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Ursula Grossenbacher als Sabiha in Medea 38/ Stimmen am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

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Ein drehbarer Kubus nimmt die dunkel gehaltene Bühne ein. Konturen sich anmutig bewegender Frauenkörper beleben Schattenwände. An den Bühnenseiten hängen Spiegel. Live-Videoprojektionen werden eingesetzt. Vier Männer tragen mit schwarzen Nylonmasken, Soldatenhelmen und Reiterstiefeln eine einheitliche Kampfmontur. Gleichzeitig sind sie wie Geschäftsleute mit Anzugjacken und Krawatten bekleidet. Sie sprechen laut synchron, wirken entindividualisiert, maskenhaft, anonym. Oberhalb ihrer angriffsbereit gespreizten Beine glänzt ein schwarzer Genitalschutz.

#Susamam ist an Bühnenwände projiziert. Später schreiben Akteure das Wort vielfach an die Seitenwände. Das türkische Wort bedeutet auf Deutsch „Ich kann nicht schweigen“. Die Produktion verweist hier auf ein türkisches Protest-Video des Künstlers Şanışer, in dem er und 19 KollegInnen 2019 eine Reihe von Missständen in ihrem Land anklagten. Das massenwirksame Rap-Video gilt als Akt des zivilen Widerstands gegen die Regierung von Recep Tayyip Erdoğan. Im Refrain heißt es: „Hab keine Angst, komm/ Es wird ein Tag kommen […] Ich werde nicht schweigen/ Ich kann nicht schweigen.“ Die 20 Künstler thematisieren in dem Video, dass die türkische Regierung Regimekritiker willkürlich als vermeintliche Terroristen wegsperrt.

*

Bereits zu Beginn wird klar, dass Autor Doğan Akhanli in Medea 38/ Stimmen den antiken Mythos von Medea neu erzählt und an literarische Vorlagen höchstens anknüpft. Zu Anfang der Vorführung steht das vielstimmige Erzählen, das facettenreich von Christoph Gummert in der Rolle des Stücke-Autors Akhanli vorangetrieben wird. Als Meddah, also sogenannter Geschichtenerzähler der türkischen Volksliteratur, kommentiert er das Geschehen. Seine Perspektive hebt im Dialog mit Christa Wolf (Lena Geyer) die Bedeutung des Erzählens als Widerstandsinstrument hervor, das stets auch mit der Gefahr verbunden ist, Tabus zu brechen. Denn nur durch die obsessive Ausgrabung in einer vielstimmigen Erzählung werde das kulturelle Gedächtnis bewahrt. Die Figur Wolfs betont hingegen die Solidarität unter Frauen, wenn sie behauptet, Schwesterlichkeit komme häufiger vor als Brüderlichkeit.

Doğan Akhanlis Drama basiert auf Motiven kanonisierter literarischer Verarbeitungen des Mythos um Medea. Königstochter Medea verließ und verriet für ihren Mann Jason ihre eigene Familie und ermordete ihren Bruder, um dann von Jason selbst verlassen zu werden. Medea tötet daraufhin, Übertragungen des Mythos zufolge, ihre gemeinsamen Kinder. Tragödiendichter Euripides stellte die Rache Medeas noch als monströse Untat dar. Bei Seneca wird der Kindsmord etwas entschärft. Christa Wolf widmete sich mit Medea (1996) nach Kassandra (1983) in einem weiteren Roman einer Gestalt aus der griechischen Mythologie. Sie setzte sich intensiv mit griechischen und römischen Vorbildern auseinander. Bei ihr ist Medea keine Kindsmörderin mehr, sie wird eher als eigenständige, starke Frau gedeutet. Bei Doğan Akhanli spielt der Kindsmord keine Rolle mehr. Insbesondere Christa Wolfs Medea dient als Vorlage, um am Beispiel der antiken Figur die türkische Geschichte und zahlreiche Traumata der Minderheiten wie der Armenier, Kurden und Aleviten, aber auch die NS-Katastrophe und das DDR-Trauma aufzuzeigen. Auch der Philosoph Walter Benjamin wird während der Vorführung nachdrücklich zitiert.

Akhanli stellt der Medea aus dem antiken Mythos drei weitere Frauen der türkischen Geschichte zur Seite, die jedoch auch alle als Medea fungieren: das Gründungs- und Führungsmitglied der Arbeiterpartei Kurdistans Sakine „Sara“ Cansız (Linda Belinda Podszus), die Frau des Generals und siebten Staatspräsidenten Sekine Evren (Julia Kathinka Philippi) und die Kampfpilotin und Adoptivtochter des Staatsgründers Atatürk Sabiha Gökçen (Ursula Grossenbacher). Grossenbacher lässt als Kampfpilotin immer wieder Papierflieger über die Bühne gleiten und hat kunstvoll mehrfarbig bemalte Finger. Alle drei Frauenfiguren waren scheinbar mehr oder weniger in eine Militäroperation in den Jahren 1937/1938 in der Stadt Dersim in der Osttürkei involviert. Das Militärmanöver anlässlich vermeintlicher Aufstände war ein brutales Massaker an der kurdischen Minderheit mit vielen Toten.

