Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 6

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Premierenkritik

Arbeitslos,

wertlos?



Linda Belinda Podszus als Emma Mörschel, genannt Lämmchen und Timo Kählert als Johnnes Pinneberg in Kleiner Mann – was nun? am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Bewertung:    



Die Bühne dreht sich im schnellen Tempo. Die Schauplätze – meist requisitenarme Wohninnenräume – wechseln regelmäßig. Sie erscheinen austauschbar. Mitten in dieser Unruhe (Bühne: Dorothee Curio) erscheint das Gros der Figuren anfangs völlig reglos in den Bewegungen verharrt. Aufgrund der Erstarrung wie zu Salzsäulen fragt man sich kurz, ob es echte Menschen sind. Das momenthafte Einfrieren und Posieren bietet während der Vorführung mehrfach Raum für eine Art Innehalten. Hierfür bleibt den beiden Hauptfiguren keine Zeit. Denn das Leben fliegt an Johannes Pinneberg (Timo Kählert) und seiner Emma – liebevoll Lämmchen (Linda Belinda Podszus) genannt – vorbei, scheinbar ohne dass sie selbst allzu viel Einfluss nehmen können.

Das Schicksal meint es nicht gut mit dem jungen Glück aus Hans Falladas Roman Kleiner Mann – was nun? (1932). Jan Neumann zeigt die Lebensumstände, den kurzen Aufstieg und langen Fall des einfachen Arbeiters und Familienvaters Johannes Pinneberg. Viele, oft auch komisch gestaltete Szenen bebildern den ungebrochenen Optimismus des Paares, das bald das erste Kind aufzieht. Fortwährend drehen sich die Fragen Pinnebergs um das Maß seiner Arbeit, seine Sicherung ohne Lohn und schließlich um sein bald negatives Selbstbild als Arbeitssuchender. Trotz einiger wohlmeinender und unterstützender Freunde und Angehöriger möchte es ihm und seiner Familie nicht gelingen eine gesicherte Existenz aufzubauen. Es herrscht die Weltwirtschaftskrise. Regelmäßig wird Pinneberg – zu Anfang Buchhalter und später Verkäufer – entlassen. Emma und Johannes lavieren sich energisch, schließlich auch verzweifelt durch ständige Geldnöte. Kraft schöpft das Paar gutgläubig daraus, dass sie an ihrer Liebe festhalten.

Timo Kählert zeichnet Johannes Pinneberg als gutmütigen Mann, der nicht gut mit Geld umgehen kann. Neben ihm und Linda Belinda Podszus als unscheinbares, braves, treusorgendes Lämmchen brillieren unter anderem Bernd Braun gleich mehrfach als herablassender, egozentrisch fordernder Arbeitgeber oder engstirniger Arbeitsamtler und Alois Reinhardt als berechnender Frauenarzt oder hämische Arbeitgebergattin. David Hugo Schmitz gibt köstlich einen arglosen, triebgelenkten und naiven Arbeiterkollegen von Pinneberg, und Christian Czeremnych überrascht markant als eleganter, hilfsbereiter Modeverkäufer und später auch in prächtiger Nacktheit als Anhänger der Freikörperkultur. Annika Schilling und Wilhelm Eilers mimen schlussendlich eher selbstbezogene und auf das eigene Glück bedachte Verwandte respektive Vertrauenspersonen der Pinnebergs, die dem jungen Paar jedoch nur eingeschränkt zur Seite stehen.

*

Zeitthemen des damaligen Romans wie fehlende gewerkschaftliche und soziale Strukturen und fehlende Leistungen der Krankenversicherung haben heute nicht mehr ganz so einschneidende Folgen für die ärmere Bevölkerung. Das sozialkritische Thema der Unzufriedenheit im Arbeitermilieu ist jedoch aufgrund der sich weiter öffnenden Wohlstandsschere nach wie vor aktuell. Das bezeugt auch das Interesse am Arbeiterkampf auf den Spielplänen der Theater – etwa Früchte des Zorns am Schauspiel Köln.

