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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Weiblicher

Blick auf

männliche

Dominanz



Max Simonischek als Michael Kohlhaas im Deutschen Theater Berlin | Foto (C) Arno Declair

Bewertung:    



Immer wenn es um Fragen der Selbstjustiz und Rechtfertigung für Gewalt gegen ein schlecht funktionierendes Rechtssystem geht, bedienen sich die Theaterschaffenden gern bei Heinrich von Kleist. Seine Kohlhaas-Novelle ist trotz ihrer schwierigen epischen Natur gut abgehangener Theaterstoff. Da lässt sich auch schön männliche Gruppengymnastik zu den Gewaltorgien des Rächers in eigener Sache choreografieren wie jüngst an der Berliner Schaubühne (Regie: Simon McBurney, Annabel Arden). Aber auch als Einzeldarbietung für Schauspielerinnen (Renate Regel in Kohlhaas. Hiermit kündige ich als Staatsbürger, Bühnenfassung von Anja Gronau 2010 im Theater unterm Dach) eignet sich der Stoff um den in blinder Wut über ergangenes Unrecht brandschatzenden brandenburgischen Rosshändler durchaus. Nun steht aber gerade und nicht nur im Theater das männliche Machtsystem immer mehr im Fokus und in Frage. Kleists Michael Kohlhaas taugt also diesbezüglich nicht mehr gänzlich unreflektiert zur theatralen Behandlung.

So sieht es nun auch Andreas Kriegenburg, der früher lange Zeit am Deutschen Theater Berlin als Hausregisseur gearbeitete hat. Er legt explizit Wert darauf, den ausschließlich männlichen Blick auf die Hauptperson zu ändern und ihm einen weiblichen an die Seite zu stellen. In seiner Inszenierung der Kleist-Novelle, die in Koproduktion mit den Bregenzer Festspielen und dem Les Théâtres de la Ville de Luxembourg bereits am 23. Juli im Bregenzer Schauspielhaus Premiere hatte, beherrschen also nicht nur die acht Männer um Kohlhaas-Darsteller Max Simonischek die Bühne. Die beiden Schauspielerinnen Lorena Handschin und Brigitte Urhausen bekommen neben ihren Rollen als Kohlhaas-Frau Lisbeth und alte Wahrsagerin eine die Inszenierung begleitende und kommentierende Funktion, wofür ihnen Regisseur Kriegenburg zusätzlich Texte und Szenen geschrieben hat.

Auffällig ist das vor allem in einer Gerichtsszene, in der die beiden Schauspielerinnen als Richterinnen wie in einer Berufungsverhandlung einige in der Geschichte handelnde Personen noch einmal als Zeugen befragen. Eine durchaus entlarvende und zuweilen auch lustige Veranstaltung, in der dem Rächer Kohlhaas die Frage gestellt wird, ob sich auch seine Frau für den Weg der Gewalt entschieden hätte. Man mag das als einen vielleicht etwas weit eingreifenden Entschluss der Regie empfinden, als Brechung der Kleist’schen Erzähldramaturgie funktioniert das schon, wenn sich nicht auch dadurch der Abend zuweilen sehr in die Länge zieht. Denn auch die eigentliche Story um das dem Roßkamm Kohlhaas auf seiner Reise mit den beiden Rappen zum Markt nach Dresden erlittene Unrecht auf der Burg des Junkers Tronka will in allen Einzelheit erzählt sein.

Kriegenburg entscheidet sich hier für eine Fassung in sieben übertitelten Themenblöcken, an deren Anfang schon das Treffen mit Martin Luther steht. Der alte Reformator (Markwart Müller-Elmau) sitzt dabei am Rand des von Harald Thor gebauten und die ganze Bühne füllenden Holzbretterstalls und daddelt zunächst am Handy, bis ihn in sein Knecht (Caner Sunar) von der Ankunft des bittstellenden Kohlhaas unterrichtet. Das ist ein recht lockerer Einstieg. Der Grund für das Gespräch wird im Folgenden nachgeliefert. Vielleicht auch ein Wink, es vielleicht gleich mit Reden versucht zu haben. Aber das wäre dann doch eine andere Geschichte. Es folgt, was folgen muss. Der „lonesome rider“ (Zitat Kriegenburg) schart seine in abgewetzte Hosen und Mäntel gekleidete Bande um sich.

Doch auch hier verfährt Kriegenburg nicht durchweg chronologisch. Die Sache mit dem verlangten Passierschein an der Grenze zu Sachsen, an dem sich der Fall später entzündet, ereignet sich dann auf einer Art Schwebebalken. Weitere Szene folgen mit dem Bericht des lamentierenden Knechts Hirse (Paul Grill) über die Geschehnisse auf der Tronka-Burg. Dann ist man schon bald beim Mordbrennen vor Wittenberg, bei dem alle lauthals im Chor berichten und immer wieder Bretter auf die Bühne schlagen, bis im Hintergrund die Flammen züngeln. Auch die unterschiedliche rechtliche Lage und Animositäten zwischen Sachsen und Brandenburg werden verhandelt. An diesem ziemlich lauten Abend, der in über 2,5 Stunden unentwegt Text auf das Publikum prasseln lässt, ist noch die Szene der Heimkunft Kohlhaas‘ zu seiner Frau und die Diskussion beider, ob sich der Gang vor Gericht lohne und für wen er das alles mache, am interessantesten. Danach herrschen wieder geschäftiges Treiben, Chargieren und chorisches Textaufsagen, dass einem zuweilen die Sinne schwinden.

In der etwas verhampelten Schlussszene, in der es eigentlich um das Medaillon mit der Weissagung über den Verlust der Macht des sächsischen Kurfürsten geht, bekommt der sichtlich niedergeschlagene Kohlhaas vor dem Gang zum Schafott noch einmal von Lorena Handschin das Mikrofon zum letzten großen Monolog bevor er in Vergessenheit geraten soll. Es folgt Gestammel, nichts weiter. Mögen es die Kinder besser machen. Das ist dann für einen Abend, der sich sichtlich so viel Mühe gibt, nicht allzu viel. Und da hat man eigentlich noch nichts über Recht und Gerechtigkeit heute erfahren.



Michael Kohlhaas im Deutschen Theater Berlin | Foto (C) Arno Declair

Stefan Bock - 31. Oktober 2021
ID 13260
MICHAEL KOHLHAAS (Deutsches Theater Berlin, 30.10.2021)
Fassung von Andreas Kriegenburg

Regie: Andreas Kriegenburg
Bühne: Harald Thor
Kostüme: Andrea Schraad
Licht: Cornelia Gloth
Dramaturgie: Juliane Koepp und Franziska Trinkaus
Mit: Paul Grill, Lorena Handschin, Peter René Lüdicke, Bernd Moss, Markwart Müller-Elmau, Max Simonischek, Caner Sunar, Max Thommes, Brigitte Urhausen und Niklas Wetzel
Premiere bei den Bregenzer Festspielen war am 23. Juli 2021.
DT-Premiere: 30. Oktober 2021
Weitere Termine: 31.10. / 05., 11., 28.11.2021
Koproduktion mit den Bregenzer Festspielen und Les Théâtres de la Ville de Luxembourg


Weitere Infos siehe auch: https://www.deutschestheater.de/


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