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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Mit viel

Klamauk



Herr Puntila und sein Knecht Matti am BE | Foto (C) JR Berliner Ensemble

Bewertung:    



Es riecht nach frischen Sägespänen im Berliner Ensemble. Da sind ordentlich viele Seekieferplatten verbaut auf der Bühne. Ob das Holz aus finnischen oder brandenburgischen Wäldern stammt, lässt sich nicht feststellen. Das dürfte auch egal sein. Gekauft wird, was der Markt hergibt. Und das ist ganz im Sinne des Stücks. Gegeben wird mal wieder Brecht: Herr Puntila und sein Knecht Matti. Der finnische Gutsbesitzer Puntila hat einen Wald und ein Sägewerk dazu. Wenn er „sternhagelnüchtern“ ist, will er den Wald abholzen und das Holz verkaufen. Ist er besoffen, und das ist er ziemlich oft, dann menschelt es beim Puntila, und er möchte sich mit dem Volk verbrüdern. Das da keine Kluft mehr ist, soll ihm sein Chauffeur Matti, der seit zwei Tagen vor der Kneipe auf seinen Herrn wartet, bestätigen. Das tut der nur aus Befehl. Da ist ein Grundmisstrauen gegenüber der herrschenden Klasse. Und darum geht es bei Brechts epischem Bühnenklassiker, den er 1940 im finnischen Exil geschrieben hat. Als Vorlage diente u.a. das Theaterstück Sägemehlprinzessin der finnisch-estnischen Dichterin Hella Wuolijoki, die Brecht und seiner Familie auf ihrem Landgut ein Jahr lang beherbergte.

So ist dann der Puntila auch ein Volksstück mit viel Komik, derb in der Sprache und im Spiel. Ein Fest für Schauspieler, die so einen „dicken Kloben, stinkbesoffenen“ wie den Puntila gut verkörpern können. Die österreichisch-bulgarische Regisseurin Christina Tscharyiski hat ihn mit dem BE-Schauspieler Sascha Nathan ganz treffend besetzt. Nathan macht das, was man in diesem Fall von ihm erwarten darf. Und das durchgängig präsent. Es ist nach Die Mutter im Kleinen Haus, die zweite Brecht-Inszenierung von Christina Tscharyiski, die damit nun auf die große Bühne umgezogen ist. Ihre durchaus gelungene, recht frische Bearbeitung von Brechts kommunistischem Lehrstück, die am Kleinen Haus immer noch zu sehen ist, sei hiermit empfohlen. Was nun den Puntila betrifft, da kann man auch geteilter Meinung sein. Neben dem Hauptdarsteller Sascha Nathan muss sich Peter Moltzen als Matti schon gewaltig strecken, um noch halbwegs wahrgenommen zu werden. Er behilft sich mit meist zähneknirschendem Knarzen. Ansonsten hängen die Schultern ziemlich runter. Er hat es nicht leicht mit so einem Herrn, aber immer noch besser als der Rest des Stück-Personals.

Tscharyiski hat die anderen Rollen durchweg mit Schauspielerinnen besetzt. Nora Quest gibt eine blonde Eva im silbrig glänzenden Kleid (Kostüme: Jelena Miletić). Den Rest inklusive Männerrollen teilen sich Dela Dabulamanzi, Pauline Knof, Nina Bruns und Nora Moltzen. Gemeinsam in farblich unterschiedliche Arbeits-Overalls gekleidet sprechen sie den Prolog. Später sind sie auch so als Schmuggleremma, Kuhmädchen, Apothekerfräulein und Telefonistin zu sehen. Die Regisseurin macht damit gleich von Beginn an klar, wer sich hier außer Matti noch von seinem Herrn befreien muss. Ein wenig erinnern sie einen in diesem Outfit auch an Gelbwesten oder jugendliche Klimakleber. Einen großen Chor der Arbeitenden in Blaumännern gibt es auch noch. Er singt Songs aus dem Stück oder auch mal Don't Stop Believin von Journey und You should see me in a crown von Billie Eilish. Das hat Kraft und gehört zu den gelungen Momenten des Abends.

Sonst bleibt Sascha Nathan das Kraftzentrum, der auch mal den Gesindemarkt in den Zuschauerraum ausbaut. Dass er dort kaum jemanden findet, der vor 9 Uhr aufsteht, wird noch mit Lachen quittiert. Irgendwie muss man das Publikum ja kriegen. Ansonsten wird doch recht brav vom Blatt gespielt. Wer hier ein richtiger Mann ist, scheint dann noch von Interesse. Ein Attaché mit Piepsstimme (Pauline Knof) jedenfalls nicht. Eva macht lieber Klamotte mit Matti im Badehäuschen. Die Sperrholzbühne von Thilo Ullrich dreht sich und zeigt einiges an Laubsägearbeiten, wie einen großen Bergausschnitt, der im Neuen Deutschland vorab schon als Börsenkurve gehandelt wurde. Die Zwischenüberschriften werden als Spruchbänder von Loge zu Loge gezogen, und Puntila wird mit Zweigen in der finnischen Sauna nüchtern geprügelt. Eine Tüte über den Kopf bekommt er dann auch noch, steht aber wieder auf. Die kurze Revolte verpufft. Es wird weiter chargiert. Tontaubenschießen.

Die finnischen Erzählungen der vier vertriebenen Kurzzeitverlobten des Puntila werden frontal ins Publikum gesprochen. Das verpufft leider etwas. Es läuft alles aufs große Finale, die Verlobungsfeier zu. Nathan wieder in Höchstform. Was der an diesem Abend so an Flaschen wegtrinken muss. Alle Achtung. Was uns das Ganze dann aber eigentlich noch zu sagen hat, lässt die Inszenierung ziemlich offen. Die Verlobung Evas mit einem Menschen zeigt hier, dass Matti auch nur ein kleiner Herr ist. Er ist dann irgendwann nach dem Aufstieg auf den Hatelmaberg einfach weg. Die Schlussverse vom guten Herrn, sprechen wieder die vier Frauen. Dann ist die Bühne leer. Übrig bleibt nur ein einziger Mensch, ein ziemlich nasser, elend lallender jedenfalls. Wenn es doch so einfach wäre.



Herr Puntila und sein Knecht Matti am BE | Foto (C) JR Berliner Ensemble

Stefan Bock - 24. April 2023
ID 14162
HERR PUNTILA UND SEIN KNECHT MATTI (Berliner Ensemble, 22.04.2023)
Regie: Christina Tscharyiski
Bühne: Thilo Ullrich
Kostüme: Jelena Miletić
Musikalische Leitung: Johannes David Wolff
Dramaturgie: Johannes Nölting
Licht: Rainer Casper
Mit: Sascha Nathan (als Puntila) und Peter Moltzen (als Matti) sowie Nora Quest, Dela Dabulamanzi, Pauline Knof, Nina Bruns, Nora Moltzen u.v.a.
Premiere war am 22. April 2023.
Weitere Termine: 03., 04., 27., 28.05.2023


Weitere Infos siehe auch: https://www.berliner-ensemble.de/


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