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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Erträumtes Ich



Wilhelm Eilers und Timo Kählert in Peer Gynt am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

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Ein junger Mann fabuliert lustvoll von einem halsbrecherischen Ritt auf einem gehörnten Bock über einen steilen Berggrat. Das irre Abenteuer in höchsten Tönen ausschmückend, kann er sich des Publikums gewiss sein. Doch das vermeintlich selbst Erlebte wird prompt als Lügengeschichte entlarvt und abgestraft, und das ausgerechnet von der Mutter des Erzählers.

Henrik Ibsen schrieb Peer Gynt ursprünglich als Gedicht auf der Vorlage norwegischer Feenmärchen. Das später entstandene legendäre Versdrama des Norwegers handelt von Identitätsfragen und einer schier außergewöhnlichen Lebensbiografie. Peer entflieht der Realität seines Lebens durch Lügen. Er konstruiert sich Identitäten, indem er Geschichten davon erzählt, was er noch werden will und was ihm passiert sein könnte.

Simon Solberg begreift das Drama am Theater Bonn als Geschichte von einem, der unbeholfen aus prekären und dörflichen Verhältnissen auszog, Anerkennung und Selbstachtung zu finden. Die dynamische Performance arbeitet mit wechselnden Schauplätzen. Neben Theaterrauch, verschütteten Wassereimern und hochgeworfenen Papieren kommt auch ein bewegliches und begehbares Metallstangengerüst zum Einsatz. Sechs Akteure verkörpern diverse Figuren; die älteren Bernd Braun und Wilhelm Eilers spielen in einer Szene unflexibel gewordene Anteile Peers.

Durchgehend zeichnet jedoch Timo Kählert den Antihelden Peer als jungenhaften Tagträumer und trotzigen Gernegroß, dem man aber seine Selbstüberschätzung nicht ganz abnimmt [anders als beim wandlungsfähigen Edgar Selge in der gleichen Rolle 2015 am Schauspiel Stuttgart]. Das Hochfliegende und Selbstgefällige changiert mit Unsicherheiten. Er scheint getrieben zwischen tollkühnem Größenwahn und ausweichender Unterwürfigkeit. Erst überschätzt er sich, dann ergreift er ängstlich die Flucht. Peer versucht sich als fragwürdiger Hochstapler, selbstsüchtiger Sektenführer, egoistischer Kapitalist und bald als engherziger Wissenschaftler. Auf seiner Sinnsuche durchquert Peer Abgründe und wird mit Gefahren wie einem Schiffsuntergang konfrontiert.

Ganz köstlich mimt Birte Schrein Peers naive und engstirnige Mutter Aase, die ihn nach ihrem Tod später als Geist stets begleitet. Anfangs ist sie noch anerkennende Bewunderin ihres erfolgversprechenden Sohnes. Sogleich erkennt sie seine Flunkerei und reagiert unverhohlen enttäuscht. Aase beklagt, dass sie Peer als Kind stets Märchen vorlas und so seine blühende Phantasie anregte. Unbarmherzig verurteilt sie ihren Sohn und setzt ihn auf eine Stufe mit seinem früh verstorbenen Vater, in ihren Augen vor allem ein Alkoholiker und Tunichtgut. Er genügt ihren hohen Erwartungen nicht. Leider ist Peer insgeheim nur allzu empfänglich für das Defizitgefühl, das Aase ihm vermittelt.

Alois Reinhardt verkörpert, athletisch an Seilen herab schwingend die von Gewalt und sexuellen Trieben geprägte dunkle Ebene der Trolle, die Peer seine Gefühlswelten und Ängste näherbringt. Lydia Stäubli wird als Solveig zur nicht aus der Ruhe zu bringenden Seelenverwandten Peers. Sie entflieht als Außenseiterin der Dorfgemeinschaft, um im Wald auf Peer zu warten. Doch Peer begreift zu spät, dass auf sie Verlass sein könnte.

Wenn Peer in Deichkind-Manier Beat-verstärkt stolz rappt „Ich werde Kaiser“ erntet er eifrigen Szenenapplaus. Wirklich berühren tun jedoch die atmosphärische Musik des Duos Sue Schlotte (Gesang und Cello) und Philip Mancarella (Klavier und Percussion). Leider verkürzt Solberg Ibsens Drama stark um Episoden in der Wüste, in der Psychiatrie und in fernen Ländern. Doch für das Ende der Vorführung findet er beeindruckend starke Bilder, wenn Peer sein eigenes Leben als unterschiedliche Schichten und Schalen ohne Kern betrachtet. Dann trifft er ein letztes Mal auf den unerbittlichen Geist seiner prägenden Mutter aber auch auf die zugewandte Gefährtin Solveig, die auf ihn zeitlebens wartete, ganz selbstlos und ohne große Erwartungen.



Bernd Braun, Timo Kählert, Wilhelm Eilers, Alois Reinhardt in Peer Gynt am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Ansgar Skoda - 25. Februar 2023
ID 14062
PEER GYNT (Schauspielhaus Bad Godesberg, 22.02.2023)
Inszenierung und Bühne: Simon Solberg
Kostüme: Katja Strohschneider
Licht: Boris Kahnert
Dramaturgie: Male Günther
Mit: Birte Schrein, Lydia Stäubli, Bernd Braun, Wilhelm Eilers, Timo Kählert, Alois Reinhardt und den Musikern Philip Mancarella und Sue Schlotte
Premiere am Theater Bonn: 22. Februar 2023
Weitere Termine: 05., 09., 23.03./ 01., 05.04.2023


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de


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