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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Schund

und Seele



Clemens Sienknecht und Moritz Klaus (re.) in Schuld und Sühne – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie | Foto © Matthias Horn

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Der illuster-unterhaltsame Abend beginnt konzentriert und leise. Clemens Sienknecht, Darsteller und zugleich Co-Autor der Aufführung, tritt sichtlich bewegt auf. Er prüft verschiedene Musikinstrumente und spielt auf ebendiesen kurze Melodien. Diese Klänge nimmt Sienknecht live auf und lässt sie sogleich von Band in Dauerschleife neu abspielen. Gesamplete Rhythmen kombinieren sich so zu einem eingängigen, temporeich modellierten Beat. Bühnenlichter flackern kurzzeitig im Rhythmus der entstehenden Musik.

Durch eine Tür im Bühnenzentrum treten nach wenigen Minuten auch die übrigen Akteure ins Rampenlicht. Schlaghosen, Cordjeans, Lederjacken und langes Haar auch bei den Herren erinnern an die Ästhetik der 1980er. Zunächst bewegen sich die Akteure während der Musik geschäftig über die Spielfläche, legen Jacken ab oder ordnen Gegenstände neu. Dann beginnt Sienknecht zu den treibenden Rhythmen zu singen. Plötzlich frieren alle sechs Co-Akteure in ihren Bewegungen ein und singen den Refrain als ein gut aufeinander abgestimmter Background-Chor.

Der musikalisch sich entwickelnde Beginn lenkt den Blick auf eine liebevoll detailreiche Ausstattung von Anke Grot. Das Bühnenbild gliedert sich in mehrere altmodisch mit Holzvertäfelung ausgestattete Bereiche: Rechts sehen wir eine Bar, mittig eine Sitzecke mit braunem Ledersofa, dahinter verschiedene Musikinstrumente wie Sythesizer und Gitarren vor einer Palmentapetenkulisse. Oben links befindet sich ein privates Radiostudio mit Büroausstattung und vielfältiger Verkabelung; dahinter liegt eine durch Vorhänge verdeckte Hinterbühne. Rechts deutet ein altes Barbara Stanwyck-Filmplakat von Sekunden der Angst (1953) das Krimigenre an. Mittig sehen wir eine Gert Westphal-Plattenaufnahme von Fjodor Dostojewskis Schuld und Sühne, oben rechts ist der gleichnamige 570-seitige Roman bedeutungsvoll aufgebahrt, aus dem bald auch Ausschnitte vorgetragen werden.

Der Roman Dostojewskis dient auf der Kleinen Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses als Vorlage für einen live gespielten Radio-Fortsetzungs-Krimi. Die regelmäßig unterbrochenen Szenen dieser Uraufführung verweisen so indirekt auf die Veröffentlichungspraxis des vielleicht bedeutendsten Romans Dostojewskis, der 1866 erstmals in zwölf Fortsetzungen in der Monatszeitschrift „Russischer Bote“ erschien. Der russische Originaltitel des Romans, Prestuplenie i nakazanie, lässt sich dabei nicht originalgetreu ins Deutsche übersetzen. „Schuld und Sühne“ wirkt etwas zu moralisch und der präziser übersetzte Titel „Verbrechen und Strafe“ erscheint wieder ein bisschen zu juristisch. Um Fragen der Angemessenheit und des Kalküls, Wege und Irrwege geht es dann auch zu Anfang der Vorführung.

Im Zentrum des Geschehens steht der mittellose Jurastudent Rodion Ralskolnikow (Moritz Klaus), der sich in einer Gedankenwelt aus moralischen Werten, Ablehnung der Gesellschaft und Selbstüberhöhung verstiegen hat. Er glaubt ein besonderer Mensch zu sein, der sogar das Recht habe, einen seiner Meinung nach minderwertigen Menschen zu töten. An einer solchen, dann tatsächlich ausgeführten Tat zerbricht er schließlich und erhält eine achtjährige Haftstrafe im sibirischen Arbeitslager.

Barbara Bürks und Clemens Sienknechts Inszenierung fesselt insbesondere durch originelle und komische Wechsel zwischen den Ritualen des Radioprogramms und zentralen Romanszenen.Während Akteure die Handlung spielen, formen mitunter andere die Geräusche deren Aktivitäten mit Hilfsmitteln nach, wie der Axt als Mordwaffe. Gesangliche und tänzerische Einsprengsel rhythmisieren den inhaltlichen Krimi-Plot. So tanzen die sieben Darsteller synchron einen ausdrucksstarken, sogenannten Raskolni-Pop, nachdem der Radiomoderator zuvor Tanzsport ankündigte. Der Name der Hauptfigur aus Dostojewskis Roman leitet sich übrigens vom russischen Wort „raskolot“ ab, dass sich im Deutschen mit „spalten“ oder „aufknacken“ übersetzen lässt. Auch das Geschehen zwischen Radiowelt und vorgegebenen Szenen aus Schuld und Sühne ist wechselhaft und zeigt zwei unterschiedliche Realitäten nebeneinander.

