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Premierenkritik

Habjan

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Fly Ganymed am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Björn Klein

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Wo man auch hinkommt, ruft er einem wie der Swinegel im bekannten Märchen entgegen: „Ick bün all hier!“ Man fragt sich, wann Nikolaus Habjan eigentlich zum Proben kommt, bei der Häufigkeit, mit der er zwischen Dortmund, Bern und St. Pölten nicht nur inszeniert, sondern auch noch die jeweils benötigten artifiziellen Darsteller designt. Man mag sich schon wundern, worauf das Phänomen beruht, dass die Intendanten und Dramaturgen an dem Puppenspieler solch einen Narren gefressen haben. Das Figurentheater gibt es vermutlich so lange, wie es Theater gibt. Woran liegt es, dass es just heute und fast ausschließlich in seiner Ausführung eines einzigen Künstlers die Sprechtheater- und Opernbühnen besiedelt? Ist es der Überdruss an den anvertrauten Schauspielern, die sich auf die Feinheiten menschlicher Mimik und Gestik einlassen, eine Parallelerscheinung also zu Susanne Kennedys Avataren, oder schlicht eine Mode, die Aushilfe anbietet, wenn es an eigenen Ideen mangelt?

Jetzt ist der allseits gefragte Figaro des Puppentheaters in Stuttgart angekommen und beweist im Kammertheater, dass sein Beispiel im wörtlichen Sinne Schule macht. Die jüngste Premiere am Schauspiel ist eine Kooperation mit dem Studiengang Figurentheater der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Fly Ganymed hat der österreichische Schriftsteller Paulus Hochgatterer geschrieben, mit dem Habjan schon öfter zusammengearbeitet hat. Es handelt sich allerdings nicht um eine Uraufführung, sondern um eine deutsche Erstaufführung. Bereits 2012 wurde das Stück in Wien in der Regie von Jacqueline Kornmüller gezeigt. Es ist die Fortführung einer Szene, die Hochgatterer 2010 für das Projekt des Wiener Kunsthistorischen Museums mit dem modischen Titel Ganymed Boarding als sehr lose Assoziation zum Bild Entführung des Ganymed von Correggio verfasst hat und die schon damals von Habjan und Kornmüller realisiert wurde. Sie handelt ziemlich schematisch von der Flucht zweier Kinder aus einem offenbar von einem Krieg zerstörten Land und ihren Begegnungen mit einem Schlepper, mit Grenzpolizisten und einer Sozialarbeiterin. Erstaunlich freilich, wie klischeehaft Hochgatterer, der im Hauptberuf Kinderpsychiater ist, diese Szenen konzipiert. Was einem unter die Haut gehen müsste, bleibt kühle Rhetorik.

Uneingeschränkter Applaus gebührt den Puppenspielerinnen Adeline Rüss und Anniek Vetter. In schwarzen Trikots und Mützen führen sie die beiden lebensgroßen Figuren, die von der Hüfte aufwärts gebaut sind und sich die Beine ihrer Spielerinnen aneignen. Die bewegen mit der linken Hand den linken Arm ihrer Schützlinge. Mit der rechten Hand manipulieren sie den Mechanismus für den Kopf und den Mund auf dem Rücken der Puppen. Das ist schon virtuos, vollends bravourös wird es durch die Stimme, die sie den Figuren neunzig Minuten lang absolut kompetent verleihen. Das ist zugleich der Haken. Die Professionalität des Puppenspiels, die aufmerksamkeitsheischende Technik lassen das Spiel der Schauspieler vergleichsweise blass erscheinen.

Das liegt allerdings auch daran, dass der Text nicht eben ein großer Wurf ist, dass er in seiner Mischung aus Alltagsdialogen und Poesie – sie kommt als Rede des Großvaters, ohne Lippenbewegungen sparsam angedeutet von Elmar Roloff, aus Boxen – nicht zu fesseln vermag. Schade. Das Thema ist zu wichtig, als dass man es, mit oder ohne Puppen, verschenken dürfte.



Fly Ganymed am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Björn Klein

Thomas Rothschild - 15. Januar 2022
ID 13401
FLY GANYMED (Kammertheater, 15.01.2022)
Inszenierung: Nikolaus Habjan
Bühne und Kostüme: Denise Heschl
Musik: Kyrre Kvam
Licht: Stefan Maria Schmidt
Dramaturgie: Gwendolyne Melchinger
Mit: Adeline Johanna Rüss (Puppenspielerin), Elmar Roloff,
Anniek Vetter (Puppenspielerin), Gábor Biedermann, Jannik Mühlenweg,
Therese Dörr und Gabriele Hintermaier
Premiere am Schauspiel Stuttgart: 15. Januar 2022
Weitere Termine: 18.-22.01. / 14.-19., 21., 22.02.2022
Kooperation mit der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, Studiengang Figurentheater


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de/


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