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Zu schnell

zu viel



Daniel Stock als homo oeconomicus in Unsere Welt neu denken am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

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Verzicht fällt den Menschen schwer. Jede Partei verliert sofort Wählerstimmen, wenn sie Verzicht predigt. So sorgte Anfang des Jahres das Gerücht für Aufsehen, dass die Grünen die Haustierhaltung einschränken wollen, um CO2 einzusparen. Tatsächlich erzeugt die Produktion von Hunde- oder Katzenfutter wegen ihrem hohen Fleischgehalt einen enormen ökologischen Fußabdruck. Trotzdem dementierte die Pressesprecherin der Grünen sofort die Behauptung, ihre Partei plane die private Tierhaltung zu beschränken.

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Ein bekanntes Werk, das zu einer neuen Konsumhaltung anregt, ist Maja Göpels Sachbuch-Bestseller Unsere Welt neu denken (2020). Die Nachhaltigkeitsforscherin schrieb ein Plädoyer für eine Neuorientierung auch ökonomischer Werte angesichts der Krise des Ökosystems und der Gesellschaften. Die Gesellschaftswissenschaftlerin der politischen Ökonomie denkt und bewertet technischen Fortschritt systemisch im Gesamtgefüge. Mit Ansätzen der Transformationsforschung betrachtet sie wichtige Umwelt und Entwicklungstrends. Sie problematisiert die schon Jahrzehnte andauernde Auszehrung der Natur und erklärt, dass in unserer heutigen Welt menschengemachte Systeme unter Druck geraten.

Simon Solberg, Hausregisseur am Theater Bonn, inszeniert nun Inhalte des erzählenden Sachbuchs als unterhaltsame Bühnenshow mit einer Band-Begleitung, Live-Gesang und Tanz. Gleich zu Anfang wird das Publikum einbezogen, wenn Darstellerin Annika Schilling mit dem Buch auf die Bühne tritt und das beleuchtete Publikum auf ihre Erwartungshaltung hin befragt. Erst nachdem das Gemurmel in den Reihen abebbt und Schilling den Einband des Buches vorgetragen hat, öffnet sich hinter ihr der Theatervorhang. Auch später werden die Zuschauer involviert. Sie können durch Handzeichen wählen, ob sie lieber etwas zu Themen und Ideen wie „Drohnen-Biene“oder „gepulte Krabbe“, „Plastikmüll“ oder „Hunger“ erfahren möchten. Ganz demokratisch entscheidet dann die Mehrheit der erhobenen Finger.

Die Vorführung bereichert mit Wortwitz, wenn sich etwa Daniel Stock eingangs bei Bibelversen der Genesis korrigiert und die Worte „Seid furchtbar und mehret euch“ zu „seid fruchtbar“ verbessert. Göpel problematisiert tatsächlich, dass sich die Erdbevölkerung in den letzten fünfzig Jahren fast verdoppelt hat. Durch Erschöpfung nicht erneuerbarer Rohstoffe könnte der Lebensraum zerstört und könnten Umweltschäden irreversibel sein. Die Uraufführung arbeitet sehr dynamisch mit wechselnden Bühnenbildern, Rollen, Kostümen und Bildprojektionen. Galileo Galilei, Adam Smith, Großindustrielle, Nationalsozialist*innen und der Homo Oeconomicus erobern nacheinander mit eigenen Denkfiguren die Bühne. Die übrigen Figuren widmen sich ihren Vorstellungen und Ideen und entlarven dabei oft blinde Flecken und Leerstellen. Es wird zu Egoist von Falco und Leider geil von Deichkind getanzt. Bald heißt es in einem anderen Lied sinngemäß „Lacht jetzt, bald gibt es vielleicht nichts mehr zu lachen“. Denn da schon meldet sich die personifizierte Natur (Annika Schilling) auf Großbildleinwand gefühlig zu Wort. Sie problematisiert effektvoll leise in der doch recht lauten Inszenierung, dass sie in ökonomischen Bilanzen nicht auftauche. Dem Kreislauf und Energiesystem natürlicher Ressourcen werde so auch kein Wert zugesprochen. Doch letztendlich sind die Wirtschaft und Wirtschaftswachstum endlich. Denn mehr Wirtschaftswachstum bedeutet heutzutage auch mehr Klimawandel und ein weiterer Anstieg der Kohlendioxidanteile in der Atmosphäre.

Die Vorführung regt anhand vieler Beispiele und Fakten für ein Umdenken hin zu nachhaltigen Landnutzungskonzepten, der Einbettung von Technik in Ökologie und Umwelt und auch einen Übergang in nachhaltige Mobilitätssysteme und Anbaumethoden an. Natürlich sind Empathie, Solidarität und das Gemeinwohl wichtige Bausteine unserer Gesellschaft. Doch das Vorgeführte beantwortet weniger, wie Solberg zu Göpels Kritik an der Durchsetzungsmacht internationaler Konzerne steht.

Trotzdem regt das Vorgeführte zum Nachdenken an. Auf Simon Solbergs Bühne prunkt zeitweise auch ein Auto als eine der wichtigsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte, um das sich die Darsteller effektvoll fläzen. Ist der Verbrennungsmotor tatsächlich unverzichtbar? Sind SUVs als Statussymbole nicht eigentlich auch primitiv? Nirgendwo ist es so offensichtlich, wo Verzicht nötig wäre, wie beim Auto. Menschen tendieren trotzdem vermehrt zum Zweit- und Drittwagen. Doch macht mich das Reisen mit großen Autos wirklich glücklich? Vielleicht brauchen wir auch Autos weil in Deutschland der öffentliche Nahverkehr so unzuverlässig ist und die örtliche Polizei den zunehmenden Fahrraddiebstahl gefühlt unzureichend ahndet. Und wie passt der Titel zum Stück? Alle Gedanken sind eigentlich bereits gedacht. Doch Menschen denken Verzicht nicht gerne, weil er negativ konnotiert ist. Es wird die Frage gestellt, wer die Macht hat und ob eine Wahl – auch die kommende Bundestagswahl – wirklich etwas ändert. Eine Sitznachbarin meint, in dieses Drama solle man FDP-Vertreter schicken. Am Ende erstirbt das kraftvolle Drama in etwas zu viel Pathos und schönen Worten und Bildern. Das „zu schnell zu viel“, was beim menschlichen Konsumverhalten kritisiert wird, trifft hier auch etwas auf die insgesamt trotzdem gelungene Vorführung zu.



Unsere Welt neu denken am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Ansgar Skoda - 21. September 2021 (3)
ID 13158
UNSERE WELT NEU DENKEN – EINE EINLADUNG (Schauspielhaus, 18.09.2021)
Inszenierung und Bühne: Simon Solberg
Musikalische Leitung: Lukas Berg
Kostüme: Katja Strohschneider
Licht: Sirko Lamprecht
Dramaturgie: Jan Pfannenstiel
Mit: Linda Belinda Podszus, Annika Schilling, Alois Reinhardt und Daniel Stock sowie den Musikern Lukas Berg, Friedrich Dinter und Joonas Lorenz
Premiere am Theater Bonn: 10. September 2021
Weitere Termine: 24., 25.09./ 16.10.2021


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de


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