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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Stadien des

Verschwindens



Alois Reinhardt in Treibgut des Erinnerns von Verena Regensburger - am Theater Bonn
Foto © Ana Lukenda

Bewertung:    



Ein starker Auftakt; zu Beginn erklingt minutenlang in rhythmischer Regelmäßigkeit eine Art Herzschlag, der alsbald erlischt, später jedoch wieder aufkeimt (Musik: Azhar Syed). Eine abweisende graue Wand aus gleichförmigen Karteischränken säumt die Bühnenmitte, die im Stückverlauf mehrfach von oben oder der Seite angeleuchtet wird. Später werden die beweglichen Wandelemente aus- und hintereinander geschoben und geben so Lücken und Öffnungen frei. Die neun Schrankmodule mit drei nebeneinanderliegenden und sechs untereinander positionierten Schubladen erscheinen so effektvoll als anpassbare Begrenzung sowie Fundgrube für mögliche Suchvorgänge, um Erinnerungen nachzugehen (Bühnenbild: Marie Häusner).

Drei zunächst einzeln auftretende Figuren philosophieren eingangs über einen „lebendigen Tod“. Jeden Tag hätten sie den eigenen Tod oder das eigene Verschwinden vor Augen, meinen sie mit teils unterschiedlichen Assoziationen. Bedeutungsvolle Sentenzen werden während der etwa 70-minütigen Aufführung mitunter auch mit neuen Akzentsetzungen wiederholt. „Erinnern heißt auch vergessen“, heißt es etwa - es könne ja nie alles festhalten werden, denn das Erinnerungsvermögen sei stets lückenhaft und oft sogar manipulierbar.

Verena Regensburgers Rechercheprojekt Treibgut des Erinnerns, das die Autorin selbst in Bonn auf die Werkstatt-Bühne bringt, widmet sich Fragen des Trauerns und Gedanken zum Sterben.

Die drei namenlos bleibenden Auftretenden hinterfragen, warum die Farbe der Trauer Schwarz ist. Unerwähnt bleibt dabei, dass in buddhistisch geprägten Ländern, wie in Asien, Weiß mit Trauerkleidung verbunden ist. Es macht bald den Eindruck, als verkörperte das Trio eine einzige Existenz zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihres Lebens, da die Auftretenden teils Gedanken, die vorher jemand anders ausgesprochen hatte, fortspinnen.

Dabei deutet das geschmackvoll aparte Cross-Dressing von Alois Reinhardt – geschminkt mit Dreitagebart, dazu in Rottönen passende Langhaarperücke, Lederkleid und High Heels – an, dass das Geschlecht keine Rolle spielt. So wird im Stückverlauf einerseits über den eigenen Umgang mit dem Ableben eines Vaters, aber auch mit dem Versterben einer 97-jährigen Urgroßmutter nachgedacht.

Wenn Reinhardts Figur zu Beginn eine Schublade aus der Schrankwand herauszieht, irritieren hierin befindliche leblos hervorlugende Beine. Sie tragen die gleichen Stöckelschuhe, wie er selbst auf der Bühne. Er schließt die Tür wieder und nimmt sichtlich verstört auf dem Boden Platz. Die metallisch kalten Karteischränke erinnern hier momenthaft nicht nur an Archive, sondern auch ein bisschen an Ofentüren zur Einäscherung in einem Krematorium.

Die Aufführung mutet zeitweise surreal an. Da wird das Einspiel von Edith Piafs Chanson „Non, je ne regrette rien“ durch einen lärmenden Staubsauger unterbrochen. Bald umklammert Reinhardt, der zuvor einen Staubsauger auf die Bühne rollte, das zugehörige Kabel fest, während er einen Moment starken Unwohlseins als Kind erinnert. Seine Figur wurde mal von einer offensichtlich übergriffigen Frau gegen den eigenen Willen über einen längeren Zeitraum festgehalten und verbindet mit diesem Moment noch den unangenehmen Geruch dieser Peinigerin.

Das namenlose Trio auf der Bühne denkt über die Erfahrungen in der Zeit des Kleinkindalters nach. Wie war das damals? Poetische Bilder werden wiedergegeben. Was empfindet ein kleiner Vogel, der erfroren von einem Ast fällt, jedoch kein Selbstmitleid kennt?

Lena Geyer signalisiert als jüngere Person, mit roter Lacklederjacke und knietief über der blauen Jeans frech hervorlugender Shorts, Wut und Verzweiflung, wenn sie plötzlich, augenscheinlich unkontrolliert, laut „Du Arsch!“ krakeelt. Sie wirft eine durchsichtige Plane, die zuvor noch einen Teil der Wandelemente bedeckte, in die leere Öffnung eines Karteikastens. Ihr Anteil des Bühnen-Ichs scheint offensichtlich verärgert über die Lücke, welche der Verlust eines verstorbenen Nahestehenden wie den eigenen Vaters hinterlässt.

Timo Kählert schließlich, im grünweiß-gestreiften Trainingsanzug, teilt eher unterhaltsame Geschichten. Er erzählt, er habe in einem Traum die eigene Mutter visualisiert als eine Art Popcornmaschine. In einem brennenden Haus habe er auf dem Sofa seine Mutter erkannt. Als diese den Mund öffnete, sei Popcorn rausgerieselt. Auch erinnert sich seine Figur an Party-Experimente mit einem Bier-Bong-Stürzer, bei denen er sich und die Umgebung hübsch eingesaut habe.

Während des Stückes werden diverse Objekte aus den sich öffnenden Wandschubladen gezogen, eine Krawatte, ein von unten leuchtender Bildschirm oder Karteikarten, die rückseitig mit Youtube-Logos bedruckt sind. Es geht um trügerische und tückische Trauer oder auch um Krankheit als eine Art „Schablone“. Das Trio sinniert über Phantomschmerz. Es sei erstaunlich, dass mögliche Schmerzen oft in nicht mehr vorhandenen Gliedmaßen, wie einem amputierten Arm oder Bein behandelt werden könnten, indem die andere, noch vorhandene Körperseite entsprechend versorgt werde.

*

Verena Regensburgers Treibgut des Erinnerns ist ein zähes Machwerk, mit mehr vorsichtig tastenden Assoziationen als eine Handlung oder Entwicklung vorantreibenden Erkenntnissen. Träume und Erinnerungen werden hier eher mit negativen Gefühlen verbunden.

Das Stück lässt nichtsdestotrotz schöne Bilder bewusst werden, etwa dass die Geburt ein ähnliches Übergangsstadium bilden könnte wie das Sterben. Vielleicht gibt es ja sogar so etwas wie Todesangst-Empfindungen, die ein Kind im Mutterleib durchstehen könnte, bevor es das Licht der Welt erblickt.



Treibgut des Erinnerns von Verena Regensburger - am Theater Bonn | Foto © Ana Lukenda

Ansgar Skoda - 29. April 2024
ID 14722
TREIBGUT DES ERINNERNS (Werkstatt, 27.04.2024)
Ein Rechercheprojekt

Regie: Verena Regensburger
Musik: Azhar Syed
Bühne: Marie Häusner
Kostüme: Melina Poppe
Licht: Ewa Górecki
Dramaturgie: Sarah Tzscheppan
Mit: Lena Geyer, Timo Kählert und Alois Reinhardt
Premiere am Theater Bonn: 27. April 2024
Weitere Termine: 03., 11., 15., 25., 28.05./ 05., 15., 21.06./ 05.07.2024


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de


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