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Premierenkritik

Menschen

im Hotel



Hotel Savoy - im Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Toni Suter

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Das kommt einem inflationär eingesetzten Trend entgegen: Schauspieler*innen, unterstützt von Kolleg*innen aus der benachbarten Oper, singen zu lassen, was ihnen offenkundig Freude macht und Applaus garantiert. Das weckt den Verdacht, dass auch in Stuttgart eher spekuliert als einer künstlerischen Notwendigkeit gehorcht wurde, zumal der Zusammenhang zwischen Joseph Roths Roman und den eingestreuten Operettenschlagern ziemlich willkürlich oder kaum vorhanden ist. Als Vorwand äußern die Macher, dass viele Operettenkomponisten, weil Juden, ebenso wie Roth ins Exil gejagt wurden. Ob allerdings Franz Lehár, dem Adolf Hitler 1940, im Jahr, in dem Oscar Straus in die USA emigrierte, die Goethe-Medaille verliehen und bei dem sich das Theater pikanterweise den Untertitel geliehen hat – Hotel Savoy oder Ich hol' dir vom Himmel das Blau –, in diesen Kontext passt, ist fraglich. Die Logik dieser „Hybridoperette“ scheint zu lauten: Joseph Roth ist gut, die bekannten Operettenschlager sind gut oder zumindest populär, die Musicbanda Franui ist gut – wie gut erst muss all dies zusammen sein. Anders gesagt: dieser Eintopf – denn das ist mit „hybrid“ gemeint – ersetzt weder die Lektüre von Joseph Roth, noch die Aufführung von Paul Abrahams Operetten und noch weniger eine Geschichtslektion über die Vertreibung von Künstlern, und nicht nur ihnen, ihre „Remigration“ durch die Nationalsozialisten.


„Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“


Mag sein. Aber nicht unbedingt alles zugleich. Zerlegen wir also gutwillig dieses Gemisch in seine Bestandteile:


Joseph Roths zweiter Roman Hotel Savoy von 1924 – da war der Schriftsteller, der mit 44 Jahren, heruntergekommen und verarmt, starb, gerade 30 Jahre alt – zeichnet ein Bild der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg im polnischen Łódź. Es ist geprägt von Elend, von gestrandeten Existenzen, aber auch von wohlhabenden Aufsteigern, die einander allesamt an einem von Roth geliebten Schauplatz, einem Hotel eben, begegnen. Noch ist der Zweite Weltkrieg weit entfernt, noch gibt es in Polen zahlreiche Juden, die in Roths Werk unterschiedliche, aber stets signifikante Rollen spielen. Zentrale Figur ist der aus dem Krieg heimgekehrte Gabriel Dan, der im Roman als Ich-Erzähler auftritt. Auch die Bühnenbearbeitung lässt ihn in der Ich-Form sprechen. Die Herkunft aus der Epik wird nicht camoufliert. Das erleichtert die Übergänge zu den Lied-Einlagen.

So weit, so beschreibend. Dass sich die Befürchtungen als weitgehend unbegründet erweisen, verdankt sich maßgeblich den Arrangements der Musik durch Andreas Schett und Markus Kraler, die den Operetten-Evergreens jegliche Sentimentalität nehmen. Das kleine, viel gefragte Orchester aus Osttirol spielt vorne links vor der ansteigenden runden Bühne eher wie in einem Nachtclub als in einem Operettentheater. Auch ein Schostakowitsch-Zitat ist ihm nicht zu „klassisch“. Dass nicht nur die professionellen Sänger*innen, sondern auch die Schauspieler*innen zumeist hervorragend singen, befreit das Unternehmen von möglicher Peinlichkeit.

Während der Gesangseinlagen wirken die szenischen Aktionen allerdings eher wie eine Verlegenheitslösung. In der Regel wird andeutungsweise getanzt. Männer treten in Tutus, mit Frackrock und Zylinder auf. Gabriel Dan und sein Freund Zwonimir (herausragend: Klaus Rodewald) singen im Duett "Irgendwo auf der Welt". Das klingt anrührend, aber auch ein wenig nach Ufa, die dem jüdischen Komponisten nach der „Machtergreifung“ kündigte.

Nach der Pause singen Gábor Biedermann und Boris Burgstaller als Santschin und dessen Esel in einer Clownsszene das sehr wienerische Chanson "Mehlspeis’!!!" von Ralph Benatzky. Und eins der bekanntesten Lieder von Paul Abraham, "Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände", darf in diesem Zusammenhang nicht fehlen.

Vor ein paar Jahren wurde am gleichen Ort eine Bühnenfassung von Erich Kästners Roman Fabian gezeigt. Man könnte Gabriel Dan aus Hotel Savoy als einen jüdischen Fabian verstehen. In Łódź statt in Berlin und wenige Jahre früher. Fabian ertrinkt am Ende. Gabriel Dan verlässt den Ort, der für Juden bei allen Widrigkeiten eine Heimat war. Auch für den aus Amerika angereisten reichen Bloomfield, alias Blumenfeld:


„Ich komme jedes Jahr hierher meinen Vater besuchen. Und auch die Stadt kann ich nicht vergessen. Ich bin ein Ostjude, und wir haben überall dort unsere Heimat, wo wir unsere Toten haben. Mein Sohn wird ein ganzer Amerikaner sein, denn ich werde dort begraben werden.“


Juden auf Wanderschaft.

Alle, darunter Inga Krischke, die für die erkrankte Paula Skorupa kurzfristig eingesprungen ist, bis auf Marco Massafra als Gabriel Dan, spielen mehrere Rollen. Das ist bei kleinen Ensembles oft eine Notwendigkeit. Am Württembergischen Staatstheater wirkt es bisweilen wie eine Mode. Es kommt einfach zu häufig vor, als dass man eine dem einzelnen Text entsprechende Konzeption vermuten könnte.

Übrigens: Stasia ist eine Kurzform von Stanisława oder Anastazja und wird Stascha ausgesprochen.



Hotel Savoy - im Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Toni Suter

Thomas Rothschild – 23. Juni 2024
ID 14812
HOTEL SAVOY (Schauspiel Stuttgart, 22.06.2024)
ODER ICH HOL' DIR VOM HIMMEL DAS BLAU
Eine Hybridoperette mit der Musicbanda Franui

Inszenierung: Corinna von Rad
Musikalische Leitung: Andreas Schett
Bühne: Ralf Käselau
Kostüme: Sabine Blickenstorfer
Licht: Felix Dreyer
Choreografie: Altea Garrido
Dramaturgie: Gwendolyne Melchinger
Korrepetition: Christopher Schumann
Mit: Marco Massafra (Gabriel Dan), Josefin Feiler (Stasia u.a.), Moritz Kallenberg (Alexander Böhlaug u.a.), Inga Krischke (Bloomfield u.a.), Klaus Rodewald (Zwonimir u.a.), Josephine Köhler (Jetti Kupfer, Varietéangestellte u.a.), Boris Burgstaller (Ignatz, Liftboy u.a.), Gábor Biedermann (Santschin, der Clown u.a.) und der Musicbanda Franui
Premiere war am 22. Juni 2024.
Weitere Termine: 23.06./ 01.-03., 09.-11.07.2024
Eine Kooperation mit der Staatsoper Stuttgart


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de


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