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Premierenkritik

Schlagschatten



Christina Rohde in Hannelore Kohl – Ein Leben im Schatten am Kleinen Theater Bad Godesberg | Foto © Patric Prager

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„Ich möchte Sie nicht warten lassen. Verschwende ich Ihre Zeit?“ Mit dem Rücken zum Publikum sitzt eine Frau an einem Schreibtisch. Sie beschreibt Briefpapier. Der Raum ist dunkel. Immer wieder dreht sie sich zum Publikum. Sie blendet Gesichter in den vorderen Reihen mit einer Taschenlampe. „Ich kenne den Wartezustand gut. Man muss vor allem warten können aber nach vier fünf Stunden echten Wartens kann man nur noch von einem Hund verlangen, dass er sich freut. Ich habe von unserem Hund gelernt. Langweile ich sie etwa? Ich weiß, wie das ist, wenn Lebenszeit verschwendet wird.“ Bitternis, Neugierde auf Publikumsreaktionen und gleichzeitige Unsicherheit der Hauptfigur zieht sich durch in Hannelore Kohl – Ein Leben im Schatten am Kleinen Theater Bad Godesberg. Darstellerin Christina Rohde zeichnet in Ina-Kathrin Korffs Inszenierung eindrücklich eine Bilanz von Hannelore Kohl (1933-2001). Sascha Schmidts Einpersonenstück spielt in der letzten Stunde vor ihrem Selbstmord durch einen Opiate-Cocktail.

„Sie wollen doch eigentlich ihn sehen, nicht wahr?“ Die Frau von Helmut Kohl war mit dem Alt-Kanzler 41 Jahre verheiratet. Als Ministerpräsidentengattin und spätere First Lady führte sie den Haushalt und erzog die gemeinsamen Söhne Walter und Peter. Die Frau an der Seite des Bundeskanzlers achtete sorgsam darauf, dass sie oder die Söhne in der Presse keine Aufmerksamkeit erregen. Christina Rohde zeichnet Hannelore Kohl als zeitlebens treue, sensible, selbstbeherrschte und disziplinierte Frau, deren Rolle im Schatten eines ehrgeizigen Spitzenpolitikers jedoch schlussendlich auch Depressionen zur Folge hatte. Bitter erklärt sie, dass ihr Mann sie bald nur noch „Mutter“ nannte, auch als die Kinder längst ausgezogen waren. Ihre Beziehung war bald nur noch Gewohnheit oder Förmlichkeit oder gänzlich unpersönlich, wenn die Figur zum Publikum sagt: „Ich bin ja nicht allein. Ich brauche nur den Fernseher lang genug anzuschauen, dann sehe ich ihn da irgendwann.“

*

Die Figur auf der Bühne erinnert sich an die Kindheit. Der Vater nannte sie immer „Püppi“. Er starb jedoch früh. In den letzten Kriegstagen im Alter von zwölf Jahren wurde sie von sowjetischen Soldaten mehrfach vergewaltigt. „Wie ein Zementsack aus dem Fenster geworfen“, sagt die Figur auf der Bühne. In Folge der Misshandlungen erlitt Hannelore eine Wirbelverletzung. Sie floh zusammen mit ihrer Mutter.

Als Fünfzehnjährige lernte sie bei einem Tanzabend den achtzehnjährigen Helmut kennen. Zunächst ein bisschen tapsig bewegt sich die Figur auf der Bühne, als würde sie zum Tanze schreiten. Sie erinnert sich an das schicksalhaft bedeutungsvolle Kreuz auf dem Rücken ihres damaligen Tanzkleides. Voller betäubender Gedankenschwere unterbricht die Akteurin ihren Monolog und singt nachdenklich bewegt „Sah ein Knab ein Röslein stehn“. Hannelore studierte nach dem Abitur Sprachwissenschaften, brach das Studium jedoch ab, um früher arbeiten gehen zu können. Helmut und Hannelore heiraten 1960. Später konnte Hannelore für ihren Mann, der auch im Englischen mäßig ambitioniert war, gut übersetzen, wenn sie zuhause internationale Staatsgäste bewirteten. Als Triumph ihrer Kanzler-Ehe bezeichnet Hannelore die Maueröffnung, wo alle Bürger im Chor „Helmut Kohl“ skandierten und sie das einzige Mal öffentlich geweint habe.

Hannelore ruft sich in Erinnerung, wie ihr einst schlanker Mann immer mehr in die Breite ging. „Nächtliche Völlerei vor dem Kühlschrank“, meint sie dazu kopfschüttelnd, missbilligend. Sie schreitet zum Peloton-Fitness-Bike, wo sie schneller spricht und heftig in die Pedalen tritt. Musik vom Band aus den Lautsprecherboxen übertönt kurz ihren Monolog. Lange hält sie nicht durch, und am Ende würdigt sie Witze über ihren Gatten und sie, die sie in einem Kästchen gesammelt hat.

In den Cartoons der Medien war der massige Gatte stets nur die „Birne“, sie wurde als „Barbie aus der Pfalz“, „Landpomeranze mit Betonfrisur“ oder „Pfannkuchengesicht“ belächelt. Zerstreut nimmt sie ein Sprichwort zur Rate: „Was juckt es die Eiche, wenn die Sau sich an ihr reibt.“ Auch andere Witze über ihre Ehe breitet die Frau im Dunkeln genussvoll aus. Kohl wird gefragt, was ihm im Zusammenhang mit dem Wort Liebe einfällt. Er antwortet: „Ja, Spastiker.“ Der konsternierte Journalist bittet um weitere Ausführungen. Kohl erklärt: „Neulich beim Sex sagte meine Hannelore: Na macht’s Spaß, Dicker?“

Den Höhepunkt erreicht die Solo-Performance, wenn Hannelore kurz schmerzvoll in sich zusammensinkt. Sie ist sichtlich menschlich enttäuscht, dass sie der Hochzeit des Sohnes Peter in Istanbul nicht beiwohnen durfte, angeblich wegen ihrer seltenen Krankheit, einer Lichtallergie und später einhergehenden Depression.

Der Abschiedsbrief scheint einer Rücksichtnahme geschuldet, wenn sie an Helmut Kohl kurz vor ihrem einsamen, stillen Tod schreibt: „Ein langes Siechtum in Dunkelheit will ich mir und Dir ersparen.“ Die kurzweilige, liebevoll gestaltete Vorführung am kleinen Theater Bad Godesberg würdigt eine sozial engagierte, zuletzt einsame Frau, der erst durch ihren Suizid eine gewisse größere Aufmerksamkeit zuteil wurde.



Christina Rohde in Hannelore Kohl – Ein Leben im Schatten am Kleinen Theater Bad Godesberg | Foto © Patric Prager

Ansgar Skoda - 6. März 2022
ID 13502
HANNELORE KOHL – EIN LEBEN IM SCHATTEN (Kleines Theater Bad Godesberg, 03.03.2022)
Inszenierung: Ina-Kathrin Korff
Ausstattung: Wesko Rohde
Inspizienz: Lutz Arkenberg/ Kevin Arkenberg
Mit: Christina Rohde
UA im Wohnraumatelier Hannover: 2. April 2004
Premiere im Kleinen Theater Bad Godesberg war am 3. März 2022.
Weitere Termine: 06.-10., 12.-21., 23., 25.-27., 29.03.2022


Weitere Infos siehe auch: https://kleinestheater.eu/


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