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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

"Überschreibungen" im

deutschen Sprechtheater

DER EINGEBILDETE KRANKE am Schauspiel Köln - als boulevardesker Dünnschiss

Bewertung:    



Mit einem Etikettenschwindel muss als erstes aufgeräumt werden! Der eingebildete Kranke von Molière, der am Donnerstagabend im Depot 2 vom SCHAUSPIEL KÖLN Premiere hatte, stimmt als Titel nicht - er wurde zwar um die Erweiterung "in einer Überschreibung von Barbara Sommer & Plinio Bachmann" ergänzt, aber es handelt sich letztendlich ausnahmslos um deren Aufgeschriebenes, und folgerichtig ließen sich die beiden Schreiber hierfür auch (als stückverfassendes Autoren-Duo) ausbezahlen; und so müsste es dann also richtiger mit "nach Molière" statt "von Molière" bezeichnet sein; ja was denn sonst?!

Vorab:

Das, was als Nachstehendes aufskizziert wird, richtet sich natürlich NICHT gegen die Schauspieltruppe, die das Ganze mit bewunderns- und beneidenswerter großer Lust und guter Laune darbot. Nein, lieber Paul Basonga, liebe Rosa Enskat, liebe Lola Klamroth, liebe Melanie Kretschmann, liebe Anja Lais, lieber Justus Maier, lieber Kei Muramoto und lieber Kais Setti und auch lieber Live-Musiker Radek Stawarz, euch alle meine ich ganz selbstverständlich NICHT!

*

"Überschreibung" ist also das neue Modewort und auch die neue Modewelle für das deutsche Sprechtheater, und sowohl an deutschen als auch österreichischen und Schweizer Sprechtheaterbühnen werden so genannte "Überschreibungen" seither inflationär gebraucht und praktiziert. Ich hoffe und und ich wünsche, dass sich das bald abnutzt und die Intendanzen inkl. ihre dramaturgischen Abteilungen (die diese "Überschreibungen" zumeist in Auftrag geben) zu den Originalen irgendwie wieder zurückgelangen.

Freilich nerven, und das nicht nur beim Lesen sondern auch (viel deutlicher) beim Hören, altbackene deutsche Übersetzungen von alten fremdsprachigen Stücken; diese vielen Schlegels & Co, um beispielsweise auf die alten Shakespeare-Übersetzungen ganz nebensächlich zu verweisen, findest du ja heutzutage kaum noch vorgetragen, und das ist ja auch nicht das Problem, also entweder werden sie gespielt oder halt nicht...

Damit ich um Gottes Willen nicht missverstanden werde: Auch solche der deutschen Sprache wahrlich mächtige Dichter und Stückeschreiber wie beispielsweise Bertolt Brecht und Heiner Müller machten sich an alten Vorlagen, auch solchen von Molière, gelegentlich zu schaffen; Don Juan von Molière (UA Volkstheater Rostock, 1952) oder Don Juan oder Der steinerne Gast (unter Mitarbeit von Benno Besson, UA Deutsches Theater Berlin, 1968), und sowieso scheinen die Stücke und/ oder auch die Persönlichkeit Molières - nicht erst seit dieser "Überschreibungs"mode - ein beliebter Fokus von nicht minder beliebten Regisseuren und ihren Lieblingsschauspielern gewesen zu sein; Luk Perceval und Thomas Thieme stemmten in 2007 ein 4-Stücke-Projekt an der Berliner Schaubühne, und Frank Castorf und Bruno Cathomas versuchten Anfang dieses Jahres der Biografie und der gelebten Zeit des großartigen Komödienschreibers am Schauspiel Köln einigermaßen auf die Schliche zu kommen. Alles schön und gut und legitim!!

Aber??

Sich einfach mal so aufzuplustern und zu meinen, dass (um bei dem M.-Thema zu bleiben) die Molière-Stücke in ihren mehr oder weniger heute noch les- und spielbaren Analogübersetzungen irgendwie scheiße zu inszenieren wären, weil die alten Übersetzungen so furchtbar scheiße klingen und man daher etwas Zeitgemäßeres an Text dem allen "überschreiben" müsste, reichte/ reicht den Aufplusterern letztlich nicht, denn:

Nicht allein dass eine grundlegende Textveränderung (der M.-Stücke) stattfindet, greifen ihre so genannten "Überschreiberinnen" oder "Überschreiber" auch noch dramaturgisch also handlungsmäßig in den jeweils vorliegenden Ur-Text ein. Heraus kommt dann - wie jetzt beim Eingebildeten Kranken - eine modernistisch sich gebarende Pseudoneuschöpfung, die sich zwar auf das handlungsmäßige und dramaturgische Skelett noch zu berufen meint, aber ansonsten lediglich gefälliger Sprach-Mainstream sein will.

B. Sommer & P. Bachmann hatten da recht viel auf Lager, um den Mainstream-Ohren nach dem Mund zu reden, um letztendlich nur noch zu gefallen... es ging unter anderem um Gender, um Corona, um Verdauungsangelegenheiten also Scheiße sowie Scheißen und um noch viel mehr.

Geistiger Dünnschiss, kann ich da nur sagen.

Oder doch bloß nur eine Geschmackssache? ja und weswegen rege ich mich daher eigentlich so künstlich auf?? Ich muss mir solche Scheiße ja nicht nochmal antun.

* *
Inszeniert wurde vom Schauspielintendanten Stefan Bachmann, und der hiesige Chefdramaturg und Dichter Thomas Jonigk (dessen frühere Stücke ich noch immer mag) war für die dramaturgische Betreuung zuständig.



Der eingebildete Kranke am Schauspiel Köln | Foto (C) Thomas Aurin

Andre Sokolowski - 1. Oktober 2022
ID 13830
DER EINGEBILDETE KRANKE (Depot 2, 29.09.2022)
in einer Überschreibung von Barbara Sommer & Plinio Bachmann

Regie: Stefan Bachmann
Bühne und Kostüme: Jana Findeklee und Joki Tewes
Komposition und musikalische Leitung: Sven Kaiser
Choreografie: Sabina Perry
Licht: Michael Gööck
Dramaturgie: Thomas Jonigk
Mit: Paul Basonga, Rosa Enskat, Lola Klamroth, Melanie Kretschmann, Anja Lais, Justus Maier, Kei Muramoto und Kais Setti sowie dem Live-Musiker Radek Stawarz
Premiere am Schauspiel Köln: 29. September 2022
Weitere Termine: 02., 12., 23.10./ 06., 22.11.2022


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel.koeln/


https://www.andre-sokolowski.de

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