deutschestheater.de/


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