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Premierenkritik

Eierstocklotterie



Jeeps von Nora Abdel-Maksoud - am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Björn Klein

Bewertung:    



Zuallererst ist dieser Abend im Foyer des Stuttgarter Kammertheaters ein Schauspielerfest. Michael Stiller als der Sachbearbeiter Armin in einem Jobcenter, Christiane Roßbach als Hartz-4-Empfängerin, Valentin Richter als Kollege Armins, der sich ständig dagegen wehren muss, dass dieser sich als sein „Vorgesetzter“ ausgibt, und Celina Rongen als wohlhabende Produktdesignerin dürfen beweisen, was für hervorragenden Komödianten sie sein können, wenn man ihnen nur Gelegenheit dazu bietet.

Dabei ist das Thema von Jeeps gar nicht komisch. Es begegnet uns jeden Tag. Man kann sich nur wundern, dass sich die Gegenwartsdramatik seiner bisher nicht angenommen hat. Aber vielleicht ist das gar nicht so verwunderlich. Das Stück von Nora Abdel-Maksoud, das vor zwei Jahren an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde, handelt von sozialer Ungerechtigkeit am Spezialfall des Erbens. Es scheint, dass soziale Fragen im Schatten ökologischer Probleme wie der immer offensichtlicheren Klimakatastrophe, so dringlich sie sind, aus dem Visier junger Dramatiker geraten sind. Die Kategorie der Klasse und mit ihr die Forderung nach Verteilungsgerechtigkeit ist aus den öffentlichen Debatten weitgehend verschwunden, zugunsten des Geschlechts und der Gefahren, die allen, unabhängig von ihrer Klassenzugehörigkeit, drohen wie das Klima eben. Im 18. und 19. Jahrhundert übrigens war das Sujet des Erbens, personifiziert in der Figur des Erbschleichers, noch ein Thema.

Nora Abdel-Maksoud hat von Warren Buffet den schönen Begriff der „Eierstocklotterie“ übernommen. „Die Eierstocklotterie lässt einen Immobilien erben, oder Geld, oder nichts. Unsere Erbrechtsreform ist quasi die zweite Runde. Eine Eierstocklotterie-Reloaded.“

Dass es so ist, ist das Eine. Dass es sich die Leidtragenden gefallen lassen, das Andere. Gabor, der Mitarbeiter im Jobcenter bringt es auf den Punkt, wenn er die Hartz-4-Empfängerin Maude fragt: „Warum sie von Eigentum, für das sie nichts tun musste, nichts abgeben soll, will ich wissen. Warum Sie das für ein Naturgesetz halten, dass Ihre Freundin so viel mehr hat, als Sie. Nur weil sie in der Eierstocklotterie gewonnen hat.“

Armin spricht es ganz unkomisch aus: „Sehen Sie, selbst Menschen, die keine Erbschaft in Aussicht hatten, lehnten eine Erhöhung der Erbschaftsteuer ab. Sie hofften auf ein zufälliges Erbe, diese Vollidioten, und wollten diese Option nicht verlieren.“ Komödien müssen auf ernste Erkenntnisse nicht verzichten. Formal mag sich Jeeps Elemente des Boulevards zu eigen machen. In der Aussage geht das Stück weit darüber hinaus. Man könnte es in der Tradition von Dario Fo verorten, dessen Offene Zweierbeziehung erst kürzlich am Schauspiel Stuttgart Premiere hatte.

Der Regisseur Sebastian Kießer setzt auf filmische Techniken, auf Zeitlupe, Freeze, Lichtwechsel. Er respektiert das Genre – die „Crazy Comedy“ –, ohne es dem Klamauk auszuliefern. Den Rest erledigen die Schauspieler. Ein Fest. Für sie und für die Zuschauer.



Jeeps von Nora Abdel-Maksoud - am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Björn Klein

Thomas Rothschild - 25. November 2023
ID 14494
JEEPS (Foyer Kammertheater, 24.11.2023)
von Nora Abdel-Maksoud

Inszenierung: Sebastian Kießer
Bühne und Kostüme: Ariane Königshof
Licht: Walter Bühler
Dramaturgie: Lennart Göbel
Mit: Christiane Roßbach, Celina Rongen, Valentin Richter und Michael Stiller
UA an den Münchner Kammerspielen: 21. November 2021
Premiere am Schauspiel Stuttgart: 24. November 2023
Weitere Termine: 29.11./ 02., 11., 12., 17., 25.12.2023// 22.01.2024


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de/


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