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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

AUS der Traum

der USA



Von Mäusen und Menschen am Theater Bonn | Foto © Emma Szabó

Bewertung:    



Wer profitiert eigentlich wirklich vom sogenannten American Dream? Jeder kann es angeblich zu Wohlstand, Erfolg und einem hohen Lebensstandard schaffen, wenn er sich nur hart genug anstrengt. Das Engagement der Arbeiter, die auf fremden Feldern für wenig Lohn schuften, zehrt von diesem Mythos. Vergessen scheint dabei, wie trostlos, einsam und entbehrungsreich das Dasein vieler Arbeiter ist. Den harten Alltag der ärmeren Bevölkerung, insbesondere der kalifornischen Wanderarbeiter, porträtierte der US-amerikanische Schriftsteller John Steinbeck (1902-1968) meisterhaft und erhielt u.a. hierfür 1962 den Nobelpreis für Literatur.

Einfache Hilfsmittel symbolisieren in der Neuinszenierung von Steinbecks Roman Von Mäusen und Menschen (1937) am Theater Bonn den Stoff des Lebens: Im Einheitsbühnenbild von Regisseur Simon Solberg dienen Einstreu-Pellets als basale Erde, als Essen oder als Duschberieselung. Der Gutsherr bewirft die Arbeiter herablassend mit diesem Bodenbelag. So meint er die Arbeiter zu noch mehr Bewegung und Dynamik anheizen zu können. Die Arbeiter verschieben in der Aufführung immerfort rustikale Transport-Holz-Kisten. Sie stellen sie voller Dynamik und Enthusiasmus neu auf oder werfen die Erd-Pellets geschäftig durch die Öffnungen der Kisten. Später symbolisieren die Kisten auch Hunde oder als von der Wand hängendes Ensemble ein Kreuz.

Das Drama spielt in der Depressionszeit der 1930er Jahre. Erzählt wird die Geschichte der beiden kalifornischen Wanderarbeiter George (Paul Michael Stiehler) und Lenny (Daniel Stock), die davon träumen, ein paar Hektar Land zu besitzen und von den Erträgen des Landes zu leben - eine universelle Sehnsucht nach einem Ort, der ihr Zuhause ist. Daniel Stock mimt Lenny authentisch als athletischen Mann von enormer körperlicher Kraft, der aber geistig beeinträchtigt und einfältig scheint und oft impulshaft, hilflos oder verwirrt reagiert. Sein Drang, mit seinen groben Händen weiche Dinge streicheln zu wollen - eine Maus, ein Hündchen, das Kleid einer Frau – erscheint als eine unheilvolle Sehnsucht nach Nähe und Zärtlichkeit im rohen Alltag. Da er oft das zerstört, was er umsorgen und behüten will, erfordert dies die ständige Wachsamkeit seines Freundes George. George ist zu seinem Art Beschützer geworden. Beide klammern sich an Rituale und versuchen an gemeinsamen Illusionen festzuhalten. Daniel Stock und Paul Michael Stiehler verkörpern die zänkische gegenseitige Abhängigkeit des entfremdeten George und des unglücklichen Lennie als eine kämpferische, beschwerliche und stets liebevolle Bindung.

Das inhärente Potenzial für eine Katastrophe wird im Laufe einiger Wochen auf einer nordkalifornischen Farm, auf der die Männer trotz einer historischen Dürre zu Arbeit gekommen sind, auf ergreifende Weise deutlich. Hier herrscht das Recht des Stärkeren, verkörpert vom streitsüchtigen Curley (Max Wagner), der als tyrannischer Sohn des Farmbosses die Arbeiter gerne boshaft antreibt. Julia Kathinka Philippi porträtiert einfühlsam seine lebenshungrige Gattin. Mehrfach sucht sie Aufmerksamkeit bei den Falschen, den Arbeitern ihres Mannes.

Lennys kaum zu verheimlichende Sehnsucht nach dem Gefühl der Weichheit und Zartheit, was stets auch einhergeht mit Verletzlichkeit, reizt sie. In Dialogen mit ihm gibt sie preis, dass sie die Ehe scheinbar unüberlegt einging und ihre Sehnsüchte danach, ein Star zu sein, unerfüllt blieben.

Solberg durchbricht die durchdringende Melancholie und Härte der ländlichen Atmosphäre durch die Performance amerikanischer Folksongs oder Pop-Zitate etwa aus David Bowies „Heroes“.

Die atmosphärischen Melodien werden durch ein Schlagzeug, dem perkussiven Instrument Bowl und durch einem Gitarristen begleitet (Bandmitglieder s.u.). Die meist in Englisch selbstvergessen oder stoisch von den Akteuren vorgetragenen Songtexte enthalten Western-Motive oder auch Punkeinsprengsel und erzählen von Träumen oder archetypischen Sehnsüchten.