Gegenwärtige Forschung geht davon aus, dass einfache Arbeiter für routinemäßige Abläufe aufgrund der zunehmenden Robotik immer öfter umlernen müssen. Nach wie vor bestimmt die Herkunft der Menschen ihre Zukunftsaussichten. Extreme Ungleichheit nimmt zugunsten der Reichen zu. Die ungleiche Verteilung der Einkommen zählt somit zu den dauerhaftesten sozialen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen der Gesellschaft. Die Eliten der Welt – etwa ein Prozent der Bevölkerung – verfügt über 48 Prozent des weltweiten Wohlstands. Leider verlieren in Deutschland die Bürger den Glauben an politische Programme der Parteien, die traditionell für ärmere Bevölkerungsschichten einstehen. Die Linken haben so insbesondere aufgrund interner Machtkämpfe zunehmend weniger Rückhalt, während liberale, arbeitgeberfreundliche Kräfte heute mitregieren.



Arbeiterpause in Kleiner Mann – was nun? am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu


Kleiner Mann – was nun? erschien 1932 am Vorabend der Machtergreifung der Nazis. Hans Fallada problematisierte später in Jeder stirbt für sich allein (1947) die Machtlosigkeit des Einzelnen gegenüber dem Staat und den Mut, den es braucht, um Widerstand gegen ein verbrecherisches Regime zu leisten. Fallada kannte die Unzufriedenheit der Bevölkerung im Milieu des Kleinbürgertums. Er war viele Jahre drogenabhängig und mehrfach im Gefängnis. Er lernte nach einem Drogenentzug jedoch seine spätere Frau kennen, die Vorbild der Figur Lämmchen in Kleiner Mann – was nun? wurde.

Im Programmheft verrät Dramaturgin Carmen Wolfram, dass es sich beim Namen „Hans Fallada“ um ein Pseudonym handelt. Der Schriftsteller Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen (1893-1947) leitete sich den Namen aus zwei Märchen der Gebrüder Grimm ab: dem Vornamen des Titelhelden in Hans im Glück und dem sprechenden Pferd Falada aus dem Märchen Die Gänsemagd, dessen abgeschlagener Kopf so lange die Wahrheit spricht, bis die betrogene Heldin zu ihrem Recht kommt. Werden auch Pinneberg und sein Lämmchen zu ihrem Recht auf eine Perspektive kommen? Wird ihnen die ständige Angewiesenheit auf den schnöden Mammon ihr Glück verwehren? Bemerkenswerterweise warb das Ensemble nach der Premiere für Spenden für die Ukraine. Auch die Bürger der Ukraine müssen aufgrund eines machthabenden Verbrechers nun reihenweise um ihre Existenzen bangen.
Ansgar Skoda - 20. März 2022 (2)
ID 13533
KLEINER MANN – WAS NUN? (Schauspielhaus Bad Godesberg, 18.03.2022)
Inszenierung: Jan Neumann
Musik: Thomas Osterhoff
Bühne: Dorothee Curio
Kostüme: Cary Gayler
Dramaturgie: Carmen Wolfram
Besetzung:
Johannes Pinneberg … Timo Kählert
Emma Mörschel, genannt Lämmchen … Linda Belinda Podszus
Erzähler / Jachmann u.a. … Wilhelm Eilers
Mia Pinneberg / Marie Kleinholz / Kessler u.a. … Annika Schilling
Dr. Sesam / Frau Kleinholz / Spannfuss u.a. … Alois Reinhardt
Lauterbach / Fräulein Semmler / Heilbutt u.a. … Christian Czeremnych
Emil Kleinholz / Lehmann u.a. … Bernd Braun
Karl Mörschel / Jänicke / Murkel u.a. … David Hugo Schmitz
Premiere am Theater Bonn: 18. März 2022
Weitere Termine: 23.03./ 03., 08., 28.04./ 14., 25.05.2022


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de/


Post an Ansgar Skoda

skoda-webservice.de

Freie Szene

Premieren (an Staats- und Stadttheatern)



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!



Vielen Dank.



  Anzeigen:





THEATER Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Rothschilds Kolumnen

BALLETT |
PERFORMANCE |
TANZTHEATER

CASTORFOPERN

DEBATTEN
& PERSONEN

FREIE SZENE

INTERVIEWS

PREMIEREN-
KRITIKEN

ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski

URAUFFÜHRUNGEN


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal


Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2024 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)