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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Elizabeth Taylor

und Hannah Arendt

auf der Bühne



Odyssey. A Story for Hollywood von Krzysztof Warlikowski | Foto (C) Magda Hueckel

Bewertung:    



Krzysztof Warlikowski ist, sowohl im Sprechtheater wie in der Oper, einer der bedeutendsten lebenden Regisseure. Am ehesten lässt er sich mit dem Kanadier Robert Lepage vergleichen, dessen Seven Streams of the River Ōta von 1994 vier Jahre lang um die Welt tourten, vor drei Jahren reanimiert wurden und für die Nachzügler eben erst an der Berliner Schaubühne in Erinnerung gerufen wurden. Längst arbeitet Warlikowski auch außerhalb seiner polnischen Heimat und setzt Maßstäbe. Jetzt zeigt er in Stuttgart eine Produktion des von ihm geleiteten Nowy Teatr Warschau, an deren Entstehung fünf französische, griechische und deutsche Festivals und Theater beteiligt waren, darunter auch das Stuttgarter Schauspiel. Es wäre eine Überlegung wert, ob solch eine Koproduktion für eine Internationalisierung des Theaters nicht sinnvoller und künstlerisch ertragreicher ist als die Durchmischung von Ensembles mit Gästen, die mit sprachlichen Problemen zu kämpfen haben. Odyssey. A Story for Hollywood wird auch in Stuttgart in polnischer Sprache, deutsch und englisch übertitelt, aufgeführt, eine Lösung, die ihre Nachteile, aber auch ihre entschiedenen Vorteile hat. Warum sollte, was im Kino möglich ist, nicht auch fürs Theater taugen?

Odyssey. A Story for Hollywood verknüpft Elemente der Odyssee, die als Folie für zeitlose Konstellationen fungiert, mit Anregungen aus Büchern der polnischen Schriftstellerin Hanna Krall und mit Seitenblicken auf weitere Autoren. Bühne und Kostüme hat Warlikowskis Ehefrau und langjährige Mitarbeiterin Małgorzata Szczęśniak, auf ihrem Gebiet nicht weniger überragend als ihr Mann, beigesteuert. Regie und Ausstattung bilden bei diesem Paar eine schlüssige Einheit, wie man sie beispielsweise aus der Zusammenarbeit von Christoph Marthaler und Anna Viebrock kennt. Der unterteilte Bühnenraum ist zugleich und nacheinander Turnsaal, Gefängnis, Warteraum eines Flughafens, Waschraum, Kleiderkammer und Friseursalon.

Als Klammer für die knapp vierstündige Collage dienen die Motive der Heimkehr nach langer Abwesenheit und der Last der Erinnerung. Krzysztof Warlikowski hat vor ein paar Jahren Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit für die Bühne adaptiert. Der Titel würde auch für seine Odyssey passen.

Fast die ganze Aufführung hindurch wird langsam und leise gesprochen. Was man auf Teilen der Bühne sieht, wird mittels Video und mit sich verändernder Perspektive auf eine große Leinwand projiziert. Das hat insofern eine Logik, als Film eines der abgehandelten Themen ist, genauer: die Frage, ob das Kino den Holocaust darstellen kann und wenn ja, auf welche Weise.

In dem Stück treten allerlei historische Persönlichkeiten auf: Elizabeth Taylor, Marek Hlasko, Roman Polański, Claude Lanzmann. Und Izolda Regensberg, die tatsächlich existiert hat und deren Lebensgeschichte Hanna Krall nacherzählt hat. Eine lange Szene zeigt das Treffen von Hannah Arendt und Martin Heidegger 1950 im Schwarzwald, zu dem sich ein buddhistischer Mönch gesellt, der sich verlaufen hat. Und man fragt sich ganz nebenbei, welcher deutscher Autor zwei polnische Philosophen zu Bühnenfiguren zu machen imstande wäre.

Odyssey. A Story for Hollywood ist, ganz unzeitgemäß, Bildungstheater, vollgestopft mit Anspielungen, unter anderem auf Shakespeares Richard III., auf Malaparte, auf Coetzee, auf den Filmregisseur Theo Angelopoulos. Und weil ich nicht so tun möchte, als hätte ich alle Zitate selbst identifiziert: Dank an die Pressesprecherin des Stuttgarter Theaters, die mich vorweg mit den Informationen versehen hat. Und Dank an Zofia Zielińska, die mir einst die Grundzüge der polnischen Sprache beigebracht hat.

Am Schluss verneigt sich Warlikowski vor dem leider nur halb gefüllten Saal, wie immer mit zerrauftem Haar und bedröppelt, als wäre ihm der Jubel des Publikums peinlich.



Odyssey. A Story for Hollywood von Krzysztof Warlikowski | Foto (C) Magda Hueckel

Thomas Rothschild - 8. April 2022
ID 13568
ODYSSEY. A STORY FOR HOLLYWOOD (Schauspiel Stuttgart, 07.04.2022)
Inspiriert von Homers Odyssee und den Romanen Herzkönig und Eine Story für Hollywood von Hanna Krall

Inszenierung: Krzysztof Warlikowski
Text: Krzysztof Warlikowski, Piotr Gruszczyński mit Adam Radecki
Mitarbeit: Szczepan Orłowski und Jacek Poniedziałek
Künstlerische Mitarbeit: Claude Bardouil
Bühne und Kostüme: Małgorzata Szczęśniak
Dramaturgie: Piotr Gruszczyński
Mitarbeit: Anna Lewandowska
Musik: Paweł Mykietyn
Licht: Felice Ross
Video und Animation: Kamil Polak
Mit: Mariusz Bonaszewski, Stanisław Brudny, Agata Buzek, Andrzej Chyra, Magdalena Cielecka, Ewa Dałkowska, Bartosz Gelner, Małgorzata Hajewska-Krzysztofik, Jadwiga Jankowska-Cieślak, Wojciech Kalarus, Marek Kalita, Hiroaki Murakami, Maja Ostaszewska, Jaśmina Polak, Piotr Polak, Jacek Poniedziałek; im Video: Maja Komorowska und Krystyna Zachwatowicz-Wajda
Eine Produktion des Nowy Teatr, Warschau


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de/


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