Insbesondere Philippi und Stock, die bereits in Simon Solbergs Inszenierung von The Broken Circle die Gefühlsebenen eines Paares aus prekären Verhältnissen durch amerikanische Countrysongs unterlegen und so der rauen Realität eine imaginäre Wirklichkeit gegenüberstellen (Musik hier ebenfalls von Philip Breidenbach), glänzen hier erneut im Zusammenspiel. So hat Philippi mit ihren gefälligen Gesangsperformances effektvoll kecke Auftritte in einer Männerwelt, zieht jedoch auch neue Register, wenn sie die unterdrückte Wut ihrer Figur ausdrückt.

Janko Kahle mimt als Slim einen Gewerkschafter unter den Arbeitern. Er prangert die Ungerechtigkeit der Verhältnisse an, dass wenige Einzelne sehr viel besitzen. Er glaubt nicht, dass Curleys fortwährende Lohndrückerei angeblich auf Diktat der Banken geschieht und ruft zum Streik auf. Er scheitert an der Zwietracht der Arbeiter, ihrer fehlenden Solidarität, Schicksalsergebenheit und fehlendem Kampfgeist (ein starker Widerpart ist hier Timo Kählert als engstirniger und eigennütziger Carlson). Die Arbeiter sind keine harmonische, verantwortungsbewusste Gemeinschaft und leben in der ständigen Angst, austauschbar zu sein.

Dies vor dem Hintergrund des amerikanischen Traums von Freiheit und einem unabhängigen Leben. Sind die Vorfahren der Protagonisten, ebenso wie die des Autors, noch aus dem alten Europa emigriert mit der Hoffnung auf Freiheit, so finden sie sich in einer Umwelt wieder in der sie noch mehr um ihr Überleben kämpfen müssen und ausgebeutet werden wie im alten Europa. Da braucht es schon viel Mythos und Glauben an den amerikanischen Traum. Doch dass dies eine Illusion ist durchzieht das gesamte Stück auf schmerzliche Weise.

Anders als in Steinbecks Roman wird auf der Bühne das Ende abgemildert. George tötet nicht seinen Freund Lennie, um ihn vor dem Lynchmord zu bewahren, während er ihm vom gemeinsamen Traum einer glücklichen Zukunft erzählt. Interessanterweise wird genau in der Stille dieser Szene das Martinshorn eines deutschen Einsatzfahrzeugs hörbar. Es bleibt offen, ob es ein eingespieltes Geräusch ist oder gerade tatsächlich an der Straße hinter dem Theater ein Polizeiauto vorbeifährt. Genau in dem Moment der drohenden Wildwest-Lynchjustiz wird somit die ordnende Macht des good old Europe hörbar. Ob es sich nun um eine Einspielung handelt oder um die Geräuschkulisse der Außenwelt können die nachfolgenden Theaterbesucher beurteilen.

*

Werke von John Steinbeck sind auf den Bühnen wieder präsent. Sein mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneter Roman Früchte des Zorns wird so auch in der neuen Spielzeit am Schauspiel Köln gezeigt. Während Rafael Sanchez in der Kölner Inszenierung mehr auf sozialen Realismus setzt, scheut Solberg in Bonn mit dem Einsatz zahlreicher Songvorträge nicht die Melodramatik, ohne dabei jedoch rührselig zu werden. Auch in Bonn wird das Drama gekürzt und etwa das Schicksal der Figur des afroamerikanischen Stallknechtes Crooks ausgeklammert. Solberg, der bereits Maja Göpels Klimawandel-Bestseller Unsere Welt neu denken auf die Bonner Bühne brachte, verweist auch mit Von Mäusen und Menschen auf aktuelle Herausforderungen der Klimakrise, indem die Folgen von einer durch eine Dürrekatastrophe bedingten Migration problematisiert werden.



Von Mäusen und Menschen am Theater Bonn | Foto © Emma Szabó

Ansgar Skoda - 3. September 2023
ID 14368
VON MÄUSEN UND MENSCHEN (Schauspielhaus Bad Godesberg, 01.09.2023)
Inszenierung und Bühne: Simon Solberg
Musikalische Leitung: Philip Breidenbach
Kostüme: Annika Garling
Licht: Thomas Tarnogorski
Dramaturgie: Nadja Groß
Besetzung:
George ... Paul Michael Stiehler
Lennie … Daniel Stock
Curlyes Frau ... Julia Kathinka Philippi
Curley ... Max Wagner
Slim ... Janko Kahle
Carlson ... Timo Kählert
Candy ... Wolfgang Rüter
Musiker: Philip Breidenbach, Joonas Lorenz und Samuel Reissen
Premiere am Theater Bonn: 1. September 2023
Weitere Termine: 03., 09., 23., 27., 29.09./ 06., 09., 28.10.2023


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de


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