Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 6

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Premierenkritik

Verjuxt



Angela Winkler und Joachim Meyerhoff in Eurotrash nach dem gleichnamigen Roman von Christian Kracht - an der Schaubühne Berlin | Foto (C) Fabian Schellhorn

Bewertung:    



Mit einer „Tragödie mit komödiantischen Elementen“ hat man es bei dem Roman Eurotrash aus der Feder des Schweizer Schriftstellers Christian Kracht zu tun. So sagt es zumindest die tabletten- und alkoholabhängige Mutter des Protagonisten, eines ebenso unzuverlässigen Erzählers wie in Krachts Debut-Roman Faserland aus dem Jahr 1995. Eurotrash wurde von Verlag und Literaturkritik auch als Nachfolger von Faserland bezeichnet. Die Erzählstruktur und der Ton des Ich-Erzählers sind zumindest recht ähnlich. Man kann in beiden Romanen nicht alles für bare Münzen nehmen, vor allem nicht, dass es sich hierbei um klassisch autobiografisch verbürgte Geschehnisse handelt. Den Erzähler mit Christian Kracht gleichzusetzen, auch wenn er sich in Eurotrash genauso nennt und behauptet vor 25 Jahren einen Roman namens Faserland geschrieben zu haben, führt ebenfalls in die Irre.

Vieles aus dem Roman Faserland, in dem ein junger Mann quer durch Deutschland reist und im Stil der Popliteratur von seinen Erlebnissen berichtet, findet sich so oder ähnlich auch in Eurotrash wieder, nur dass der Protagonist nun gereifter und reflektierter wirkt, aber trotzdem weiter an der Gesellschaft und der deutschen wie der eigenen Familiengeschichte leidet. Auch Faserland fand damals trotz zuerst zurückhaltender Kritik seinen Weg auf die Bühne. Interessant daran war vor allem, wie genau hier Kracht schon den beginnenden Neoliberalismus und das Unvermögen der deutschen Gesellschaft, ihre eigene Geschichte zu reflektieren, beschrieb. In Eurotrash resümiert nun der Erzähler anhand der eigenen Familie die Schwierigkeit gegenüber seiner kranken Mutter die Wahrheit auf den Tisch zu packen. Womit wir wieder beim Eingangssatz wären. In einer tragikomischen Taxifahrt durch die Schweiz versucht jener Christian Kracht aus dem Roman an verschieden Stationen vergeblich seine Mutter aus ihrem deliriösen Verdrängungsmodus zu befreien, bekommt von der schlagfertigen Dame aber jede Menge verbalen Gegenwind zu seinen eigenen Unzulänglichkeiten zu spüren.

*

Ist dieser kurzweilige aber eben nicht besonders aufregende Roman nun Stoff für die Bühne, könnte man sich fragen. Scheinbar ja, denn gleich zwei Theater bringen im November eine Adaption davon zur Premiere. Bevor das Thalia Theater in Hamburg in der Regie von Stefan Pucher nächste Woche an den Start geht, bringt die Berliner Schaubühne eine Fassung von Regisseur Jan Bosse und seiner Dramaturgin Bettina Ehrlich heraus. Und wie in Hamburg auch in Berlin als Zwei-Personen-Abend. Hier mit den Ausnahmeschauspielern Angela Winkler und Joachim Meyerhoff, der selbst autobiografische Romane schreibt und auch schon auf die Bühne gebracht hat. Mit Jan Bosse verbindet ihn die 2018 zum THEATERTREFFEN eingeladene Bühnenfassung von Thomas Melles Roman Die Welt im Rücken. Auch ein autobiografisches Buch, in dem Melle seine Bipolarität beschreibt.

Wie schon an der Wiener Burg soll das eingespielte Team die literarische Bestsellerliste in Theatergold verwandeln. Was an der Berliner Schaubühne aber nur bedingt gelingt. Auch das Vergessen und Erinnern ist so eine Sache, die nicht immer gelingen mag, besonders wenn es sich um die eigene Familiengeschichte handelt. Kracht hat das wie gesagt in seinem Roman wunderbar beschrieben. „Alles was nicht ins Bewusstsein steigt, kommt als Schicksal zurück.“ heißt es da. Hier als Gespenst in der Gestalt der 80jährigen Mutter, die Angela Winkler mit geschminkten Schrammen im Gesicht, strähnigem Haar, knallgelbem Kostüm und Rollator verkörpert. Eine lilafarbene Perücke wirkt da nur zusätzlich absurd. Schon zu Beginn legt Joachim Meyerhoff zwei Flaschen Wodka Gorbatschow auf den Bühnenpodest vor einem eine kahle Betonwand zeigenden Vorhang, mit dem Stéphane Laimé die Hinterbühne verhängt hat. Meyerhoff trägt zunächst Parker, Blondschopf und Bart wie der Autor Kracht, zieht dann aber einen hellblauen Anzug an. So tritt er seiner Mutter, die ihn nach Zürich beordert hat, gegenüber. Die Flucht nach vorn, bedeutet hier, die protestierende Mutter in ein Taxi zu sacken und 600.000 Schweizer Franken vom durch dubiose Geldgeschäfte übervollen Familienkonto abzuheben, um eine Reise nach Afrika anzutreten und das Geld zu verschenken.