Routiniert gemeinsam gesungene Werbe-Jingles vom „Optiker Fleischmann“ bis zu „Waschbär holt viel raus“ unterbrechen den Krimi-Plot. Zwischendurch werden Kurznachrichten, Zuhörerwünsche und Radio-Quiz-Ergebnisse lustvoll vorgetragen. Schließlich wird gar die eigene Radiomarke effektvoll zerdehnt „Fernsehen geht ins Auge, Radio ins Ohr.“ Ein DJ Muckel sorgt dafür, dass klassische Chorgesänge nach Bach, Mozart oder Maurice Ravel mit vorgetragenen Popballaden wechseln, etwa dem legendären 80er-Hit „Guilty“ von Barbra Streisand und Barry Gibb. In Düsseldorf besorgen Nadine Schwitter in der Rolle der Romanfigur von Rodions Schwester Dunja Raskolnikowa und Raphael Rubino in der Rolle von Rodions Freund Dimitrij Rasumichin beim ersten Kennenlern-Flirt glänzend die facettenreichen Vocals.

Melodien früherer Hits von America, Cat Stevens, Michael Jackson, Gladys Knight, Prince oder Radiohead fügen sich witzig in die Handlung des „Radio-Krimis“ ein. Damit ist die Geschichte aus dem 19. Jahrhundert, den letzten Jahren des russischen Zarenreiches, verlagert in einen Stil von Rundfunksendungen, deren Zeit nun auch schon zu Ende ist.

Das Regieduo Bürk & Sienknecht inszenierte zuvor bereits erfolgreich die Romane Anna Karenina und Effi Briest als Radio-Shows an anderen Theaterhäusern. Auch hier wurde mitunter die Stimme Gert Westphals auf alten LP-Aufnahmen der Klassiker bemüht. Sienknecht verschiebt in der Düsseldorfer Vorführung die Nadel des Plattenspielers über der LP regelmäßig neu, ohne dass sich das Geschehen zu entwickeln vermag. Die Akteure formen schließlich eindrücklich mit ihren Stimmen Störgeräusche bei der Plattenwiedergabe nach.

Da ist es vielversprechender, wenn sie das Romangeschehen durch szenisches Spiel vorantreiben.

Ensemblemitglieder Moritz Klaus (bekannt auch durch seine Rolle des Frantz Müller im gerade oscarprämierten Film Im Westen nichts Neues) als ehrgeiziger, vereinsamter und dünkelhafter Rodja Raskolnikow und Thiemo Schwarz als perfide-gerissener Ermittlungsrichter Porfirij Petrowitsch sorgen bei doppelbödigen Verhören und psychologischen Analysen wirkungsvoll für Spannungsmomente.

Die bei Dostojewskis vielleicht berühmtesten Roman aufgeworfenen Fragen sind auch rückblickend von großer Bedeutung: sich verändernde moralische Maßstäbe; die Bedeutung, Würde und das Recht des Einzelnen, sowie die Überlegung wann sich für ein Individuum die Anwendung von Gewalt rechtfertigen lässt? Es gelingt dieser Aufführung bei allem unterhaltsamen – auf hohem tänzerischen und gesanglichem Niveau inszenierten – Klamauk die Balance zu diesen Bedeutungsebenen zu halten.



Schuld und Sühne – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie | Foto © Matthias Horn

Ansgar Skoda - 16. Mai 2023
ID 14203
SCHULD UND SÜHNE – ALLERDINGS MIT ANDEREM TEXT UND ANDERER MELODIE (Kleines Haus, 13.05.2023)
von Barbara Bürk und Clemens Sienknecht nach Fjodor M. Dostojewskij

Regie: Barbara Bürk, Clemens Sienknecht
Bühne und Kostüm: Anke Grot
Licht: Jean-Mario Bessière
Dramaturgie: Beret Evensen
Mit: Moritz Klaus, Thiemo Schwarz, Nadine Schwitter, Clemens Sienknecht, Raphael Rubino, Berthold Klein und Friedrich Paravicini
Premiere am Düsseldorfer Schauspielhaus: 13. Mai 2023
Weitere Termine: 15., 20., 22. 29.05./ 14.06.2023


Weitere Infos siehe auch: https://www.dhaus.de


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