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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Stück

aus dem

Horror-

kabinett



Draußen vor der Tür am Berliner Ensemble | Foto (C) Matthias Horn

Bewertung:    



Ursprünglich zum 100. Geburtstag des Autors 2021 geplant, bekommt Michael Thalheimers Inszenierung von Wolfgang Borcherts Kriegsheimkehrer-Drama Draußen vor der Tür ein Jahr später durch den Krieg in der Ukraine unerwartete Aktualität. Mit nur leichten Einschnitten im Text hat Stücke-Sezierer Thalheimer das Stationen-Drama nun am Berliner Ensemble zur Premiere gebracht. Die Titelrolle des an Körper und Seele versehrt aus dem Zweiten Weltkrieg in seine Heimatstadt Hamburg zurückkehrenden Unteroffiziers Beckmann spielt die Schauspielerin Kathrin Wehlisch. Sie steht zu Beginn im Dunkel der Bühne und spricht den Text des Vorspiels, bevor sie lautstark in den Nina-Simon-Song Feeling good einstimmt. Das ist zynisch gemeint und trifft eher die allgemeine Stimmung im Nachkriegs-Deutschland, das von der eiegnen Schuld nichts mehr wissen will.

Die Entscheidung Thalheimers, Beckmann von einer Frau spielen zu lassen, erweist sich hier als echter Glücksfall. Kathrin Wehlisch gibt ihrer Figur eine Dringlichkeit und Verzweiflung, die über eine rein männliche Sicht eines traumatisierten Landsers hinausweist. Wehlisch verkörpert eine der typischen Kunstfiguren Thalheimers. Sie hat verstrubbelte Haare und trägt als Gasmaskenbrille eine Art aufklappbare Schweißerbrille. Die Attribute Beckmanns, die von allen nur als komisch angesehen werden. Ein einsamer, trauriger, irre lachender Horrorclown, der aus der Gesellschaft ausgeschlossen draußen vor der Tür keine Heimat mehr findet und schließlich zum stummen Schrei ansetzt.

Die anderen Figuren des Stationen-Dramas sind noch viel deutlicher künstlich angelegt. Im Bühnenbild von Olaf Altmann, das aus einem Labyrinth von an langen Kabeln vom Schnürboden hängenden und in mehreren Farben leuchtenden Glühbirnen besteht, nähern sie sich immer wieder Kathrin Wehlisch, die fast den ganzen Abend vorn an der Rampe stehen bleibt und ihren anklagenden Text frontal ins Publikum bellt. Vom Traum in der Elbe (Josefin Platt) die ihn wieder an Land spuckt, über das Mädchen (Philine Schmölzer) die den nassen „Fisch“ mit nach Hause nimmt, wo ihn später der Einbeinige (Oliver Kraushaar), der ebenfalls zurückgekehrte Mann des Mädchens wieder vertreibt, bis zum Oberst (Veit Schubert), dem er seine Verantwortung für die gefallenen Kameraden zurückgeben will, und dem Kabarettdirektor (Tilo Nest), der die elend abgerissene Gestalt seinem Publikum nicht zumuten möchte, sind die Nebenfiguren nur als stark übertriebene Karikaturen in skurrilen, einer Freakshow entliehenen Kostümen (Nehle Balkhausen) angelegt. Der weinerliche Gott, an den keiner mehr glaubt, wird von Peter Luppa im weißen Divenkleid gespielt. Der Tod (Jonathan Kempf), der sich an den Leichen, die wie die Fliegen an den Wänden dieses Jahrhunderts kleben, überfressen hat, tritt rülpsend und würgend im Speckrollen-Fatsuit auf. Dazu tönt permanent eine kaum wahrnehmbare, minimalistisch dräuende Hintergrundmusik auf dem Harmonium.

Das alles vermittelt Endzeitstimmung. Der düstere, stilistisch mit Alliterationen, Aufzählungen und Wiederholungen arbeitende Text tut sein Übriges. Besonders eindrücklich ist da auch die Albtraumschilderung des dauermüden Beckmann, der nicht mehr ruhig schlafen kann, und dem jede Verantwortung zurückweisenden Oberst von einem auf Menschenknochen Xylophon spielenden General mit Armprothesen erzählt. Das alles gehört zum den Text verdichtenden Konzept des Regisseurs, der Borcherts Drama aus dem geschichtlichen Kontext des Zweiten Weltkriegs in eine Art Allgemeingültigkeit holen will. Ob das allein durch örtliche Weglassungen zu erreichen ist, bleibt dabei fraglich. Dass die Opfer des Zweiten Weltkriegs nicht allein deutsche Soldaten sind, wird Borcherts Stück mit zunehmendem Aufarbeitungswillen auf deutscher Seite immer wieder vorgeworfen. Regisseure wie Volker Lösch 2013 an der Berliner Schaubühne oder DT-Schauspieler Marcel Kohler letztes Jahr am Deutschen Nationaltheater Weimar begegnetem dem eher mit entsprechenden Hinzufügungen. Das ist Michael Thalheimers Sache nicht. Er lässt den Text für sich allein sprechen. Beckmann bleibt auch hier ohne Antworten draußen vor der Tür. Die Imaginationskraft und Pflicht, sich anhand dieser Inszenierung mit Schuld und Anteilnahme auseinanderzusetzen, dürfte dem Publikum im Angesicht der TV-Bilder vom Krieg in der Ukraine aber zumutbar sein.



Draußen vor der Tür am Berliner Ensemble | Foto (C) Matthias Horn

Stefan Bock - 28. März 2022
ID 13547
DRAUSSEN VOR DER TÜR (Berliner Ensemble, 25.03.2022)
Regie: Michael Thalheimer
Bühne: Olaf Altmann
Kostüm: Nehle Balkhausen
Musik: Bert Wrede
Licht: Rainer Casper
Dramaturgie: Amely Joana Haag
Mit: Bettina Hoppe (Frau Kramer), Jonathan Kempf (Der Tod), Oliver Kraushaar (Der Einbeinige), Peter Luppa (Gott), Tilo Nest (Ein Kabarettdirektor), Josefin Platt (Die Elbe), Philine Schmölzer (Ein Mädchen), Veit Schubert (Ein Oberst) und Kathrin Wehlisch (Beckmann/Der Andere)
Premiere war am 25. März 2022.
Weitere Termine: 30.04. / 01.05.2022


Weitere Infos siehe auch: https://www.berliner-ensemble.de/


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