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Premierenkritik

Grillwürstchen

von der Fackel

der Freiheits-

statue



Farm der Tiere am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Björn Klein

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Die Farm der Tiere (Original: Animal Farm) ist das nach 1984 berühmteste Buch von George Orwell (1903-1950). Der Autor hatte im Spanischen Bürgerkrieg auf republikanischer Seite gegen den Faschismus gekämpft. Nur wenige Jahre später schrieb er seine Dystopie, die übereinstimmend bis in die Details als Parabel auf die Sowjetunion verstanden wurde. Für jede Figur – genauer: für jedes Tier – wurde ein Modell aus der Realgeschichte benannt.

Oliver Frljić, in Bosnien aufgewachsener Kroate und seit mehreren Jahren erfolgreich in Deutschland unterwegs (in Stuttgart hat er Romeo und Julia, Imaginary Europe und Schuld und Sühne inszeniert), hat Orwells Ansatz nicht grundsätzlich verändert. Verändert haben sich die äußeren Umstände. Die Sowjetunion gibt es nicht mehr. Und so ist aus einem zur Zeit der Entstehung aktuellen ein historischer Stoff geworden. Die sowjetischen Verhältnisse lassen sich nur sehr bedingt auf andere autoritäre Systeme übertragen. Das gilt mehr noch für spezifische Ereignisse und für Personen wie Lenin, Stalin, Trotzki. Schon für Breschnew oder Gorbatschow gibt es bei Orwell keine Entsprechungen. Er konnte ja nicht in die Zukunft blicken. Das Problem zeigt sich täglich, wenn muntere Kommentatoren versuchen, Putin als Fortsetzung der sowjetischen Geschichte zu interpretieren. Das stimmt hinten und vorne nicht.

Trotzdem bemüht sich Frljić, die auf die Sowjetunion gemünzten Konstellationen durch kleine Einfälle zu verallgemeinern. Dabei bleibt er an der Oberfläche. Seine Rechnung geht nicht auf. Da wird auf einmal die Freiheitsstatue aufgebaut, aber abgesehen vom Stichwort „Freiheit“ ergibt sich keinerlei Zusammenhang mit Orwells Story. Was hat das Wiegenlied "Hush, Little Baby" mit der Revolution zu tun und was "John Brown’s Body"? Die übermütigen Tiere grillen ihre Würste aus einem ausgeweideten Schwein in der Flamme aus der Fackel der Freiheitsstatue. Ein witziges Bild, aber ohne logische Einbettung.

In der für die Dramatisierung verwendeten Übersetzung sprechen die Tiere einander abwechselnd als „Genossen“ und als „Kameraden“ an. Im Englischen aber ist „comrade“ unter Kommunisten die offizielle Bezeichnung für „Genossen“. Das deutsche Wort „Kameraden“ gehört in einen völlig anderen ideologischen Kontext.

Frljić hat die eineinhalb Stunden in den Kostümen von Pia Maria Mackert grotesk durchchoreografiert. Dafür, nur dafür eignet sich die Musik. Höhepunkt ist ein verbaler Schlagabtausch zwischen Napoleon und Scheeball, hinter denen sich Stalin und Trotzki verbergen. Der eine plädiert für die Drei-Tage-Woche, der andere für die volle Krippe, und die Viecher laufen wie dummes Wählervolk zwischen ihnen hin und her. In dieser kurzen Szene kommt der Stoff zu sich und Frljić zum Stoff, ohne Kentucky Fried Chicken.



Farm der Tiere am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Björn Klein

Thomas Rothschild – 28. April 2024
ID 14719
FARM DER TIERE (Schauspiel Stuttgart, 27.04.2024)
von George Orwell

Inszenierung: Oliver Frljić
Bühne: Igor Pauška
Kostüme: Pia Maria Mackert
Choreografie: Andrea Krolo
Licht: Jörg Schuchardt
Dramaturgie: Sabrina Hofer
Besetzung:
Napoleon ... Julian Lehr
Schneeball/ Mr. Whymper ... Valentin Richter
Quieker ... Hannah Müller
Klee ... Mina Pecik
Boxer ... Felix Jordan
Banjamin ... Gábor Biedermann
Sprecher der Hühner ... Karl Leven Schroeder
Sprecher der Kühe/ Ratte ... Gabriele Hintermaier
OLd Major/ Sprecher der Schafe ... Boris Burgstaller
Statisterie
Premiere war am 27. April 2024.
Weitere Termine: 28.04./ 11., 12., 19.05./ 13., 14., 25., 28.06.2024
-

Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de


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