All das ist ein riesengroßer Bluff. Die beiden schaffen es nur bis in die Schweizer Berge, erst zu einer neurechten Schweizer Ökonazi-Kommune, von denen der Erzähler in Zürich einen braunen Wollpullover gekauft hatte, dann in den ehemaligen Heimatort Saanen zum Forellenessen, auf einen Berg, um Edelweiß zu sehen und schließlich nach Winterthur in die geschlossene Psychiatrie, in der sich die Mutter ihr geliebtes Afrika imaginiert. Regisseur Bosse lässt noch ein paar weitere Stationen auf dem skurrilen Roadtrip aus, u.a. die Suche nach dem Grab des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges, einem Meister des magischen Realismus. Auch das ein Verweis, dass wir es hier eher mit Fiktion als mit wahrhaftigem Realismus zu tun haben. Der magische Realismus von Jan Bosse erschöpft sich im Bild eines unförmigen Segelboots, das aus dem Bühnenboden hochfährt und zum Reisegefährt von Mutter und Sohn wird. Das bietet für Joachim Meyerhoff viel Platz für Slapstick mit dem Rollator, beim Auf- und Abbauen der Takelage und natürlich nicht zu vergessen der Running Gag beim Wechseln des Stomabeutels der Mutter, die zum ersten Erschauern des Sohnes einen künstlichen Darmausgang besitzt. Das Ding klebt am braunen Pullover, der beim näheren Hinsehen Hakenkreuze eingestrickt hat, was vermutlich in den hinteren Reihen keiner mehr sehen kann.

Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken heißt ein Gemälde von Martin Kippenberger. Auch hier wird die Nazivergangenheit des Großvaters des Erzählers nur am Rande gestreift. Meyerhoff rollt genüsslich die Rs im Namen der blonden isländischen Haushälterinnen, die nach dem Krieg die sadomasochistischen Gelüste des Großvaters befriedigen. Der steife, gefühlslose Vater, der aus einfachen Verhältnissen stammt, ist die „rechte Hand von Axel Springer“ und versucht zeit seines Lebens auch mit dem Kauf von Kunst, vergeblich in höheren Kreisen akzeptiert zu werden. Das sind die familiären Hypotheken die Mutter und Sohn mit sich herumtragen, ohne dass es offen ausgesprochen wird. Das beide noch das Schicksal einer Vergewaltigung in jungen Jahren teilen, kommt auch kurz zur Sprache. „Das erinnere ich nicht“ ist aber meist das Credo der Mutter, die bei Angela Winkler wie eine bös-schrullige Bernhard-Figur rüberkommt. Von dem feinen Witz der Vorlage kaum eine Spur. Die Illusionsmaschine Theater will immer noch einen drauf setzen.

Meyerhoff bekommt noch ein Solo als Bowies Ziggy Stardust. Der Verwandlungskünstler ist ein Idol aus der Jugend des Erzählers, dessen Äußeres und Inneres sich hier immer mehr in Auflösung befindet. Da und in den Passagen, in denen er seiner Mutter Geschichten erzählt und sie ihm gespannt zuhört, kommt die Inszenierung dem Roman tatsächlich nahe. Ein Leben in der Fiktion. Das macht der Abend dann am Ende vollends deutlich, wenn das geschmückte Traumschiff wieder gesunken ist, die Fassade fällt und die Hinterbühne zum Vorschein kommt. Alles nur Trugbilder und Lügen eines Don Quijote oder Peer Gynt, wie es das Programmheft u.a. erklärt. Es geht da eigentlich auch um nicht aufgearbeitete familiäre Traumata, die durch anhaltendes Schweigen vererbt werden. Die Mutter bezeichnet in einem klaren Moment ihr Leben als „eine einzige Anhäufung von Enttäuschungen“. Die erhoffte Katharsis bleibt aber aus. Das hinterlässt beim Lesen ein nachdenkliches Gefühl, was man von Jan Bosses mehr auf Komödie zielender Inszenierung aber nicht wirklich behaupten kann.



Eurotrash mit Angela Winkler und Joachim Meyerhoff an der Schaubühne Berlin | Foto (C) Fabian Schellhorn

Stefan Bock - 20. November 2021
ID 13306
EUROTRASH (Schaubühne am Lehniner Platz, 18.11.2021)
Regie: Jan Bosse
Bühne: Stéphane Laimé
Kostüme: Kathrin Plath
Musik: Arno Kraehahn
Dramaturgie: Bettina Ehrlich / Christian Tschirner
Mit: Joachim Meyerhoff und Angela Winkler
Premiere war am 18. November 2021.
Weitere Termine: 21., 22., 23., 24., 28., 29.11. / 02., 04., 05.12.2021


Weitere Infos siehe auch: https://www.schaubuehne.de


Post an Stefan Bock

Freie Szene

Neue Stücke

Premieren



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!



Vielen Dank.



  Anzeigen:





THEATER Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Rothschilds Kolumnen

BALLETT | PERFORMANCE | TANZTHEATER

CASTORFOPERN

DEBATTEN
& PERSONEN

FREIE SZENE

INTERVIEWS

LIVE-STREAMS |
ONLINE

PREMIERENKRITIKEN

ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski

URAUFFÜHRUNGEN


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal


Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2021 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de