In wortreichen Monologen geht es um die Ortlosigkeit einer sogenannten Diasporagemeinschaft, eine gewaltsame Durchsetzung von Nationalstaatlichkeit, um Todesmärsche und Deportationen. Die Vorführung versucht persönliche und individuelle Geschichten erfahrbar zu machen und Prozesse der Geschichtsschreibung und Erinnerungspraxis zu beleuchten. Als Zuschauer lernt man dazu: Kurdistan, das historische Siedlungsgebiet der Kurden, ein Volk ohne eigenen Staat, erstreckt sich im vorderasiatischen Raum in den Ländern Türkei, Iran, Irak und Syrien.

Der stattliche Männerchor brüllt provokant synchron Befehle. Er schüchtert die vereinzelt auftretenden, innerlich manchmal aufbegehrenden Medea-Figuren ein. Machtkalkül, Hass- und Verleumdungsstrukturen und patriarchale Willkür werden vorgeführt. Es fällt schwer, sich in die vielen Parallelebenen einzufühlen. Die komplexe Textlast sich überlagernder Geschichten schadet einer darstellerischen Nuanciertheit. Gefühle werden in der interaktionsarmen Inszenierung von Nuran David Calis kaum vermittelt. Die oft voraussetzungsreichen Textflächen werden mit Grausamkeiten überfrachtet und geraten manchmal etwas pathetisch.

Wissenschaftler kritisieren in projizierten Rechercheinterviews gegen Ende, wie sich die Türkei von aller blutigen Vergangenheit lossagt. Bilder, wie etwa der gezielten Völkermorde an Kurden oder Armeniern, würden tabuisiert, damit eine Kultur sich selbst nicht zu sehen bekommt. Zeitzeugen sprechen in Kurzinterviews über verheerende politische Systeme, willkürliche Ausübung von Macht, Demagogie und Massenwahn, die Gefahren fehlender Zivilcourage, Opfer von Diktatoren und die Notwendigkeit der Erinnerung an Völkermorde seitens der Bürger.

Zum Ende hin wird ein letzter bewegender Chat-Dialog zwischen dem türkischen Autor Akhanli und dem türkischstämmigen Regisseur Calis auf Bildschirmprojektionen eingeblendet, während die Darsteller weiter monologisieren. Akhanli verstarb 2021 nach einer Krankheit im Alter von 65 Jahren. Die Uraufführung gedenkt so dem Autor, der sich auch als Menschenrechtler für die Völkerverständigung zwischen Armeniern, Türken und Kurden einsetzte. Akhanli wurde selbst in türkischen Gefängnissen als politisch Gefangener über Jahre gefoltert.

Das fast dreistündige Drama endigt als politisch ambitioniertes Plädoyer für einen transnationalen Erinnerungsraum. Auch Türkinnen und Türken werden angehalten die oft blutige Vergangenheit ihres Landes aufzuarbeiten und nicht zu ignorieren oder zu verdrängen. In Deutschland leben etwa 3 Millionen türkeistämmige Menschen. Im ehemaligen Regierungsviertel Bad Godesberg wohnt, bezogen auf Stadtbezirke, mit der größte Anteil der Bonner mit Zuwanderungshintergrund. Türken stellen hier die größte Minderheit. Nach dem gelungenen Sezen Aksu-Liederabend bietet das Bad Godesberger Schauspielhaus nun erneut auch den vor Ort Ansässigen die Chance die türkische Kultur und Geschichte neu, unzensiert und anders zu entdecken.



Linda Belinda Podszus als Sara in Medea 38/ Stimmen am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Ansgar Skoda - 12. September 2022
ID 13800
MEDEA 38 / STIMMEN (Schauspielhaus Bad Godesberg, 09.09.2022)
Inszenierung: Nuran David Calis
Musik: Vivan Bhatti
Bühne: Anne Ehrlich
Kostüme: Anna Sünkel
Video: Nuran David Calis
Licht: Thomas Tarnogorski, Boris Kahnert
Dramaturgie: Nadja Groß
Besetzung:
Dogan Akhanli ... Christoph Gummert
Christa Wolf ... Lena Geyer
Medea / Sabiha ... Ursula Grossenbacher
Medea / Sekine ... Julia Kathinka Philippi
Medea / Sara ... Linda Belinda Podszus
Männerchor: Markus J. Bachmann, Christian Czeremnych, Paul Michael Stiehler und Daniel Stock
UA am Theater Bonn: 9. September 2022
Weitere Termine: 14., 23., 24.9./ 06., 20.10.2022


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de/


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