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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Düster-

depressive

Überwältigungs-

ästhetik



Leonce und Lena am DT Berlin | Foto (C) Arno Declair

Bewertung:    



Die dritte Arbeit von Regisseur Ulrich Rasche am Deutschen Theater ist auch seine dritte Büchner- Inszenierung. Nach Dantons Tod am Schauspiel Frankfurt und Woyzeck am Theater Basel kam nun Büchners zweites Bühnenstück Leonce und Lena aus dem Jahr 1836 zur Aufführung. Dreimal wurde Rasche mit seinen wuchtigen rotierenden Scheiben oder großen Laufbändern auch zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Am DT hat er seine choreografierten Laufgruppen bisher nur über die Drehbühne geschickt. So auch in seiner Inszenierung von Büchners Lustspiel, das mehr eine zeitkritische Satire auf die politischen Verhältnisse im Großherzogtum Hessen ist. Rasche hat weitere Texte Büchners aus politischen Schriften, Dramen und Briefen des Schriftstellers hinzugefügt und lässt unter einem sich bedrohlich hebenden und senkenden Lichtgitter mit Passagen aus dem revolutionären Vormärz-Pamphlet Der Hessische Landbote beginnen.

In schwarzen Kapuzenpullis bewegt sich das Ensemble in typischer Rasche-Manier gegen den Lauf der Drehbühne und skandiert lauthals zu treibenden Techno-Live-Klängen die Anklage Büchners gegen den Staat, die Landtage und Wahlgesetze. „Nichts als Verletzungen der Bürger- und Menschenrechte“, heißt es da. Steuern bezeichnen sie als „Blutzehnt“ und den Schweiß der Bauern als „Salz auf dem Tische des Vornehmen“. Dieser Chor des Volkes, die „rechtlose“ Masse, bewegt sich nun immer wieder als Antipode zwischen den Szenen aus Leonce und Lena, die einzeln oder zu zweit im gleichen, die Silben zerdehnenden rhythmisch betonten Sprechmodus vorgetragen werden.

Das wirkt auf den ersten Blick natürlich wieder sehr beeindruckend und überwältigend. Man ist sich hier auch nicht wirklich sicher, ob der schwarze Block marschiert oder Reichsbürger gegen die staatliche Ordnung hetzen. Diese düstere Provokation, die schließlich auch zum Sturz der Herrschenden aufruft, ist Büchners Antwort auf Ungerechtigkeit und Ausbeutung des Volks. Dagegen setzt Rasche nun die melancholische Langeweile des Prinzen Leonce („Bin ich ein Müßiggänger?“), die von Marcel Kohler in pathetisch leidender Manieriertheit vorgetragen wird. Wenn er von Melancholie spricht, fühlt man sich fast in Büchners Woyzeck versetzt, zu dessen depressiven Hauptmann dieser sich quälend über die Bühne schleppende Prinz ganz gut passen würde.

Ihm zur Seite schreitet Enno Trebs als Diener Valerio, der hier nicht den ironisch bekennenden Müßiggänger und Genussmenschen geben darf, sondern im gleichen Ton mitleidend sein „Sie scheinen auch an Idealen zu laborieren“ hin gähnt. Aus dieser düsteren Lethargie holen einen immer wieder die sich zu kleinen Zwischenhöhen steigernde Soundwand von Komponist Nico van Wersch. Almut Zilcher gibt in zwei Szenen den gebückt immer wieder zum Denken oder zur Freude auffordernden König von Popo. Als Prinzessin Lena ist Julia Windischbauer zu erkennen. Alle anderen verschwinden nach kurzen Solos immer wieder in der schreitenden Masse im Hintergrund.

Diese Überwältigungsästhetik von Rasches Maschinenwesen läuft aber über den zweiunddreiviertelstündigen Abend immer leerer. „Ist denn der Weg so lang?“ führt da unweigerlich zu unfreiwilliger Komik. Es wirkt fast so, als parodiere hier Rasche seinen Inszenierungsstil selbst. Aus Büchners Drama Dantons Tod stammt der von Linda Pöppel vorgetragene Text von den Puppen, die von unbekannten Gewalten am Draht gezogen werden. Dazu passt natürlich auch die Szene in denen Valerio das Liebespaar als die zwei weltberühmte Automaten präsentiert, die vom König in „effigie“ symbolisch getraut werden.

Die Volksstimme, die im Lauf des Abends immer stiller wird, schwingt sich nun zum finalen nach Makkaroni, Melonen und Feigen fordernden Schlaraffenland-Chor auf. Individueller Genuss und Körperkult gegen das Streben nach Veränderung. Das könnte man aus diesem Abend so mitnehmen als deprimierenden Kommentar zur Lage. Wenn es nicht noch ein paar andere Probleme gäbe, die mit Büchners Texten durchaus auszudifferenzieren wären, was diese installative, ganz bewusst auf der Stelle tretende und in reiner Körperästhetik erstarrende Bild-, Text- und Soundcollage verweigert.



Leonce und Lena am DT Berlin | Foto (C) Arno Declair

Stefan Bock - 22. Januar 2023
ID 14011
LEONCE UND LENA (Deutsches Theater Berlin, 20.01.2023)
Regie und Bühne: Ulrich Rasche
Komposition und Musikalische Leitung: Nico van Wersch
Choreographie: Jefta van Dinther
Chorleitung: Toni Jessen
Kostüme: Romy Springsguth
Licht: Cornelia Gloth
Mitarbeit Musik: Jonathan Heck
Ton: Marcel Braun und Martin Person
Dramaturgie: David Heiligers
Mit: Zazie Cayla, Toni Jessen, Marcel Kohler, Philipp Lehfeldt, Linda Pöppel, Yannik Stöbener, Ingraban von Stolzmann, Alida Stricker, Enno Trebs, Julia Windischbauer, Almut Zilcher, Live-Musik: Carsten Brocker, Katelyn Rose King, Špela Mastnak und Thomsen Merkel
Premiere war am 20. Januar 2023.
Weitere Termine: 04., 05., 25., 26.02.2023


Weitere Infos siehe auch: https://www.deutschestheater.de/


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